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Überregional „Wir brauchen eine Allianz der Vernünftigen“
Sportbuzzer Fußball Überregional „Wir brauchen eine Allianz der Vernünftigen“
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00:15 25.01.2014
Von Heiko Rehberg
„Diejenigen, die meinen, der Fanblock sei ein rechtsfreier Raum, die müssen von der Allianz der Vernünftigen aus der Anonymität herausgeholt und geoutet werden“: Fanforscher Gunter A. Pilz wünscht sich, dass die Zuschauer Farbe bekennen. Quelle: Archiv
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Herr Pilz, fühlen Sie sich durch die Vorfälle am vergangenen Wochenende in der Kölner Innenstadt, als 200 Hooligans aufeinander eingeprügelt haben, in Ihrer These bestätigt, dass sich die Gewalt mehr und mehr aus den Stadien verlagert?

Der weit überwiegende Teil aller sicherheitsrelevanten Vorfälle trägt sich außerhalb der Stadien zu. Was diese Verlagerung der Gewalt anbelangt, so zeigt sich, dass zusätzliche Kontrolle und mehr Repression das Problem allein nicht lösen, sondern nur verlagern. Die Erkenntnis ist aber nicht neu: Bereits 1982 haben wir in unserem ersten Gutachten zur Fangewalt prophezeit, dass die weitgehende Kontrolle der Stadien zu einer Verlagerung der Ausschreitungen in die An- und Abmarschwege führt und zu einer weiteren Zerstreuung in weniger kontrollierbare und immer sport- und stadionfernere Bereiche.

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Im November 2013 trafen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig zum ersten Mal nach 37 Jahren in der ersten Bundesliga aufeinander. Vor und nach dem Spiel kam es zu Auseinandersetzungen.

Das Derby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig in der Bundesliga-Hinrunde hat wiederum gezeigt, dass auch der Stadionbesuch manchmal keinen Spaß mehr macht. Sie haben anschließend gefordert, Ultras Grenzen aufzuzeigen. Wie kann das aussehen, und welche Möglichkeiten hat der „normale“ Stadionbesucher?

Eine Gesellschaft ganz ohne Gewalt wird es nie geben, und dies gilt auch für das Fußballstadion. Aber wir können und müssen das Risiko minimieren. Dazu gehört – neben einem unmissverständlichen Bekenntnis zur Repression und einer Null-Toleranz-Philosophie gegenüber den wenigen Unbelehrbaren – ganz klar der Einsatz und die Verstärkung von präventiven Maßnahmen. Wenn gegen Respekt und Fairplay verstoßen wird, wenn über Gebühren gepöbelt, diskriminiert, beleidigt  wird, erwarte ich, dass alle, die das nicht gutheißen, geschlossen signalisieren: Das wollen wir im Stadion nicht haben.

Eine Allianz der vernünftigen Stadionbesucher sozusagen ...

Genau. Ich bin mir sicher, dass man das Problem allein mit Kontrollen nicht gelöst bekommt. Das kann nur durch eine Allianz der Vernünftigen gegen diese Chaoten gelingen. Diejenigen, die meinen, der Fanblock sei ein rechtsfreier Raum, die müssen von der Allianz der Vernünftigen aus der Anonymität herausgeholt und geoutet werden. Wenn wir die wenigen decken, die die Sicherheit im Stadion gefährden, dann tragen wir mit dazu bei, dass die Stadionordnungen immer restriktiver und repressiver ausgestaltet werden. Und dass die Freiheit im Stadion und damit auch das Aus- und Erleben von Emotionen, ohne die der Fußball seine Seele verliert, immer mehr eingeschränkt werden.

Gunter A. Pilz hat sich vor allem als Gewalt- und Konfliktforscher in den Bereichen Sport und Gesellschaft einen Namen gemacht und ist in Deutschland der profilierteste und gefragteste Fußball-Fanforscher.  Der 69-Jährige ist Leiter der Kompetenzgruppe „Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit“ (KoFaS) am Institut für Sportwissenschaft der hannoverschen Leibniz Universität. Pilz wohnt in Celle-Nienhagen. Quelle: Archiv

Ist man ein Nestbeschmutzer, wenn man jemanden anzeigt, der im Stadion gezielt mit seinen Maßnahmen dafür sorgt, dass dem Verein und dem Großteil der Fans ein Riesennachteil entsteht?

