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Überregional „Bayern ist das Maß aller Dinge“
Sportbuzzer Fußball Überregional „Bayern ist das Maß aller Dinge“
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00:15 13.03.2014
Von Björn Franz
Per Mertesacker lebt seinen fußballerischen Traum. Quelle: dpa (Archiv)
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Hannover

Herr Mertesacker, waren Sie vergangene Woche ganz froh, dass die Bayern-Profis Philipp Lahm, Toni Kroos, Bastian Schweinsteiger und Co. in der Nationalmannschaft einmal in ihrem Team standen?
(lacht) Ja, das kann ich nur bestätigen. Es freut einen natürlich, wenn man die besten deutschen Spieler auch einmal in seiner Mannschaft hat. Ihnen als Gegner gegenüberzustehen, ist schon ein komisches Gefühl. Aber mittlerweile ist es schon fast normal, dass wir einerseits Teamkollegen und andererseits Konkurrenten sind. Man freut sich einfach, dass man sich in der Champions League auf höchster Ebene duellieren kann.

Gab es denn wegen des Rückspiels zwischen den Münchenern und ihrem FC Arsenal bei der Nationalmannschaft auch ein paar Frotzeleien?
Ein bisschen schon. Es ist aber so, dass wir uns untereinander gegenseitigen Respekt verschafft haben, und das spiegelt sich dann auch in den Aussagen wider. Beide Seiten wissen, dass sie kein einfaches Los erwischt haben – aber man freut sich einfach darauf, sich wiederzusehen.

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Im vergangenen Jahr haben Sie das Hinspiel in London mit Arsenal verloren, diesmal wieder. Haben Sie denn trotz des 0:2 im Rückspiel in München überhaupt noch eine realistische Chance?
Ich glaube schon, dass die Chance da ist. Aber ich glaube auch, dass man einfach zugeben muss, dass die Bayern im Moment auf einem unheimlich hohen Niveau spielen. Da gehört einiges dazu, sie zu besiegen. Und sie noch einmal zu besiegen – weil sie jetzt ja aus dem vergangenen Jahr wissen, dass sie uns niemals unterschätzen dürfen –, wird noch schwerer. Bayern ist im Moment einfach das Maß aller Dinge. Nicht nur in der Bundesliga, sondern auch international. Aber wir wollen versuchen, sie mit unseren Mitteln noch einmal zu ärgern. 

Was macht denn die Bayern so stark?
Natürlich haben sie eine individuelle Qualität, sie sind aber auch als Team in den vergangenen Jahren gereift. Borussia Dortmund hat ihnen da einiges vorgemacht, wenn man drei, vier Jahre zurückdenkt. Aber danach haben die Bayern eine gewisse Stärke und einen gewissen Teamgeist angenommen, der sie im Moment schwer zu schlagen macht. Sie haben einfach diese Mischung und den ganz großen Plan, was sie machen wollen. Und das setzen sie mit einer Akribie durch, die nach Jupp Heynckes durch Pep Guardiola jetzt noch einmal verfeinert worden ist, um sich nach einer Triple-Saison noch einmal zu verbessern. Das macht sie im Moment zu einer explosiven Mischung. 

Die ist sogar so explosiv, dass in der Bundesliga inzwischen viele Gegner jammern, die Dominanz sei zu groß. Ist diese Überlegenheit noch gut für die Liga?
Diese Überlegenheit haben sich die Bayern hart erarbeitet, das muss man neidlos anerkennen, daher verstehe ich diese Diskussion nicht. Dortmund hat den Titel vor einigen Jahren auch gewonnen und verteidigt – wenn es da auch ein bisschen enger war. Da haben sich die Bayern nach einer titellosen Zeit auch wieder zurückgekämpft, und jetzt müssen eben andere Mannschaften versuchen, wieder ranzukommen. Alle anderen Klub können die Bayern zweimal die Woche sehen mit ihrer unglaublichen Konstanz und müssen überlegen, was sie sich davon abschauen können. Jede Mannschaft ist einfach Jäger im Moment. 

