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Überregional Ehemaliger 96-Coach Peter Neururer bringt Buch heraus
Sportbuzzer Fußball Überregional Ehemaliger 96-Coach Peter Neururer bringt Buch heraus
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06:16 21.10.2012
Von Heiko Rehberg
Peter Neururer stand in seiner Trainerkarriere – hier bei seiner bislang letzten Station MSV Duisburg – oft im Regen.
Peter Neururer stand in seiner Trainerkarriere – hier bei seiner bislang letzten Station MSV Duisburg – oft im Regen. Quelle: M.i.S./Bernd Feil
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Hannover

Hannover 96 spielt im Leben des Fußballtrainers Peter Neururer eine besondere Rolle. Im Anhang des Buches, das Thomas Lötz mit und über Neururer geschrieben hat, sind dessen Trainerstationen im Profifußball aufgeführt: von Rot-Weiß Essen bis MSV Duisburg. Insgesamt zwölf Vereine zwischen September 1987 und Oktober 2009.

Ein Verein taucht in der Liste zweimal auf: Hannover 96. Als einziger Klub haben die „Roten“ Neururer zweimal verpflichtet, Kritiker des fast immer umstrittenen Trainers würden sagen: Als einziger Verein ist Hannover 96 zweimal auf ihn reingefallen ... Aber so einfach ist das dann auch wieder nicht mit diesem Trainer, der stets und überall ein wenig zu laut, zu polternd, zu selbstdarstellerisch aufgetreten ist, um hinter dieser Fassade seriös beurteilen zu können, was er eigentlich ist: ein guter oder ein schlechter Trainer?

Auf Seite 92 des Buches beginnt Neururers erstes Hannover-Kapitel, passend überschrieben mit „Der erste Versuch“. Es entführt in eine Zeit, als unvorstellbar war, dass Hannover 96 irgendwann einmal international spielen würde. Es war die Saison 1994/1995, die „Roten“ waren ein mäßiger Zweitligist, der Trainer hieß Rolf Schafstall, zum 100-jährigen Bestehen des Klubs sollte er 96 wieder in die 1. Liga führen.

Der schillernde Fußballtrainer Neururer hat an einem Buch über sich mitgeschrieben – mit zahlreichen Anekdoten, aber wenig Selbstkritik. Eine besondere Rolle spielt dabei Hannover 96 spielt. Ein Blick zurück auf Neururers Jahre bei den „Roten“.

Als 96 am 11. Spieltag statt auf dem 3. auf dem drittletzten Tabellenplatz stand, löste Neururer den erfolglosen Schafstall ab. Es waren unruhige Zeiten damals in Hannover, mitten in der Saison hatte es einen Präsidentenwechsel gegeben. Dieter Braun war zurückgetreten, auf der Mitgliederversammlung hatte er es sich dann plötzlich wieder anders überlegt, um letztlich doch aufzuhören. Sein Nachfolger wurde Klaus-Dieter Müller, zwei Spieltage vor dem Saisonende teilte er dem Braun-Fan Neururer die Entlassung mit und machte etwas Einmaliges: Er verhängte gegen den Trainer ein Stadionverbot. Als Neururer zu 96 zurückkehrte, 3817 Tage später, musste dies erst einmal aufgehoben werden ...

Das Kapitel „Der zweite Versuch“ ist spannender zu lesen, 96-Fans werden sich dabei schütteln, denn in den Jahren 2005 und 2006 hießen die Neuverpflichtungen nicht Mame Diouf oder Didier Ya Konan, sondern 96 verpflichtete Profis wie Gunnar Heidar Thorvaldsson, ein Stürmer, dem Neururer die Tauglichkeit für die Oberliga abspricht und den der damalige Manager Ilja Kaenzig - so stellt es Neururer dar - ohne Wissen des Trainers verpflichtet hat.

