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Überregional FIFA-Präsident Blatter tritt zurück
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16:03 03.06.2015
Nicht mehr Fifa-Präsident: Joseph Blatter hat seinen Rücktritt erklärt. Quelle: dpa
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Zürich

Paukenschlag im Fußball-Weltverband FIFA: Mit sofortiger Wirkung ist der umstrittene Präsident Joseph S. Blatter von seinem Posten zurückgetreten. Dies teilte der 79-jährige Schweizer am Dienstag auf der Pressekonferenz in der FIFA-Zentrale in Zürich mit. "Wir brauchen jetzt Zeit, den bestmöglichen Kandidaten für dieses Amt zu finden", sagte Blatter. Vier Tage nach seiner erneuten Wahl zog Blatter damit nach den nicht endenden Korruptionsvorwürfen gegen die FIFA die Konsequenzen.  

Kurz nach seiner Wiederwahl ist Fifa-Präsident Joseph Blatter überraschend von seinem Posten zurückgetreten. Die HAZ zeigt Stationen seiner Karriere in Bildern.

„Die Wahlen sind vorbei, aber die Verwicklungen der FIFA haben kein Ende genommen in dem Skandal“, sagte der 79-Jährige, der den Posten 1998 übernommen hatte. Ein neuer Präsident soll nun bei einem außerordentlichen Kongress gewählt werden. "Wir müssen große Reformen einleiten. Ich stelle mein Mandat zur Verfügung, ich habe hart für Veränderungen und Reformen gekämpft. Aber ich kann das nicht alleine machen."

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Joseph S. Blatter

geboren am 10. März 1936 in Visp/Schweiz, diplomierter Volkswirt 

Funktionen in der FIFA: 1975-1981 Technischer Direktor

1981-1998 Generalsekretär

seit 1998 Mitglied des Exekutivkomitees

seit 1998 Präsident

Zunächst übernimmt Domenico Scala, Vorsitzender der Audit- und Compliencekommission, den Posten. Ein Nachfolger von Joseph Blatter als FIFA-Präsident soll voraussichtlich bei einem Sonderkongress des Weltverbands zwischen Dezember 2015 und März 2016 gewählt werden. Diesen Zeitraum nannte Domenico Scala, Vorsitzender der Audit- und Compliance-Kommission der FIFA, nach der Rücktrittsankündigung Blatters am Dienstag in Zürich. Gemäß Statuten des Weltverbands seien mindestens vier Monate zur Vorbereitung eines Wahlkongresses notwendig. Der nächste reguläre FIFA-Kongress ist erst für den 12. und 13. Mai 2016 in Mexiko-Stadt vorgesehen.

"Ich bin so sehr mit der FIFA und ihren Interessen verbunden. Ich möchte mich bei allen Unterstützern und Wegbegleitern bedanken", sagte Blatter und verließ den Saal ohne Nachfragen zuzulassen.

Erst Wiederwahl, dann Rücktritt

Erst am Freitag hatte sich Blatter trotz Korruptionsskandals erneut zum FIFA-Präsidenten wählen lassen.  Beim FIFA-Kongress hatte er mit 133:73 Stimmen im ersten Wahlgang gegen seinen einzigen Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein zwar nicht die erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit bekommen. Der Jordanier zog jedoch vor einem möglichen zweiten Wahlgang seine Kandidatur zurück. 

Für Blatter waren es in der geheimen Abstimmung die zweitmeisten Gegenstimmen seiner Amtszeit. Der umstrittene Walliser führt die FIFA seit 1998 an und sicherte sich seine Macht für vier weitere Jahre.

Nach dem Rücktritt von Fifa-Chef Joseph Blatter haben sich viele Fußballexperten zu Wort gemeldet. Wir haben die Reaktionen zusammengefasst.

Blatter schob Verantwortung für Skandal von sich

„Wir müssen unser Image wieder verbessern. Morgen müssen wir damit anfangen“, erklärte Blatter in seiner Kandidatenrede. Vor der Wahl hatte er die Verantwortung für den jüngsten Korruptionsskandal mit Festnahmen von sieben Fußball-Funktionären in Zürich auf Einzelne geschoben. „Die Schuldigen, wenn sie denn als schuldig verurteilt werden, das sind Einzelpersonen, das ist nicht die gesamte Organisation.“  

Der Schweizer forderte im Hallenstadion von Zürich angesichts des größten Bebens in der Geschichte der FIFA ein aktives Mitarbeiten der 209 Mitglieder. „Heute rufe ich Sie zum Teamgeist auf, damit wir gemeinsam fortschreiten können. Wir sind zusammengekommen, um die Probleme anzupacken“, sagte er.  

Nach der Anklage der US-Justiz mit insgesamt 14 Beschuldigten zwei Tage vor der Wahl hatten vor allem die Blatter-Gegner aus Europa auf die Sensation für ihren favorisierten Kandidaten al-Hussein gehofft. Auch DFB-Chef Wolfgang Niersbach hatte sein Votum für den FIFA-Vizepräsidenten angekündigt.

FBI-Ermittlungen gegen Blatter?