Ihre beiden ehemaligen Bundesligaklubs – Hannover 96 und Werder Bremen – sind Jäger mit ein bisschen Abstand. Beide müssen den Blick eher auf die Abstiegszone richten – verfolgen Sie 96 und Werder besonders aufmerksam?
Natürlich, da bin ich absolut im Thema drin. Familiär ist Hannover ein ganz großes Thema (Vater Stefan Mertesacker ist 96-Vorstandsmitglied, d. Red.), außerdem habe ich noch Verbindungen zum Betreuerstab. Und zu Werder habe ich auch noch eine enge Verbindung – da eher zu Spielern. Deshalb sind die beiden Mannschaften natürlich noch ein ganz großes Thema in meinem Leben. 

Am 30. März spielen die beiden Mannschaften gegeneinander. Drücken Sie einem Klub die Daumen oder wäre ein Unentschieden für Sie optimal?
Ich halte mich da völlig raus, das habe ich schon früher so gehandhabt. Als ich selber noch gespielt habe, war es noch schwieriger, aber jetzt ist es einfach so, dass ich hoffe, dass die Zuschauer ein interessantes Spiel sehen. Ich bin mit beiden Lagern zu sehr befreundet, als dass ich den einen oder anderen favorisieren könnte. Es waren immer sehr schöne Duelle, das soll auch so bleiben – und zwar natürlich in der Bundesliga. 

96 hat Anfang des Jahres ein bisschen mit seiner Trainerwahl überrascht – konnten Sie mit dem Namen Tayfun Korkut sofort etwas anfangen?
Nein. Gar nicht, ich war sehr überrascht. Es war ein sehr mutiger Schritt, aber er wurde ja mit den zwei Auftaktsiegen, über die ich mich sehr gefreut habe, auch direkt belohnt. Klar ist 96 noch immer auf dem Weg der Findung. Aber ich glaube, es war ein richtiges Zeichen, in einer schwierigen Situation zu versuchen, eine langfristige Lösung zu finden. Davor habe ich höchsten Respekt und hoffe auch, dass sich diese gute Entwicklung sich auch fortsetzt.

Wann haben Sie denn eigentlich das letzte Mal ein 96-Spiel live im Stadion gesehen?
Puh, das ist eine schwere Frage ... das ist bestimmt schon drei Jahre her. Es war, glaube ich, sogar Hannover gegen Bremen. Ich weiß noch, dass Didier Ya Konan getroffen hat. An das Spiel kann ich mich aber vor allem deshalb erinnern, weil es das erste Spiel war, bei dem Teresa Enke wieder im Stadion war. Ich habe das Spiel mit ihr zusammen gesehen, das war ein einschneidendes Erlebnis. (Es war der 4:1-Sieg von 96 über Werder am 21. September 2010, d. Red.). Es ist auf jeden Fall eine ganze Weile her, und es wird Zeit, dass ich Hannover mal wieder live schaue.

Sind Sie denn noch regelmäßig in Hannover?
Nein. Das Problem ist, dass wir in England fast das ganze Jahr über durchspielen und in einem Rhythmus haben, der es kaum einmal zulässt, sich in Hannover blicken zu lassen. Wenn ich da bin, dann natürlich vor allem in den Sommermonaten. Ab und zu besuche ich auch das Projekt „Sport als Chance“ meiner Stiftung in Garbsen. Da war ich zuletzt auch einmal nach einem Länderspiel, aber das sind dann auch nur Rein-Raus-Besuche.

Welche Projekte betreut die Per-Mertesacker-Stiftung denn im Moment?
Der Fokus liegt schon darauf, projektbezogen mit den zwei Gruppen in Garbsen zu arbeiten. Wir fördern im Moment mehr als 30 Kinder langfristig in Schule und Sport, dabei sind wir sehr glücklich über die Fortschritte und darüber, wie wir helfen können. Da ist es natürlich auch wichtig, dass ich diese Fortschritte ab und zu sehen kann. Wir sind da aber gut aufgestellt und wollen demnächst vielleicht noch eine Mädchengruppe dazunehmen, um in der Region Hannover in kleinem Rahmen eine Unterstützung zu geben.

