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Überregional Der Fußball vor der Rückkehr zum Alltag
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10:06 17.11.2009
Von Heiko Rehberg
Per Mertesacker von Werder Bremen und Bundestrainer Joachim Löw während des Trainings. Quelle: ddp
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Es war der Tag nach der Beerdigung von Robert Enke, der für die Nationalspieler und die 96-Spieler mehr war als ein Kollege. Er war ein Freund, ein Ratgeber, einer, der auch dann zuhörte, wenn es in Gesprächen mal nicht darum ging, ob nun die gegnerische Mannschaft die Ecken auf den kurzen oder den langen Pfosten spielt.

Robert Enke war für andere da im Nationalteam und bei Hannover 96. Jetzt fehlt er, und das wird lange, lange schmerzhaft sein. In die Kabine zu gehen und zu wissen, dass der Platz, auf dem Enke gesessen hat, für immer leer bleiben wird. Auf den Rasen zu gehen und zu wissen, dass er, anders als in der Vergangenheit nach Verletzungen, nicht mehr zwischen die Pfosten zurückkehren wird.

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Rückkehr in den Alltag. Das ist einfach gesagt. Diese Rückkehr braucht Zeit, selbst wenn der Trainingsbetrieb wieder läuft wie vorher auch. Es ist eher ein vorsichtiges, langsames Tasten aus dem Dunkeln. Wenn es eine Brücke zurück in den Fußballalltag gibt, dann muss man sie sich für die Spieler der Nationalmannschaft und von Hannover 96 wahrscheinlich als eine Hängebrücke über einer tiefen Schlucht vorstellen. Sie wackelt, man muss sich immer wieder an ihren Seilen festhalten, aber es gibt keinen anderen Weg. Ihn öffentlich gehen zu müssen, unter den Augen von Zehntausenden im Stadion und Millionen vor den Fernsehschirmen – morgen beim Länderspiel in Gelsenkirchen, drei Tage später an derselben Stelle in der Bundesliga –, macht es für diejenigen, die mit Robert Enke Fußball gespielt haben, noch schwerer als ohnehin schon.

Jeder Satz, jede Gestik, jede Mimik wird, betrachtet man sie durch die Augen der Kamera, durch ein unsichtbares Raster geschickt: Kann man schon wieder darüber reden, dass man im Spiel bei Schalke 04 auf Ecken und Freistöße achten muss? Darf man im Training im Zweikampf seinen Kollegen umhauen? Muss man wie Nationalspieler Piotr Trochowski gestern in Düsseldorf Scherze machen? Vielleicht geht es auch andersherum: Muss man nicht vielleicht gerade jetzt über die Schalker Standardsituationen reden oder wie Trochowski mit dem Hochziehen seiner Trainingshose einen kleinen Spaß machen, um von der Traurigkeit nicht erdrückt zu werden? Jeder geht anders mit einer Situation um, für die es im Leben vorher kein Trainingslager gibt.

„Lebbe geht weiter.“ Der Satz stammt von dem Fußballtrainer Dragoslav Stepanovic und ist so etwas wie die unorthodoxe Variante des Satzes, den Theo Zwanziger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), bei der Trauerfeier in der AWD-Arena gesprochen hat: „Das Leben wird wieder seinen Anfang nehmen.“ Stepanovic hatte Anfang der neunziger Jahre durch eine Niederlage bei Hansa Rostock die Meisterschaft mit Eintracht Frankfurt verspielt, aus der Pressekonferenz danach stammt das Zitat, das in keinem Fußballsprüche-Buch fehlt. Aber Stepanovic hatte nur ein Fußballspiel verloren, wenn auch ein wichtiges. Wenn man einen Freund verloren hat, dann geht Lebbe anders weiter.

In den vergangenen Tagen ist viel von der Kraft des Fußballs die Rede gewesen. Und zwar nicht nur von der zerstörerischen Kraft, die das „System Fußball“ (Zwanziger) mit allen Beteiligten entfalten kann, dann, wenn Druck und Erwartungen zu groß werden. Der Fußball entwickelt Gott sei Dank noch immer viel häufiger eine andere Kraft, dann ist er Ablenkung, Unterhaltung, Freude für Millionen. In diesem Zusammenhang ist zu sehen, was Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff sagt vor dem Länderspiel morgen gegen die Elfenbeinküste: „Wir hoffen, dass die Kraft des Fußballs uns hilft, über den Schock hinwegzukommen. Der Anstoß zum Spiel am Mittwoch ist auch wieder ein Anstoß in den Fußball-Alltag.“ Fußball kann auch Trauerarbeit sein.

Bundestrainer Joachim Löw hat eine Rückkehr zur Normalität angemahnt. Was aber ist eigentlich normal? Sind 50.000 Euro Geldstrafe für einen Fußballprofi wie Philipp Lahm normal, der öffentlich seine Meinung sagt? Ist ein Fußballer 94 Millionen Euro wert, wie sie Real Madrid für Cristiano Ronaldo gezahlt hat? Hieße Rückkehr zur Normalität nicht auch, diesen Wahnsinn fortzusetzen?

Der Tod von Robert Enke hat im Fußball viele Fragen aufgeworfen; welche, die direkt damit zu tun haben, andere, die damit nur am Rande zusammenhängen. Sie alle zu beantworten, könnte den Fußball überfordern, nicht jede Antwort ist so einfach wie die auf die Frage, ob 96 „auf Schalke“ spielen soll. Enke selbst hat sie vor drei Jahren gegeben: Sechs Tage nach dem tragischen Tod seiner kleinen Tochter Lara stand Enke beim 1:1 gegen Bayer Leverkusen im Tor der „Roten“. Später sagte er einmal: „Ich bin froh darüber, dass ich schnell wieder gespielt habe.“