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Überregional Ein Stück Freiheit im Strafraum
Sportbuzzer Fußball Überregional Ein Stück Freiheit im Strafraum
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22:54 13.11.2009
Von Heiko Rehberg
Robert Enke (1977 - 2009) Quelle: zur Nieden
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Die Kerzen vor der hannoverschen AWD-Arena, die die Menschen für Robert Enke angezündet haben, sind längst nicht mehr zu zählen. Teddybären liegen vor dem Stadion, Trikots, Schals, Blumen, Mützen, Briefe, selbst gebastelte Herzen, Bilder. Hunderte. Tausende. Jedes einzelne Herz, jeder Teddy, jeder Brief ein ganz persönliches Dokument der Anteilnahme. Auf einem Zettel steht: „Robert, jetzt bist Du in Gottes Elf die Nummer 1“.

Man kann dort stundenlang stehenbleiben, bei der eigenen Bewältigung des Unerklärbaren hilft es zu sehen, dass andere ähnlich oder genauso fühlen.
Irgendwo in dem Lichtermeer hat jemand ein Bild hingelegt, auf dem eine Rose liegt. Es ist ein besonderes Bild. Es zeigt den Fußballtorwart Robert Enke nicht bei einer seiner famosen Paraden zwischen den Pfosten. Es zeigt den Torwart Enke, wie er bäuchlings im Fünfmeterraum liegt, einen Ball zwischen den Händen. Es ist eine Szene aus einem unbekannten Spiel, und doch wirkt sie wie ein Trainingsschnappschuss. Enke liegt dort auf dem Bauch mit dem Ball, als müsste er ihn nicht in ein paar Sekunden wieder weiterspielen, weil sonst der Schiedsrichter einen Freistoß gegen ihn pfeifen wird. Enke liegt im Fünfmeterraum, den Ball sicher, er sieht entspannt aus, an seinem Mund ist zu erkennen, dass er tief durchatmet, der Blick geht nach vorn, und man ahnt, was er gerade denkt: Puh, war schwer, aber den hab’ ich sicher.

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Wenn am Sonntag 40 000, 60 000, vielleicht 100 000 Menschen bei der Trauerfeier in der AWD-Arena Abschied von Robert Enke nehmen, dann werden auf den beiden Leinwänden im Stadion Bilder aus dem Leben des Mannes zu sehen sein, der Idol, Held und Vorbild für so viele war und doch mit 32 Jahren keinen Ausweg mehr für sich sah. Jeder im und am Stadion wird bei dieser Trauerfeier sein eigenes Bild von Robert Enke im Kopf haben.

Die Trauerfeier findet in dem Stadion statt, in dem Enke im Tor gestanden hat, in dem er Siege bejubelt und sich nach Gegentoren geärgert hat wie noch auf den Tag genau vor einer Woche im Bundesligaspiel gegen den Hamburger SV, als er nach dem 1:2 wütend mit den Händen auf den Rasen trommelte, weil er ein Kopfballtor nicht verhindern konnte. Dass dieses Fußballspiel am 8. November Robert Enkes letztes sein würde, konnte niemand ahnen. Dass nur sieben Tage später 30 Meter von dem Platz entfernt, wo er in der 44. Minute gegen Hamburg den Ball aus dem Netz geholt hat, sein Sarg stehen wird, ist noch immer jenseits aller Vorstellungskraft. Was würde man dafür geben, dass am Sonntag 50 000 Menschen kommen, um Robert Enke im Tor zuzujubeln und diese 50 000 das Lied „Die Nummer 1 im Tor haben wir“ singen. Wie schön wäre es, wenn Enke im Tor stehen und die Bälle halten würde wie immer, und wenn er ausnahmsweise mal einen fallen ließe, es wäre so etwas von egal. Hauptsache, er stünde im Tor. Hauptsache, er wäre da.

Er wird auch in Zukunft da sein. In den Herzen aller. In den Träumen. Und in den Bildern, die von ihm bleiben. Es werden vor allem Torwartbilder sein. Enke, wie er durch den Strafraum fliegt. Enke, wie er einen Ball aus der Luft pflückt. Enke, wie er dirigiert. Und auch mal Enke, wie er am Pfosten lehnt, frustriert, weil 96 wie in der vergangenen Saison mal wieder zum Tag des offenen Tores eingeladen hatte und selbst der beste Torwart der Bundesliga nur noch Schlimmeres verhindern konnte.