Zur Person

Per Mertesacker wurde am 29. September 1984 in Hannover geboren. Er wuchs in Pattensen auf, wo er beim TSV seine Karriere begann, ehe er 1995 zu Hannover 96 wechselte. Dort feierte er am 1. November 2003 unter Trainer Ralf Rangnick sein Debüt in der Bundesliga – als rechter Verteidiger. Schon zur Halbzeit wurde Mertesacker ausgewechselt und musste vier Monate auf seinen nächsten Einsatz warten. Nach zweieinhalb Jahren als Stamm-Innenverteidiger bei den „Roten“ und seinem Länderspieldebüt am 9. Oktober 2004 wechselte er im Sommer 2006 für 4,7 Millionen Euro zu Werder Bremen. Fünf Jahre und zwei WM-Teilnahmen später verpflichtete der FC Arsenal Mertesacker für 11,3 Millionen Euro. Der 29-Jährige ist mit der ehemaligen Handball-Nationalspielerin Ulrike Stange verheiratet und ist Vater des knapp dreijährigen Paul.

Die Verbindung nach Hannover ist also noch da. Kommen Sie denn irgendwann mal wieder ganz nach Hannover zurück – wenn auch wohl eher nicht mehr als Spieler?
Ich bin selber gespannt. Natürlich ist die Verbindung da, und ich würde gerne irgendwann wieder zurückkommen. Im Moment sind wir in London sehr glücklich, aber für uns als Familie ist es beschlossene Sache, dass wir wieder nach Deutschland zurückkehren werden. Meine Frau kommt aus der Nähe von Leipzig, ich komme aus Hannover – es wird sich wohl zwischen diesen beiden Städten entscheiden. Wir benutzen den Auslandsaufenthalt, um etwas mitzunehmen und uns später in Hannover oder Leipzig wieder einzubringen und dort niederzulassen. 

Als Sie im Dezember 2011 das letzte Mal mit der HAZ zusammengesessen haben, haben Sie gesagt, Sie hätten noch gar nicht viel von London gesehen. Sind Sie inzwischen ein adäquater Reiseführer für Ihre Gäste?
(lacht) Noch nicht so, wie ich es mir wünschen würde. Aber ich habe ja noch ein bisschen Zeit. Es ist zumindestens so, dass ich mich nach zweieinhalb Jahren jetzt endlich mal in so einen roten Bus gesetzt und eine Sightseeingtour gemacht habe, bei der ich einfach nur für einen Tag das Touristen-Dasein genossen habe. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es noch viel mehr zu entdecken gibt. 

Worin liegt denn der größte Unterschied gegenüber der Zeit in Deutschland, wenn man als Profi in London lebt?
Auf jeden Fall wird man in London weniger auf der Straße erkannt. Wenn man in die U-Bahn steigt, dann sitzen da Workaholics und IT-Experten drin, die sich über Gott und die Welt unterhalten, aber ja nicht über Fußball. Die Leute gucken mich an und gucken wieder weg. Das ist ganz angenehm, aber in dieser großen Metropole auch völlig normal. Da interessieren in erster Linie die Royals, dann gibt es noch reichlich Stars und Sternchen. Ich habe mich aber auch in Hannover und Bremen sehr wohl gefühlt, weil immer ein respektvoller Abstand da war. Es war nie so, dass ich übertrieben im Rampenlicht stand und mir aufgelauert haben. Hannover, Bremen, London – das ist eine schöne Karriereleiter.

Ihr knapp dreijähriger Sohn Paul wächst mit einem Fußball-Nationalspieler als Papa und mit einer ehemaligen Handball-Nationalspielerin als Mama auf – nimmt er den Ball mit dem Fuß oder mit der Hand?
(lacht) Das weiß er im Moment selber noch nicht ganz genau. Im Moment ist es noch so, dass er schaut, was Papa macht und war Mama gemacht hat. Wir versuchen auch, ihm das zu erklären. Aber er zeigt noch keine Anzeichen, ob er Fußball oder Handball favorisiert. Wir sind da auch völlig frei. Ich werde meinen Sohn sicher nicht zwingen, irgendwas zu tun. Dazu habe ich im Fußballsport einfach zu viel erlebt und gesehen, wie verrückt Eltern sein können. Wir genießen einfach die Zeit mit ihm und versuchen, ihn sportlich zu erziehen. Was dann aber aus ihm werden wird, das ist dann seine Sache.

