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Überregional „Wenn der Ball rollt, geht gar nichts mehr“
Sportbuzzer Fußball Überregional „Wenn der Ball rollt, geht gar nichts mehr“
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00:22 20.06.2015
Von Christian Purbs
Foto: Frank Zürn ist seit 2000 Trainer der deutschen Gehörlosen-Nationalelf.
Frank Zürn ist seit 2000 Trainer der deutschen Gehörlosen-Nationalelf. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Herr Zürn, den 2:0-Sieg des deutschen Teams gegen Schweden zum Auftakt der Gehörlosen-EM in Hannover haben sich 1500 Zuschauer angeschaut. Sind Sie mit der Resonanz zufrieden?
Das war eine schöne Kulisse für uns, mit der wir gut leben können.

Gab es Turniere, bei denen das Interesse größer war?
Ja, die legendären Deaf-Olympics in Taipeh in Taiwan. Da war die ganze Stadt beflaggt, es gab eine riesige Eröffnungsfeier, und beim Finale waren 25 000 Leute im Stadion. Das war aber die Ausnahme und hatte politische Gründe. Die Veranstaltung fand ein Jahr nach den Olympischen Spielen in Peking statt, sollte ein Konkurrenzprogramm zu Olympia sein. Aber das war einmalig. Normalerweise findet unser Sport fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Woran liegt es denn, dass kaum einer weiß, dass es eine Nationalmannschaft im Gehörlosen-Fußball gibt?
Zum einen ist die Behinderung während des Spiels nicht zu erkennen. Es sieht aus wie ein ganz normales Fußballspiel, noch dazu auf einem nicht allzu hohen Niveau, da es nur 1500 organisierte gehörlose Fußballer in Deutschland gibt. Man kann also nicht erkennen, dass da Menschen mit einer Behinderung spielen. Deshalb ist das mediale Interesse kaum vorhanden. Provozierend könnte man sagen: Wenn da lauter Beinamputierte spielen würden, dann wäre das visuell etwas ganz Besonderes und würde für Aufmerksamkeit sorgen. Das können wir nicht bieten. Zum anderen fehlt uns das Personal für eine nachhaltige Öffentlichkeitsarbeit.

Sie sind seit 15 Jahren Bundestrainer. Wie kam es dazu?
Meine Eltern sind gehörlos, dadurch war die Affinität zu den Gehörlosen schon immer da. Auch im hörenden Bereich habe ich als Trainer gearbeitet und zum Beispiel die badische Auswahl trainiert. Irgendwann wurde ich angesprochen und habe das Team dann übernommen.

Das hört sich unkompliziert, fast schon familiär an.
Es gibt ja nicht nur die professionelle Ebene, sondern auch die private Seite, die die Zusammenarbeit oftmals drollig macht. Die Jungs sind total unkompliziert und wissbegierig. Geld spielt keine Rolle, weil keiner etwas bekommt. Das macht den Sport jungfräulich. Und das begeistert mich.

Wer sind die Stars in Ihrem Team?
Wir haben nicht die Stars, die andere Nationalteams haben. Bei uns sind keine Profis dabei. Während andere Länder solche Spieler freistellen, kriegen wir die Spieler gar nicht. Simon Ollert etwa, der in der Regionalliga bei Unterhaching spielt, wird für die EM von seinem Club nicht freigestellt. Da schließt sich dann auch der Kreis. Wenn solche Spieler bei uns dabei wären, wäre sicherlich auch das Interesse der Öffentlichkeit größer.

Könnte es ein Spieler wie Simon Ollert auch in die Bundesliga schaffen?
Ich denke, dass gehörlose Spieler von der individuellen Klasse her eine oder zwei Ligen höher spielen könnten, weil sie alles mit dem peripheren Sehen machen müssen. Bei uns spielen die meisten Spieler in einem Kreisklassen-Team von Hörenden. Einige von ihnen könnten aber locker in der Landesliga spielen.

Können Sie während des Spiels noch Einfluss nehmen?
Wenn der Ball rollt, geht gar nichts mehr. Eigentlich sollten die Spieler in den Unterbrechungen zu mir schauen, aber das funktioniert auch nicht immer. Da brauche ich nicht rumzukaspern; das hilft nichts.

Und wie schimpfen Sie nach einer schlechten Halbzeit mit den Spielern in der Pause?
Es gibt ja auch die Möglichkeit, über den Gesichtsausdruck und die Schnelligkeit der Gesten deutlich zu machen, dass ich nicht amüsiert bin. Da werden die Augen aufgerissen und die Augenbrauen zusammengezogen. Die Spieler merken schnell, ob ich zufrieden bin oder nicht.

Im Viertelfinale spielen Sie wahrscheinlich gegen den Top-Favoriten Russland, dessen Spiel gegen England mit 0:2 gewertet wurde, weil die Russen einen gesperrten Spieler eingesetzt haben.
Mit den Russen können wir uns eigentlich nicht messen. Aber vor zwei Jahren hatten wir sie am Rande einer Niederlage, vielleicht gelingt uns das noch einmal. Aber vielleicht wird noch ein anderer Spieler bei den Hörtests erwischt.

Das müssen Sie erklären.
Bei den Hörtests, die es genau wie die Dopingprobe für ausgeloste Spieler während des Turniers gibt, wurde ein russischer Spieler erwischt, der hören kann.

Die haben geschummelt?
Ja. Das haben wir schon länger vermutet. Die Trainer haben während des Spiels immer reingebrüllt. Da haben wir uns gefragt, warum die das machen. Jetzt wissen wir es.

Wenn es mit dem EM-Sieg am 27. Juni klappt, wie wird dann gefeiert?
Auch feiern können die Jungs richtig gut, dann werden sie es ordentlich krachen lassen.

Interview: Christian Purbs

16.06.2015
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