Nein, jetzt sind alle in der Pflicht. Wir haben zu lange einer Kultur der Verharmlosung und Empörung gefrönt. Wir dürfen uns nicht nur empören, sondern müssen uns zusammentun und eine gemeinsame Allianz gegen die Chaoten bilden, gerade und besonders zum Erhalt der bunten, lebendigen und kreativen Fankultur, um die uns die ganze Fußballwelt beneidet.

Welche Rolle können die Vereine und auch die Spieler übernehmen?

Ich ärgere mich immer wieder, wenn nach einem Spiel, bei dem sich ein Teil der Ultras danebenbenommen oder sogar für Spielunterbrechungen gesorgt hat, die Mannschaft in die Kurve läuft und den Ultras Beifall zollt. Wie wäre es denn, wenn die Mannschaft von Hannover 96, nachdem die Ultras mit ihrer Choreografie und Bannern sowie dem pausenlosen Zünden von Pyros negativ aufgefallen sind, vor der Kurve abgedreht wäre? Wenn die Spieler, statt Beifall zu klatschen, sich sofort in die Kabine begeben hätten, um am nächsten Tag in einem offenen Brief der Kurve mitzuteilen, dass sie die Unterstützung der Fans brauchen und schätzen, dass die Mannschaft die Pyros, die Beschimpfungen und Beleidigungen aber in keiner Weise akzeptieren kann und will und deshalb nicht in die Kurve kam?

Können Sie einer Familie mit gutem Gewissen zum Besuch eines sogenannten Risikospiels raten?

Nach den Ereignissen wie beim Spiel zwischen 96 und Eintracht Braunschweig ist man leicht geneigt, diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten. Dennoch glaube ich, dass sich auch bei diesem Spiel weit über 90 Prozent der Besucher sicher gefühlt haben und keine Angst hatten. Wir haben die sichersten Stadien der Welt, um die uns die Welt beneidet. Das sind Hochsicherheitstrakte. Aber es bleibt immer ein Restrisiko, solange es Leute gibt, die meinen, dass ein Stadion ein Freiraum wäre, in dem man machen kann, was man will.

Muss beim Abbrennen von Pyrotechnik wirklich erst etwas Dramatisches passieren, dass das im Stadion endlich aufhört?

Ich fürchte fast ja, obwohl es in der Vergangenheit auch in Hannover schon mehrere Situationen gab, die zum Teil sogar lebensbedrohlich waren. Ich habe mich noch vor ein paar Jahren für die Legalisierung, das kontrollierte Abbrennen von Bengalos im Stadion, starkgemacht. Doch Pyrotechnik hat mittlerweile das Stadium des Stilmittels und der Provokation und territorialen Eroberung verlassen und ist in das Stadium der Gewalt eingetreten. Wenn ich mit Pyrotechnik, Leuchtkugeln und Bengalos auf gegnerische Fans ziele und dabei bewusst in Kauf nehme, selbst Kinder zu treffen und zu verletzen, wenn ich gezielt auf den Rasen in die Nähe von Spielern schieße, dann ist dies schlicht und ergreifend kriminell. Auch den letzten Befürwortern einer kontrollierten Legalisierung von Pyrotechnik muss klar sein, dass es keine Alternative zum absoluten und unumkehrlichen Verbot von Pyrotechnik im Stadion gibt und geben kann. Wer dies anders sieht, hat im Stadion nichts zu suchen.

Haben Sie Hoffnung auf Einsicht bei den Fans, die Pyros befürworten?

Wenn ich mir für die Bundesliga-Rückrunde etwas wünschen darf, dann Folgendes: dass die Ultras die Kreativität und Energie, die sie bislang für das Schmuggeln und Einschleusen der Pyros ins Stadion verwenden, in Zukunft dafür aufbringen, sich Gedanken zu machen für legale, alternative und attraktive Medien zur Erzeugung von Stimmung.

Interview: Heiko Rehberg

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