Können Sie denn Ihrem Sohn überhaupt guten Gewissens eine Karriere als Profisportler empfehlen?
Das weiß ich noch nicht. Ich bin natürlich sehr glücklich über meine Entwicklung und habe dem Sport auch viel zu verdanken. Trotzdem ist es natürlich auch eine Zeit, in der man manchmal eine gewissen Erwartungshaltung ausgesetzt ist, mit der ich persönlich gut umgehen und mich auch entfalten konnte. Aber das ist nicht bei jedem so. Da muss man ganz sensibel reagieren und die jungen Leute auch gut vorbereiten. Da habe ich einen guten Erfahrungsschatz, aber letztlich ist es wichtig, dass die Kinder eine freie Entscheidung fällen. Da werde ich auch folgen, obwohl das bestimmt nicht immer einfach ist, weil man sich schon manchmal selber dabei ertappt, dass man das eigene Kind zu einer Sache drängen möchte. Ich bin gespannt, wie ich dann als Vater reagiere und ob ich mir da öfter auf die Finger klopfen muss, weil ich zu sehr forciert habe.

Ihr Vertrag beim FC Arsenal wurde gerade bis zum Sommer 2017 verlängert, dann sind Sie fast 33 Jahre alt. Planen Sie das Karriereende in London oder haben Sie noch einen offenen fußballerischen Traum?
Ich lebe gerade meinen fußballerischen Traum, obwohl ich von dem eigentlich nie zu träumen gewagt habe. Dass ich mir hier in zweieinhalb Jahren diesen Vertrauensbeweis für eine Vertragsverlängerung erarbeitet habe, das macht mich schon sehr stolz. Arsenal hat mir nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Plattform gegeben, mich zu entwickeln – das war bei so einem Spitzenverein nicht unbedingt zu erwarten. Deswegen bin ich sehr dankbar und stolz, dass ich diese zusätzliche Zeit in London bekomme. Was die Zeit danach angeht, die gehe ich ganz gelassen an. Ob ich dann noch einmal in die USA, nach Katar oder Dubai gehen werde, das weiß ich nicht. Ich kann mir in einer Linie mit diesen Ländern und Städten auch Hannover oder Leipzig gut vorstellen. Aufgrund meine Zeit bei Arsenal habe ich danach sicherlich viele Möglichkeiten.

Hatten Sie es denn als Deutscher in England zunächst etwas schwer?
Das hatte ich auch erwartet. Ich hatte gedacht, dass da erst einmal eine gewisse Erwartungshaltung ist und die Leute erst einmal schauen würden, wie ich mich gebe. Aber ich war überrascht, dass der Respekt vor Deutschen im Ausland sofort da war. Klar versucht man, gleich durch Leistungen zu überzeugen, um einen hohen Stellenwert zu bekommen. Aber die Leute haben mich echt mit offenen Armen empfangen – das hätte ich so extrem nicht erwartet. Deswegen bin ich sehr glücklich.

Mittlerweile sind Sie als Deutscher ja nicht mehr alleine, es gibt mit Mesut Özil, Lukas Podolski und Serge Gnabry sogar eine kleine Kolonie. Hatten Sie Einfluss auf diese Entwicklung?
Ich glaube, letztlich haben sie alle durch ihre Qualität überzeugt. Arsenal schaut schon sehr auf eine gewisse Qualität, der Klub mag aber auch die deutschen Charaktere mit unserer Disziplin und Striktheit, Dinge umzusetzen und lernwillig zu sein.