„Fußball war sein Lebenselixier“, hat seine Frau Teresa gesagt. Fußball spielen zu können, hat Enke Druck genommen, weil der Strafraum für ihn ein Stück Freiheit war. Aber leider ist es auch andersherum so, dass im Fußball ein gewaltiger Druck erzeugt wird, von Trainern, Mitspielern, Klubchefs, Fans und Medien. Enke hat diese Seite der Medaille in Barcelona und Istanbul erlebt, wo er nicht gescheitert ist, weil er dort ein schlechterer Torwart war als später bei Hannover 96. Er hat sich dort als Mensch nicht wohlgefühlt, und wenn man nach einem einzigen Spiel wie in der Türkei mit Feuerzeugen beworfen wird, dann kann das jeder nachvollziehen, selbst wenn er nie im Tor gestanden hat.

Vieles andere kann sich jemand, der nie Torwart war, nicht vorstellen. Enke hat einmal in einem Nebensatz festgestellt, wie wenig Leute, selbst Experten, Ahnung vom Torwartspiel haben. Er hat das nicht als Anklage formuliert, er hat sich darüber nicht beklagt. Es war einfach nur eine Feststellung.

Einige 96-Profis stellen sich manchmal nach dem Training für ein paar Schüsse ins Tor; es ist ein Spaß zu sehen, wie sich Feldspieler dabei anstellen, wenn sie plötzlich die Hände beim Fußball benutzen dürfen, wie sie sich die Finger halten, wenn sie einen harten Schuss abbekommen haben.

Wie leicht ist eine Schlagzeile gezimmert wie von der „Bild“-Zeitung nach dem Hamburg-Spiel vor einer Woche: „Enke patzt“. Und wie schwer sind Bälle wie bei diesem Gegentreffer zum 1:2 zu halten. Drinbleiben, rauskommen – das alles muss in Sekundenbruchteilen entschieden werden. Und was von der Tribüne aussieht wie ein Fehler, muss aus Sicht des Torwarts noch lange keiner sein. Wir Reporter haben da mit zehn Zeitlupen, die wir uns anschauen können, wenn der Ball längst im Tor liegt, oft gut reden.

Wenn ein Mittelfeldspieler einen Ball verliert, dann kann daraus ein Tor werden, muss es aber nicht. Die Abwehrspieler oder eben der Torwart, sie können den Patzer wieder ausbügeln, wie es immer so schön heißt. Torwartfehler führen in der Regel zu Toren. Wenn ein Torwart den Ball durch die Finger gleiten lässt, gibt es kein Sicherheitsnetz. Hinter dem Torwart steht keiner mehr, der ausbügelt.

Robert Enke war ein großartiger Torhüter. Prädikat Weltklasse? Natürlich! Er wirkte im Tor souverän, gelassen, kontrolliert. Wenn man heute von seiner Krankheit weiß, scheint es wie ein Wunder, dass er fast nie Fehler gemacht hat.

Wenn am Sonntag Bilder vom Torhüter Enke auf den beiden Leinwänden der AWD-Arena zu sehen sein werden, dann werden viele Fußballfans sich vielleicht nicht mehr an den 17. März 2007 und das damalige 0:0 von Hannover 96 gegen den Hamburger SV erinnern. Wenn man ihnen aber verrät, dass dies jenes Spiel war, in dem Robert Enke in der 84. Minute in zehn Sekunden drei sensationelle Paraden gezeigt hat, dann werden die Bilder davon wieder da sein. Erst die reflexartige Rettungstat gegen Boubacar Sanogo, dann die nicht minder großartige Abwehr des Schusses von Mehdi Mahdavikia, schließlich das entschlossene Eingreifen beim Versuch von Piotr Trochowski aus der Distanz.

Solche Momente bringen einen Siebenjährigen dazu, Torwart zu werden. Und jede Wette: Am Montag darauf haben unzählige Kickerknirpse ihre Väter und Mütter bequatscht, dass sie unbedingt ein paar Torwarthandschuhe haben wollen und ein Enke-Trikot.

Und was hat Robert Enke, der Mann mit den Weltklasseparaden im Sekundentakt, damals nach dem Spiel gesagt? Robert Enke sagte: „Ich bin dreimal angeschossen worden – was soll man da machen.“