Viele aus dieser Zeit kommen in dem Buch nicht gut weg. Kaenzig nicht, dem Neururer Transfers hinter seinem Rücken vorwirft, Karl-Heinz Vehling nicht („Vom Fußball keine Ahnung“), der 96 damals gemeinsam mit Götz von Fromberg führte, auch nicht der frühere Manager-Assistent Carsten Linke, der auf Kaenzigs Job geschielt habe ...

Es ist kein Enthüllungsbuch, aber zwei bisher unbekannte Details gibt es für 96-Fans dann doch. Glaubt man Neururer, dann hatte Michael Schjönberg, Pokalheld von 1992 und von Kaenzig als Neururer-Assistent eingestellt, die Zusicherung, Cheftrainer zu werden. Es ist eine der Passagen, bei der man für alle Beteiligten damals nur hoffen kann, dass Neururer da etwas übertreibt. Neu ist auch, was sich vor dem 30. August 2006 abgespielt haben soll, dem Tag, an dem Neururer nach völlig missratenem Saisonstart gemeinsam mit Martin Kind - nach kurzer Auszeit wieder im Amt - seine Beurlaubung bekannt gab. Der 96-Klubchef habe ihn nicht feuern wollen, sondern ihm sogar angeboten, den Vertrag zu verlängern. So stellt es jedenfalls Neururer da.

Es ist ein Buch, das von den Anekdoten lebt, und es spricht für den Trainer, dass auch die schönste dabei ist, obwohl sie ihn nicht als strahlenden Helden zeigt, eher als „Vollpfosten“, eines von Neururers Lieblingsschimpfwörtern: Die Geschichte, wie Neururer in Hürth eine Tankstelle demoliert, weil er abgelenkt von einem Telefonat nach dem Tanken vergisst, dass der Schlauch noch im Stutzen steckt und einfach losfährt. Geschätzter Schaden: 200 000 Mark.

Zum Schreien komisch ist auch die Geschichte von Raymond Kalla, dem Verteidiger aus Kamerun, den Neururer zum VfL Bochum holte, um festzustellen, dass „er nicht in der Lage ist, einen Ball von der Strafraumkante einigermaßen stramm aufs Tor zu bringen“. Und von dem er beim Schnelligkeitstraining erkennen muss, dass er selbst schneller ist als sein prominenter Einkauf. Es ist die Geschichte von einem Profi, der zum Leistungsträger und Bundesligastar wird, obwohl er bei jedem Bezirksligaklub im Probetraining durchgefallen wäre.

Neururer erzählt amüsant von Profiklubs mit großer Tradition, die geführt werden, wie man es von einem Dorfklub in der 4. Kreisklasse erwartet. Manchmal denkt man beim Lesen: Das kann doch gar nicht stimmen, zum Beispiel bei Hertha BSC Anfang der neunziger Jahre, so groß ist der Dilettantismus in den Führungsetagen einiger Klubs.

Am Ende sind es in dem Buch fast immer die widrigen Umstände oder die Anderen, die Neururer bei seinen Trainerstationen meist nach kurzer Zeit scheitern lassen. Selbstkritik ist nicht das Ding des Mannes, den der „Tagesspiegel“ einen „begnadet Größenwahnsinnigen“ nennt.

Am Schluss des Buchs steht ein Ultimatum. „Wenn ich in der Saison 2012/2013 keinen Job als Cheftrainer oder als Sportdirektor bekomme, dann ist Schluss“, sagt Neururer, der im Juni auf dem Golfplatz einen Herzinfarkt erlitten hat. Nun könnte man glauben, Neururer sei nicht unbedingt in der richtigen Position, um nach drei Jahren ohne Job ein Ultimatum zu stellen. Aber ganz so ernst meint er das nicht. Falls jemand von Schalke 04, dem VfL Bochum oder dem 1. FC Köln anrufe, sagt Neururer ein paar Zeilen weiter, würde er natürlich eine Ausnahme machen

Thomas Lötz: Peter Neururer. Aus dem Leben eines Bundesliga-Trainers. 188 Seiten. Delius Klasing Verlag, Bielefeld. 19,90 Euro.