Jetzt sind es schon vier Deutsche – ist damit die kritische Masse erreicht oder würde Arsenal auch noch einen fünften und sechsten vertragen?
Das kann ich nicht sagen. Wir sind im Moment glücklich, so wie es ist. Aber mir als Deutscher in einem englischen Verein ist es auch wichtig, dass die Grundsprache Englisch bleibt. Klar ist mal der eine oder andere Flachs in deutsch drin, aber es muss ein gewisses Mannschaftsgefüge und eine gewisse Gruppendynamik da sein, die nicht nur von Deutschen bestimmt werden sollte. Eine Grüppchenbildung gibt es aber bei uns absolut nicht. Jeder hat Spaß daran, etwas aus einer anderen Kultur mitzunehmen. Arsenal ist ein englischer Klub, aber sehr international. Und der Klub ist auch stolz darauf, solch eine Strahlkraft bis ins Ausland hinein zu haben.

Die Saison hat sehr gut angefangen, zuletzt gab es ein paar Rückschläge. Wie sehr dürsten die Arsenal-Fans danach, erstmals seit 2005 wieder irgendeinen Titel zu gewinnen?
Da wird sehr, sehr viel drüber geschrieben. Es gibt sehr viele Zeitungen in London, die schnell hochjubeln und dann schnell wieder zweifeln. Wir tun gut daran, wenig zu lesen und uns auf uns zu konzentrieren. Wir haben bislang eine gute Saison gespielt, aber es ist noch nichts versilbert und wir wollen hart daran arbeiten, dass das irgendwann mal wieder soweit ist. Die Fans sind sehr dankbar für Leistung, speziell für kämpferische Leistung. Selbst nach Niederlagen mit guten Leistungen stehen sie da und klatschen – das ist unglaublich.

Im Vergleich zur Bundesliga ist die Spitze in England um einiges dichter. Ist das ein Zeichen für die etwas geringere Qualität oder für eine größere Ausgeglichenheit?
Wir haben natürlich sechs Vereine in England, die aufgrund nicht vorhandener Regularien vor jeder Saison gewaltig investieren können. In der Premier League laufen in den Spitzenvereinen Spieler auf, die man in keiner anderen Liga sieht. Das ist unter den Spitzenklubs ziemlich gut verteilt, sodass durchaus fünf oder sechs Vereine um den Titel spielen. Da wäre es für München auch nicht einfach, aufgrund einer anderen Konkurrenzsituation mit mehreren Vereinen, die finanziell erhebliche Möglichkeiten haben und bei denen die Spieler sehr viel Geld verdienen können.

Schaukelt sich das dann auch ein wenig hoch?
Klar, da werden schon jedes Jahr schon enorme Ablösesummen gezahlt. Da ist Arsenal dann sogar ein Stück weit anders. Wir haben gute finanzielle Mittel, und wenn wir 50 Millionen Euro für Özil ausgeben, dann haben wir das vorher dreimal wieder reingeholt. Da ist schon eine gewisse Balance da, bei anderen Vereinen ist das völlig egal. Da stehen dann große Mäzene dahinter, die halt jedes Jahr mehrere Hundert Millionen investieren, weil sie gute Spieler und guten Fußball sehen wollen. Die Voraussetzungen sind einfach anders als in Deutschland und daraus ergeben sich andere Situationen in der Spitze.

Ein großes Thema in England ist immer die Nationalmannschaft. Haben Sie sich nach dem 1:0-Sieg mit Deutschland im vergangenen November, bei dem Sie in Wembley das Siegtor erzielt haben, viele dumme Sprüche anhören müssen?
(lacht) Das war ein Freundschaftsspiel, über das zwei, drei Tage gesprochen wurde. Aber danach war das dann auch wieder vergessen. Es war aber ein schönes Spiel, und ich werde davon auch noch lange zehren aufgrund der schönen Erinnerungen: in London spielen, gewinnen, das Siegtor schießen, den einen oder anderen Spruch oder die Gratulation eines Kollegen – das wird schon hängenbleiben. Und das ist auch das Entscheidende für mich, dass ich diese Erinnerungen so mitnehme. Aber es war eben nur ein Freundschaftsspiel und ich hoffe, dass man vielleicht irgendwann auch einmal wieder bei einem großen Turnier über dieses Duell sprechen kann.

