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Überregional FIFA entgeht Boykott
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08:12 29.05.2015
Joseph Blatter beim Fifa-Kongress. Quelle: dpa
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Zürich

Der weltweit kritisierte Joseph Blatter kann sich nach den turbulentesten Stunden seiner Dauer-Regentschaft auf eine fünfte Amtszeit als FIFA-Chef einrichten. Trotz des jüngsten Korruptionsskandals beim Fußball-Weltverband ist die für Freitag geplante Präsidenten-Kür des 79 Jahre alten Schweizers nach dem Boykott-Verzicht der UEFA wieder hochwahrscheinlich. Die FIFA steht nach Festnahmen und Suspendierungen aber mehr denn je am Pranger. Auch IOC-Präsident Thomas Bach nahm Blatter und Co. mit deutlichen Worten in die Pflicht, die moralische Krise zu beenden.

"Wir wissen, dass dieser Kampf herausfordernd und sehr schmerzhaft sein kann. Es gibt aber keinen anderen Weg, um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen", sagte der deutsche Ober-Olympionike bei der Eröffnung des FIFA-Kongresses am Donnerstag in Zürich. "Alle Fans verfolgen diesen Kongress mit großer Aufmerksamkeit, ich bin einer von ihnen", sagte Bach.

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Zur Ruhe kommt die FIFA so schnell definitiv nicht. Für den Fall des Blatter-Sieges baute UEFA-Boss Michel Platini eine enorme Drohkulisse auf und schloss einen WM-Verzicht aller Europäer nicht grundsätzlich aus. Bei einer Sondersitzung rund um das Champions-League-Finale in Berlin werde man in der kommenden Woche "alle Möglichkeiten ins Auge fassen", sagte der Franzose.

Blatter ruft zum Kampf gegen korrupte Individuen auf

Die Vollversammlung der 209 FIFA-Mitglieder begann mit der üblichen traditionellen Eröffnungsshow inklusive Jodelmusik und Techno-Klängen - fast als hätte es in den 36 Stunden zuvor keine sieben Festnahmen von Funktionären inklusive der Blatter-Vize Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo und knallharte Betrugsvorwürfe der US-Justiz gegeben. Webb wurde am Donnerstag vorläufig des Amtes als Präsident des Kontinentalverbands von Nord- und Mittelamerika enthoben, neuer CONCACAF-Chef ist Alfredo Hawit aus Honduras.

Die dramatische Dimension der Funktionärs-Auseinandersetzungen in den Stunden bis kurz vor dem Kongressstart wurde in der Eröffnungsrede Blatters deutlich, in der der Schweizer zum Kampf gegen korrupte Individuen aufrief. "Ich werde nicht erlauben, dass einige wenige die harte Arbeit der Mehrheit, die so hart für den Fußball arbeitet, zerstören", sagte Blatter. Der FIFA-Boss fürchtet neue Enthüllungen: "Ich bin sicher, dass weitere schlechte Nachrichten folgen werden."

Zuvor hatte Europas Anti-Blatter-Fraktion ihren Boykott-Gedanken verworfen. Die UEFA-Delegierten werden bei der Präsidentschaftswahl am Freitag mitstimmen. Dann soll Herausforderer Prinz Ali bin al-Hussein so viele Voten wie möglich erhalten, um Blatter zumindest symbolisch zu schwächen. Der Machtkampf der Fußball-Alphatiere wird weitergehen und die FIFA in den kommenden Monaten womöglich vor eine bislang nicht gekannte Zerreißprobe stellen.

Nach seiner überraschenden Aussage zum möglichen WM-Verzicht konkretisierte Platini auf eine entsprechende Nachfrage, dass er einen Boykott nicht ankündige, aber dass es "demokratische Entscheidungen" der Landesverbände geben werde. Eine weitere Option, die FIFA-Maschinerie zu schwächen, ist ein kollektiver Austritt der europäischen Mitglieder aus dem FIFA-Exekutivkomitee. Mit diesen verbalen Grätschen will Platini den Druck auf Blatter hochhalten.

"Zu viel ist zu viel"

"Ich bin entsetzt, enttäuscht. Ich habe keine Worte, zu viel ist zu viel", sagte Platini zu den FIFA-Skandalen. "Ich finde das wahnsinnig abstoßend". Für einen Kongress-Boykott gab es unter den Europäern aber keine Mehrheit. Einige Verbände sind gar pro Blatter. Platini hofft auf 45 bis 46 der insgesamt 53 Europa-Voten für Prinz Ali.

Blatter dürfte die Mehrheit von mindestens 105 Delegiertenstimmen sicher sein. Bei einem UEFA-Boykott hätten sich die Konföderationen aus Südamerika sowie Nord- und Mittelamerika womöglich angeschlossen. Ohne ein europäisches Schutzschild werden die durch den Skandal ohnehin in der Krise steckenden Kontinentalverbände CONMEBOL und CONCACAF dies nicht wagen.

DFB-Chef Wolfgang Niersbach hielt sich eine Entscheidung offen, ob er seinen Exko-Sitz unter dem Vorsitz von Blatter antreten will. "Das ist ein Abwägen: Boykottiert man etwas oder geht man ins Exko rein und hat die Chance auch wirklich etwas zu verändern." Der Engländer David Gill will auf seinen Platz im FIFA-Exekutivkomitee definitiv verzichten, sollte Blatter gewählt werden.

Platini berichtete am Donnerstag von einem emotionalen Gespräch unter vier Augen mit Blatter, in dem er seinen einstigen Förderer erfolglos zum Rücktritt aufgefordert hatte. "Es ist nicht leicht, einem Freund zu sagen, dass er gehen soll."

Putin wirft USA ungerechtfertigte Einmischung vor

Der Skandal um korrupte FIFA-Funktionäre und die Untersuchungen der Schweizer Justiz zu den WM-Vergaben 2018 und 2022 in der FIFA-Zentrale beschäftigt inzwischen sogar höchste politische Kreise. Kremlchef Wladimir Putin hat der USA ungerechtfertigte Einmischung vorgeworfen und sich hinter Blatter gestellt.

Organisationen wie Amnesty International fordern den Rücktritt von Blatter. Von ihren Sponsoren wie Adidas und McDonalds bekam die FIFA mahnende Worte. Das Kreditkartenunternehmen Visa forderte "rasche und sofortige Maßnahmen". "Sollte die FIFA dies nicht tun, haben wir sie informiert, dass wir unser Sponsoring neu bewerten würden."

Nach US-Ermittlungen waren am Mittwoch sieben Spitzenfunktionäre in Zürich festgenommen worden. Insgesamt stehen 14 Personen unter Korruptionsverdacht. Die US-Justiz hat auch gegen den früheren CONMEBOL-Chef in Paraguay, Nicolás Leoz, einen internationalen Haftbefehl erwirkt. Jack Warner, eine weitere Schlüsselfigur, hatte sich am Mittwoch in Trinidad und Tobago der Polizei gestellt und kam gegen eine Kaution von 2,5 Millionen Dollar auf freien Fuß.

Das internationale Presse-Echo fiel fatal für die FIFA und Blatter aus. "Ihre dunklen Geister wird sie so schnell nicht los", schrieb die "Neue Zürcher Zeitung". Die New York Times stellte angesichts der Rolle der US-Justiz in dem Skandal süffisant fest: "Die FIFA wollte immer, dass Amerika sich mehr für den Fußball interessiert. Nun, das haben sie jetzt erreicht."

dpa

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