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Überregional Die größte Baustelle bleibt die Abwehr
Sportbuzzer Fußball Überregional Die größte Baustelle bleibt die Abwehr
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15:24 02.03.2012
Von Heiko Rehberg
„Die Defensive zu perfektionieren“, sagte Löw, „ist schwierig. Quelle: dpa
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Bremen

Erst kam Laurent Blanc, und es wurde die vermutlich längste Pressekonferenz eines Gästetrainers in den vergangenen Jahren. Der Franzose, als Spieler Weltmeister von 1998, war gut gelaunt, was nach 18 Spielen in Folge ohne Niederlage nicht verwunderte. Er plauderte über dies und das – und vor allem darüber, dass es 100 Tage vor dem Beginn der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine „schön zu wissen ist, dass wir auf Augenhöhe mit Deutschland gespielt haben“. Deutschland, das ist auch schön zu wissen, ist für andere Teams wieder der Maßstab.

Es ging bereits auf Mitternacht zu, als Joachim Löw erschien, der Bundestrainer, und er wirkte gelassen wie immer. Aber nicht gut gelaunt. „Es ist immer ärgerlich, wenn man ein Spiel verliert“, sagte er. „Ich ärgere mich aber auch, wie wir verloren haben.“ Löw musste eingestehen, dass die Franzosen „frischer“ gewesen seien, spielfreudiger, mit mehr Chancen. „Frankreich war uns auch fußballerisch überlegen“, sagte er. Ein solches Eingeständnis geht einem nicht leicht über die Lippen, dessen Mannschaft zuletzt fußballerisch besser war als die ehemaligen Hohepriester des schönen Spiels, Brasilien und die Niederlande. Große Abstände zwischen Mittelfeld und Abwehr habe er bei seiner Elf gesehen, in Löws Fußballwelt ist das so ziemlich die gruseligste Vorstellung, die es gibt. Vor allem in der Defensive sei noch einiges zu tun, „auch Richtung EM“.

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Neu ist diese Erkenntnis nicht, auch der Bundestrainer fügte schnell hinzu, dass er das alles schon vor der 1:2-Niederlage gewusst habe. Neu war aber, dass Löw die Abwehrschwächen seiner Mannschaft so schonungslos benannte, gipfelnd in einem Rückblick: Auch in einigen Spielen davor, so Löw, sei das Defensivverhalten „nicht das Gelbe vom Ei gewesen“. Bis Mittwochabend hatte er diese Defizite stets sanft ummäntelt, diesmal war ihm die Lust dazu offenbar vergangen.

Deutschland hat auf beiden Außenpositionen der Abwehr-Viererkette ein großes Problem; wenn Philipp Lahm wieder gesund ist, lässt sich aber nur eines davon lösen. Beim Hamburger Dennis Aogo (links) muss sich Löw allmählich selbst fragen, warum er ihm immer wieder Chancen gibt, ohne dass er dafür Leistung zurückbekommt. Und der Münchener Jerôme Boateng flankt und schießt viel zu schlecht, inklusive stets dummer Fouls und Trägheitsmomente, um rechts ein Problemlöser sein zu können. Auch in der Innenverteidigung wirkt ohne Per Mertesacker jede Kombination – gegen Frankreich erst Mats Hummels/Holger Badstuber und später Boateng/Hummels – unfertig wie ein Haus im Rohbau.

„Die Defensive zu perfektionieren“, sagte Löw, „ist schwierig. Dazu braucht man viele Trainingseinheiten.“ Erst im Mai, kurz vor der EM, bekommt Löw wieder Zeit und Gelegenheit dazu. Vor der WM 2006 hat er im Auftrag von Jürgen Klinsmann aus einem Hühnerhaufen eine gute Abwehrreihe gebastelt. Er wird das auch diesmal wieder hinkriegen. Von der Qualität seiner Bastelarbeit wird abhängen, ob die Mannschaft mit dem „Wahnsinnsniveau“ (Löw) in der Offensive tatsächlich Titelchancen hat. Bis dahin gilt der Satz von Löw: „Was Ende Februar und Anfang März passiert, das ist nicht entscheidend.“ Höchstens ärgerlich.

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