Nach dem Rücktritt von Blatter berichten US-amerikanische Medien von angeblichen FBI-Ermittlungen gegen den 79-Jährigen. Der Fernsehsender ABC News beruft sich dabei auf nicht genannte "Quellen", die Bundesbehörde dementierte aber bereits offizielle Untersuchungen. Aufgrund der US-Ermittlungen waren bereits sieben FIFA-Funktionäre festgenommen worden. Die Anklageschrift des New Yorker Gerichts belastet 14 Personen, darunter neun aus dem direkten FIFA-Umfeld, schwer.

Es geht um Korruption und die Bildung krimineller Organisationen. Bislang war Blatter nicht auf der Liste der Verdächtigen aufgetaucht. Allerdings, so ABC News, könnten die Verhafteten, beispielsweise die ehemaligen FIFA-Vizepräsidenten, im Rahmen ihrer Befragungen gegen Blatter ausgesagt und die Situation damit grundlegend verändert haben. "Jetzt, wo die Leute sich selbst retten wollen, gibt es möglicherweise ein Rennen, wer zuerst gegen Blatter auspackt", zitiert der Sender eine Quelle.

Bei Twitter meldete sich der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil zu Wort. Er schrieb: "Der Rücktritt von Sepp Blatter ist eine große Chance. Anpfiff für mehr Sauberkeit im Weltfußball!"

Der größte Skandal in der FIFA-Geschichte

Korruption plus Geldwäsche gleich Fußball? Die Festnahmen in Zürich erschütterten die Fifa-Welt. Und das System Blatter geriet ins Wanken.

Es geht um Korruption in dreistelliger Millionenhöhe, um Geldwäsche und allerlei andere schmutzige Deals. US-Justizministerin Loretta Lynch zufolge, die in New York eine Pressekonferenz gab, geht es auch um Vorgänge rund um die bislang letzte Wahl des amtierenden Fifa-Präsidenten Joseph Blatter im Mai 2011. „Diese Personen haben den Weltfußball korrumpiert“, sagte Lynch. „Wir werden diesen Praktiken ein Ende setzen und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen.“ Die Anklageschrift von 47 Seiten erweitert das Bild von einer globalen Parallelgesellschaft, das Bild von einer Mafia innerhalb der Fifa und alles, was darüber in den vergangenen Jahren berichtet worden ist.

Verhaftet wurden in Zürich unter anderen die beiden Fifa-Vizepräsidenten Eugenio Figueredo (Uruguay) und Jeffrey Webb (Kaimaninseln) sowie der gerade ins Exekutivkomitee beförderte Eduardo Li aus Costa Rica. Gegen Figueredo wird auch in Uruguay wegen Korruption ermittelt. Webb, Präsident der nordamerikanischen Konföderation Concacaf, wurde von Blatter seit 2011 als Saubermann und möglicher Nachfolger des Fifa-Bosses präsentiert, sollte dieser irgendwann einmal von der Macht lassen wollen.

Außerdem auf der Anklagebank: die ehemaligen Exekutivmitglieder José María Marín aus Brasilien und Nicolás Leoz aus Paraguay, erwiesene Großkassierer, sowie Jack Warner, langjähriger Fifa-Vize aus Trinidad, der Blatter bei Abstimmungen stets die 35 Stimmen aus Nordamerika im Paket servierte. Leoz wiederum brachte die zehn Stimmen der südamerikanischen Konföderation Conmebol ein. So lief das Jahrzehnte. Blatter war und ist Nutznießer dieses Systems.

Auch der Generalsekretär des Fußball-Weltverbandes FIFA und Vertraute von Präsident Joseph Blatter, Jerome Valcke, soll dem mittlerweile geschassten Vizepräsidenten Jack Warner im Jahr 2008 zehn Millionen Dollar von einem FIFA-Konto überwiesen haben. Im Gegenzug habe Warner Südafrika als WM-Ausrichter 2010 seine Unterstützung zugesagt.

Hochinteressant wird da, was die US-Behörden nun bekannt gaben: Die Söhne Jack Warners, Daryan und Daryll, die bereits 2013 in den USA festgesetzt worden waren, haben sich zu vielen Anklagepunkten bekannt, etwa zu Geldwäsche und großflächigem Betrug. Als Kronzeugen des FBI versuchen sie seither zu retten, was zu retten ist, um nicht lebenslang im Zuchthaus sitzen zu müssen. Die Machenschaften von Chuck Blazer (USA), ebenfalls Exekutivmitglied, waren bereits bekannt. Blazer hat mindestens zwei Dutzend Millionen Dollar abgezweigt, sich in den Anklagepunkten Steuerhinterziehung, Verschwörung, Erpressung, Geldwäsche und anderen Delikten schuldig bekannt und versucht, mit einer Zahlung von 1,9 Millionen Dollar seine Strafe zu lindern. Blazer war, das weiß man seit dem vergangenen Jahr, im Auftrag der Steuerbehörde IRS und des FBI als Agent unterwegs und hat zum Beispiel während der Olympischen Sommerspiele 2012 in London Gespräche mit anderen Fifa-Betrügern aufgenommen.

dpa/sid/r.

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