Haben Sie denn im Spielplan schon ausgerechnet, wann Deutschland und England bei der WM in Brasilien im Sommer aufeinander treffen können?
Nein, soweit bin ich noch nicht. Klar haben wir durch die Erlebnisse von der WM 2010, wo wir die Engländer mit dem nicht anerkannten Gegentor besiegt haben, gute Erinnerungen an sie. Aber man wird sehen, wie sich England auch aufgrund der sehr intensiven Saison in der Premier League präsentieren wird – ich bin da sehr gespannt. Auf dem Papier haben sie immer eine gute Truppe, aber es ist entscheidend, wie sie sich dann als Einheit zusammenfügen und präsentieren. Und ich habe das Gefühl, dass wir uns als Deutschland da richtig gut entwickelt und ein bisschen mehr aufzubieten haben.

Auf dem Papier sind auch die deutschen Gegner USA, Portugal und Ghana nicht ganz so einfach. Wie schätzen Sie die Gruppe ein?
Als interessant. Ich glaube, dass jedes Spiel sehr ernst zu nehmen ist und wir gut daran tun, uns hundertprozentig auf jede einzelne Aufgabe zu konzentrieren. Für uns wird es eine absolute Herausforderung, zur Mittagszeit bei diesen Temperaturen zu spielen. Wir müssen uns bewusst sein, dass wir vielleicht eine gute Mannschaft haben, aber sich zum Sommer hin auch jeder in die Fitness bringen muss, in der er diese Leistung dann auch in diesem Umfeld für Deutschland bringen kann. 

In den vergangenen vier großen Turnieren ist Deutschland immer mindestens ins Halbfinale gekommen...
Sehr konstant.

Ja, aber dann ist immer irgendein Großer wie Spanien oder Italien gekommen. Etwas provokant gefragt: Kann Deutschland bei einem großen Turnier keine Großen?
Nein, das würde ich nicht so sagen. Wir haben in den Runden zuvor ja auch schon große Gegner besiegt, daran hat es also nicht gelegen. Aber Spanien hat da einfach eine Generation gehabt, die Standards gesetzt hat. Dem waren wir einfach nicht gewachsen, das muss ich ganz klar sagen, wenn ich an das EM-Finale und das WM-Halbfinale denke. Und dann kam eben noch zweimal die Italiener, an denen wir gescheitert sind. Da sind wir immer auf Mannschaften getroffen, gegen die uns irgendetwas gefehlt hat. 

Was denn?
Wir müssen uns mehr denn je im Turnierverlauf steigern, auch als Mannschaft wachsen und diesen unbedingten Willen haben, das komplett durchzuziehen. Da ist für mich entscheidend, dass dieses Verständnis untereinander und dieses gegenseitige Pushen einen noch größeren Stellenwert bekommt. Wir haben die Erfahrung mitgemacht, immer wieder zu scheitern. Das tut unglaublich weh, wenn man eine lange Zeit gut spielt. Von 2. und 3. Plätzen haben wir jetzt genug. Jeder ist gewillt, jetzt Spanien und Italien auch einmal zu zeigen, dass wir zu mehr fähig sind und dass es an der Zeit ist.

Haben Sie denn den Eindruck, dass die Mannschaft dafür jetzt im Stamm genug gereift ist?
Das ist ganz schwer einzuschätzen. So ein Turnier in Brasilien bringt wieder ganz neue Ereignisse und Erlebnisse. Es wird entscheidend sein, wie wir damit als Mannschaft umgehen, und das kann man überhaupt nicht voraussagen. Es werden uns wieder viele Fragen gestellt, und wir müssen als Mannschaft antworten. Nur so können wir dort über einen längeren Zeitraum überstehen. Deshalb wäre es jetzt auch verfrüht, zu sagen, wir hätten schon etwas erlangt. Wir haben vielleicht ein bisschen Erfahrung, mit bestimmten Situationen umzugehen. Aber es werde neue Situationen und Probleme kommen, mit denen wir dann bestmöglich als Mannschaft umgehen müssen. 

