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Überregional Enkes Weggefährten fordern Umdenken im Profisport
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21:56 13.11.2009
96-Präsident Martin Kind (links) und 96-Manager Jörg Schmadtke. Quelle: ddp
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„Die Tragödie Robert Enke gibt Anlass, über bestimmte Dinge nachzudenken, die in dem Geschäft üblich sind und hingenommen werden“, sagte der Manager von Hannover 96, Jörg Schmadtke, in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk. „Wir haben eine Aufgabe gestellt bekommen von Robert, über die sollten wir nachdenken“. In der RTL-Sendung „Stern TV“ fügte Schmadtke am Mittwochabend hinzu: „Wir müssen uns mit der Thematik befassen, was die Betreuung junger Menschen angeht.“

Enkes Ehefrau Teresa und sein behandelnder Arzt hatten die schweren Depressionen des 32-Jährigen auf einer Pressekonferenz öffentlich gemacht. „Es war die freie Entscheidung von Frau Enke. Ich denke, sie wollte auch die Öffentlichkeit für dieses Thema sensibilisieren“, sagte Hannovers Vereinspräsident Martin Kind in mehreren Interviews.

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Der Tod des achtmaligen Nationalspielers Enke, der sich seit 2003 wegen seiner Depressionen in Behandlung befand, rief tiefe Trauer über den Sport hinaus hervor. 35.000 Menschen nahmen am Dienstagabend in Hannover an einem Trauerzug teil. Bei einem Gedenkgottesdienst stand die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) mit Präsident Theo Zwanziger, Bundestrainer Joachim Löw und Nationalmannschaftskapitän Michael Ballack der Witwe zur Seite. Zuvor hatte der DFB das für Samstag angesetzte Länderspiel gegen Chile abgesagt.

Bei einer bewegenden Trauerandacht einen Tag nach Enkes Tod haben mehrere Tausend Menschen in der Marktkirche Hannover Abschied von Nationaltorhüter Robert Enke genommen.

Enkes Krankheit war bis zuletzt für sein berufliches Umfeld unerkannt geblieben. „Robert hat eine perfekte Rolle gespielt, er hat die Öffentlichkeit perfekt getäuscht.(...) Dadurch hat er uns die Möglichkeit genommen, ihm zu helfen“, sagte Schmadtke. Enkes langjähriger Torwarttrainer Jörg Sievers machte deutlich, wie groß das Tabu nach wie vor ist, eine psychische Erkrankung öffentlich zu thematisieren: „Depression wird sicher irgendwo als Schwäche ausgelegt.“ In der Sat.1-Sendung „Kerner“ appellierte Hannovers Präsident Kind an den Sport, Schwächen offen anzusprechen: „Vom Grundsatz bin ich tief überzeugt, dass wir lernen müssen, uns zu öffnen.“

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) mahnte mehr psychologische Unterstützung für Spieler an. VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky sagte am Mittwoch im Deutschlandradio Kultur, die Vereine als Arbeitgeber müssten den Spielern zur Seite stehen und Angebote schaffen. Er lobte Clubs wie Bayern München und den VfL Bochum, die bereits Psychologen beschäftigten. „Es gibt schon gute Beispiele von Clubs (...), die sich öffnen für so eine Thematik. Es wäre wirklich wünschenswert, wenn weitere Maßnahmen folgen würden - wie auch immer dann geartet.“

Auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) denkt über Konsequenzen für das Profigeschäft nach. „Depressionen dürfen kein Tabu-Thema sein. Gemeinsam mit der Vereinigung der Vertragsfußballspieler und unter Einbeziehung der Kommission Sportmedizin des DFB müssen wir darüber nachdenken, wie wir zu einem offenerem Umgang mit dem Thema kommen“, sagte DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus am Donnerstag. Hieronymus verwies darauf, dass sich viele Clubs des Themas der psychologischen Betreuung bereits seit längerem angenommen hätten. Im Lizenzierungsverfahren der DFL sind bisher zwar sportmedizinische Kriterien aufgeführt, nicht explizit jedoch die Beschäftigung eines Psychologen.

Am Mittwoch hatte Bremens Trainer Thomas Schaaf für das bisherige Tabu-Thema Depressionen sensibilisiert. Schaaf richtete nach Bremer Medienberichten vor dem Training am Mittwoch einen Appell an seine Spieler: „Scheut euch nicht, jemandem zu helfen! Scheut euch nicht, Hilfe zu suchen! Achtet aufeinander!“ Schaaf, der seit mittlerweile 31 Jahren im Profi-Fußball ist, sind die möglichen Gefahren in seinem Geschäft bewusst. „Unser Bild in der Öffentlichkeit ist so, dass wir immer stark sein müssen“, sagte der 48-Jährige, „für Schwäche ist in dieser Gesellschaft kein Platz“. Verlangt würden „Stärke, Tatkraft, Überzeugung - das sind Kennzeichen, die unser Metier bestimmen“, meinte Schaaf, der sich der Verantwortung in den kommenden Wochen bewusst ist: „Wir sollten das Thema bearbeiten, wir müssen darüber sprechen.“

Spekulationen, warum Enke den Weg des Selbstmordes wählte, sind für Schaaf fehl am Platz. „Weil Robert in der Öffentlichkeit stand, bekommt sein Tod eine hohe Aufmerksamkeit. Aber schauen wir doch raus in unsere Welt. Es passiert viel zu oft, dass sich Menschen das Leben nehmen.“

lni