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15:45 08.01.2014
Wegen der Hitze: Die Fußball-WM 2022 wird im Winter ausgetragen - hier das Stadium Al-Gharafa in Katar. Quelle: dpa
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London/Berlin

Findet die Fußball-WM in Katar nun im Sommer oder im Winter statt?

Fest steht weder das eine noch das andere. Zwar hat Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke im französischen Radio verkündet, die heftig kritisierte Entscheidung für eine WM in der Wüstensonne Katars sei revidiert und der Termin auf den Winter verschoben worden. Doch kaum ging die Meldung auf allen Nachrichtenkanälen um die Welt, kam das erste Dementi: Jim Boyce, Fifa-Vizepräsident, zeigte sich "schockiert" über die Äußerungen des Generalsekretärs. Die Entscheidung darüber falle schließlich kein einzelner Vertreter des Fußball-Weltverbandes, sondern das Exekutivkomitee, sagte Boyce am Mittwoch dem TV-Sender Sky Sport. "Stand jetzt bleibt das Turnier im Sommer", betonte Boyce.

Fest steht also lediglich: Eine belastbare Entscheidung wird es wohl erst nach der Weltmeisterschaft diesen Sommer in Brasilien geben. "Der Beratungsprozess wird nicht überstürzt und bekommt die notwendige Zeit, alle relevanten Elemente in Betracht zu ziehen", teilte die FIFA am Mittwoch in einer schriftlichen Erklärung mit.

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Was Valcke zu dem Alleingang bei der Verkündung der vermeintlichen Entscheidung verleitete, ist bislang nicht bekannt. Sollte die Terminverschiebung indes beibehalten werden, ist der Grund dafür indes nicht schwer zu erraten: Die Vergabe des Turniers an das Scheichtum auf der arabischen Halbinsel war heftig kritisiert worden, weil dort im Sommer sehr hohe Temperaturen herrschen. In den heißesten Monaten liegt die Durchschnittstemperatur zwischen 35 und 45 Grad. Weil das für jeden Sportler (und auch die Zuschauer in den Stadien) eine Zumutung wäre, sollten die Arenen gekühlt werden, um die Spiele ohne Gesundheitsgefahren abhalten zu können. Die Temperatur in Stadien per Klimaanlage etliche Grad Celsius zu senken, wäre ein Novum in der Fußballgeschichte – und eine Riesenherausforderung an die Techniker. Das Scheichtum winkte bei kritischen Fragen zur Machbarkeit in den vergangenen Monaten regelmäßig ab: „Kein Problem“, hieß es wiederholt von Sprechern. Den Beweis müssen sie nun womöglich nicht mehr liefern.

Wie sind die Temperaturen in Katar im Winter?

In den Wintermonaten liegt die Durchschnittstemperatur bei rund 25 Grad Celsius. "Perfekt zum Fußballspielen", sagte Valcke laut Medienberichten. Vergleichbare Temperaturen herrschten unter anderem in Deutschland beim „Sommermärchen“, der WM 2006 in Deutschland. Solche Temperaturen dürften also weder den Spielern noch den Zuschauern etwas ausmachen. Über die Bedingungen des arabischen Winters können übrigens in Kürze einige deutsche Sportler berichten: Der Staat beheimatet die Winter-Trainingslager der Fußball-Bundesligisten Bayern München und Schalke 04.

Steht Katar als Austragungsort nur wegen der Wüstenhitze in der Kritik?

Nein. Erst kürzlich hatte sogar Fifa-Boss Joseph Blatter in bislang nicht gekannter Form die Verhältnisse beim Bau der Stadien in Katar kritisiert. Es geht vor allem um die teilweise menschenverachtende Lage von Wanderarbeitern. Auch DGB und DFB hatten sich nach der Veröffentlichung eines Berichtes von Amnesty International vehement für eine Verbesserung der Situation starkgemacht. Das WM-Organisationskomitee in Katar versprach daraufhin, die Bedingungen für die Migranten zu verbessern. Zwar äußerten sich auch viele Sportler und Funktionäre erschrocken über die Ausmaße der Ausbeutung von Gastarbeitern. Startverzichte oder gar Absagen von Veranstaltungen wird es aber nicht geben. Dafür lockt Katar weiter mit zu viel Geld.

Und was hält man in Katar von der Sommer-Winter-Debatte?

Eine Weltmeisterschaft im Winter - nichts weist das Organisationskomitee in Katar energischer von sich. In den Planungsräumen, die standesgemäß in einem der Hochhäuser in Dohas Innenstadt untergebracht sind, werden diese Gedankenspiele nur als eine fixe Idee von westlichen Fußballverbänden abgetan. In Hintergrundgesprächen erntete Besucher aus Europa schon im vergangenen Jahr ein Kopfschütteln oder säuerliche Mienen, wenn die Kritik angesichts von Temperaturen im Sommer um die 50 Grad Celsius anklang. Schnell stellen die entscheidenden Leute stets klar: Katar habe sich ein Sommer-Turnier beworben, die FIFA habe sich für Katar UND für Spiele im Sommer entschieden. Doch selbst der mächtige FIFA-Präsident Joseph Blatter sagt mittlerweile: „Wenn es möglich ist zu einer anderen Zeit zu spielen, wäre das aber besser."

Dennoch tut sich Katar mit einem Rückzieher schwer. Es wäre nicht bloß ein Ansehensverlust, was im arabischen Raum nicht eben eine Kleinigkeit ist. Wer die WM verschiebt, muss sich bewusst sein. Die FIFA würde mit der Verlegung quasi unterstellen, dass es Katar eine Sommer-WM nicht zutraut. Dabei hat das Emirat vom Persischen Golf explizit mit seinem Knowhow geworben. Trotz extremster Hitze sei man in der Lage, fröhliche und sportlich sehenswerte Spiele auszurichten. Dazu sollte ein großer technischer Aufwand mit aufwändigen Kühlanlagen für Stadien betrieben werden.

Doch für Katar ist das Fußball-Turnier weit mehr. Es ist für den Staat die Gelegenheit, sich als fortschrittliches Land zu präsentieren. Denn Katars wirtschaftlicher Aufstieg ist noch nicht alt. Erst 1971 wurde vor der Küste des Wüstenstaates ein riesiges Gasfeld gefunden, das seit Mitte der 1980er Jahre dank einer Gasverflüssigungsanlage dem kleinen Land einen enormen Reichtum bescherte. Mit dem Fußball soll nun die internationale Anerkennung kommen: „Sport ist der beste Weg, um jedermann auf dem Globus zu erreichen", sagte der ehemalige Emir Scheich Hamad bin Khalifa Al-Thani, der die WM-Bewerbung vorangetrieben hatte.

 rtr/dpa/mic/kol

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