Für Sie ist es die dritte WM – was macht diese Turniere aus?
Es ist wirklich ein Ereignis, auf das sehr viele Menschen schauen und das viele Menschen mit ihrer Begeisterung zu einem Weltereignis machen. Das zu spüren und mitzuerleben, ist einfach das Größte für einen Sportler. Ich hätte gerne auch einmal so etwas wie Olympia mitgemacht, aber für uns als Fußballer ist die WM das Größte, was man miterleben kann. Da muss man die Dinge, die auf einen einprasseln, gut verarbeiten und in positive Energie umzusetzen. Die Vorfreude ist da.

Das Quartier der deutschen Mannschaft liegt aber sehr abgelegen. Wären Sie manchmal lieber etwas mehr mitten im Trubel einer Metropole, um mehr vom Land mitzubekommen?
Es ist schwierig, einfach so auf die Fanmeile zu gehen. Wichtig ist, dass man die Begeisterung um die Spiele herum richtig aufsaugt, das sind die Momente, in denen man die Dinge richtig mitbekommt. Darüber hinaus hat man kaum eine Chance, sich wirklich frei zu bewegen. Das geht nicht. Von daher ist es mir schon recht, vielleicht auch die Energie dieser Abgeschiedenheit aufzusaugen.

Als Außenstehender fragt man sich oft, wie man die Freizeit zwischen Spielen und Training totschlägt ohne sich gegenseitig zu nerven.
Klar gibt es Freizeitangebote, die für uns geschaffen werden, wie Billard, vielleicht mal ein bisschen Yoga oder Play-Station spielen. Es wird eigentlich nie langweilig. Einige spielen gerne Karten zusammen, andere Billard oder gehen mal am Strand spazieren. Oder die Familie kommt mal für ein paar Stunden, da wird genug geschaffen, damit wir uns ablenken und auf die Spiele konzentrieren können. 

In der Innenverteidigung stehen mit Jerome Boateng, Mats Hummels und Ihnen drei Topleute zur Verfügung. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Ich glaube, dass wir schon sehr gut besetzt sind und der Bundestrainer da eine schwierige Entscheidung zu treffen hat. In der Innenverteidigung war es zuletzt ein stetiges Wechseln, aber für uns Spieler ist es das Wichtigste, gut vorbereitet und topfit zur WM zu kommen, damit wir es dem Bundestrainer möglichst schwer machen. Wenn alle drei – und dazu auch noch Benedikt Höwedes als vierter – zu dem Zeitpunkt topfit sind, dann würde das der Mannschaft am meisten helfen. Ich sehe die Situation total entspannt, weil ich schon alles erlebt habe: Ich habe große Turniere gespielt, war bei der letzten EM nicht dabei, weil ich davor lange verletzt war. Ich habe überall viel herausgezogen für die nächste Zeit. Ich möchte einfach möglichst viel für die Mannschaft einbringen. Und wenn jeder mit diesem Gedankengang zur WM geht, dann haben wir gute Chancen. 

Aus hannoverscher Sicht schaut man natürlich besonders auf die Torwarte. Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass Ron-Robert Zieler bei der WM dabei ist?
Ich glaube, da ist alles offen. Wie ich das Trainerteam kennengelernt habe, nimmt es immer mal wieder neue Leute dazu, um sie zu testen und um zu sehen, wie sich der Einzelne gibt. Ron hat sich immer vorzüglich verhalten und hat auch immer sehr gute Leistungen gebracht. Und wenn ich ihn im Moment in der Bundesliga sehe, dann bin ich völlig begeistert. Ich sehe, dass er sich so entwickelt, wie ich es mir gedacht habe. Er ist hier immer gerne gesehen und ist auch als Typ reifer geworden. Er ist eine absolute Option, sollte sich bei 96 in die beste Fitness seines Lebens bringen – dann wird es wahrscheinlich so sein, dass er dabei ist. 

Dann zum Abschluss noch ein kleiner Zeitsprung: Welche Schlagzeile würden Sie gerne am 14. Juli 2014, dem Tag nach dem WM-Finale, in der HAZ lesen?
(zögert) „Deutschland ... wird Weltmeister“ – ganz klassisch.

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