Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Überregional Brasil – da weiß man, was man hat!
Sportbuzzer Fußball Überregional Brasil – da weiß man, was man hat!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 03.06.2014
Das Bild des brasilianischen Fußballs: Pelé.
Das Bild des brasilianischen Fußballs: Pelé. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Franz Beckenbauer lässt sich nur von einem Mann etwas sagen: Edson Arantes do Nascimento, kurz: Pelé. Vier Wochen lang trug Beckenbauer einen Bart, mit dem man gewollt oder ungewollt immer aussieht wie eine Mischung aus Stromberg, Heribert Faßbender und einer von der IG Metall. Frau, Tochter, Wohlmeinende - alle rieten dem Kaiser, sich von den Fusseln im Gesicht zu trennen, aber es musste erst Pelé kommen und dem Franz sagen „Mein Bruder, du siehst aus wie ein Politiker“, damit Beckenbauer ebenso entsetzt wie entschlossen zum Rasierer griff.

Pelé, der Unermüdliche. Schon früher im Entmüdungsbecken immer der Fröhlichste (Bild links aus: „O Jogo Bonito: Brasilien, eine fußballverrückte Nation“, Spielmacher, 240 Seiten, 35 Euro). Auch heute hat Pelé viel um die Ohren und eigentlich auch Wichtigeres zu tun als sich um das Erscheinungsbild Franz Beckenbauers zu kümmern. Er muss die WM retten. Ohne die Lichtgestalt läuft in Brasilien seit Jahrzehnten null. Brasilianische Forscher haben berechnet, dass ohne Pelés Beitrag zur Infrastruktur des Landes 90 Prozent der Brasilianer noch heute auf dem Baumstamm zur Arbeit paddeln würden. Und kaum ist er außer Landes, gibt es soziale Unruhen und die Bauarbeiter lassen den Mörtel in der Wanne hart werden. Leider war Pelé in letzter Zeit viel unterwegs, weshalb das Eröffnungsspiel aller Voraussicht nach nicht wie geplant in einem schicken neuen Stadion, sondern in einer festlich geschmückten Armeesporthalle angepfiffen wird. In Curitiba haben sie noch nicht einmal die Turnhalle fertig bekommen. Weil Pelé nicht da war, und weil die Arbeiter es vier Jahre lang mit Roberto Blancos Superhit „Samba Si! Arbeit No!“ gehalten haben.

Jetzt hat Pelé alle Hände voll zu tun. Wo er erscheint, vollenden sich Bauten fast von allein, wächst der Fußballrasen schneller, sind die Halme grüner, die Zufahrtsstraßen ohne Löcher, und das Internet funktioniert. Das unterscheidet Pelé auch von anderen Fußballgrößen wie Platini oder Cruyff, bei denen die exakt gegenteiligen Effekte zu beobachten sind. Wenn es einer schafft, die WM stattfinden zu lassen, und zwar diesen Sommer (!), in Brasilien (!!), dann Pelé (!!!). Denn Pelé kann alles. Er ist der einzige Mensch im Universum, dem es gelungen ist, aus seinen Haaren 1283 Diamanten zu pressen und dann für möglichst viel Geld zu verkloppen. Wäre für Beckenbauer sicherlich eine interessante Information gewesen. Vor dem Rasieren.

Der Schlüssel zum Titel: Ein asketisches Quartier

Primitive Pfahlbauten, Nachtlager aus Kokosfasern und Palmwedel, und jeden Morgen Mangomus mit Heuschrecken – so muss man sich in groben Zügen das entbehrungsreiche Leben der deutschen Nationalspieler in Brasilien vorstellen. Askese hat bei der Wahl der Teamquartiere des DFB Tradition, aus gutem Grund.

Beispiel 1954: Strandhotel Belvédère-Garni in Spiez am Thuner See, eine normalerweise von Holländern bewohnte Mottenburg mit Toiletten auf dem Gang und tabakgelben Tapeten. Wer abends was zu trinken wollte, musste Sepp Herberger wecken und fragen. Geschlafen wurde auf der Tischtennisplatte oder im hoteleigenen Paddelboot, Fritz Walter höchstpersönlich knipste um 21 Uhr den Mond aus. Die Ungarn logierten feudal in Solothurn neben einer katholischen Kirche mit viertelstündigem Glockengeläut und Blaskapellenfest, das Resultat ist bekannt – wir Weltmeister.

Beispiel 1974: Sportschule Malente am äußersten Ende der damals kartografierten Welt. Vierer-Zimmer mit Stockbetten und Aschenbecher auf dem Resopaltisch, zum Frühstück und Abendbrot roter Tee und Grundwasser aus dem Brunnen. Training auf dem Kartoffelacker von Bauer Ahrens, abends Auslaufen um die Ostsee mit Nationaltrainer Helmut Schön. Die Holländer vergnügen sich auf moralisch höchst fragwürdige Weise im halbseidenen Waldhotel Krautkrämer, das Resultat ist bekannt – wir Weltmeister.

Beispiel 1990: Castello di Casiglio in Erba, ein trister Steinbau, in dem 800 Jahre zuvor Kaiser Barbarossa schlecht gespeist und noch schlechter genächtigt hatte, und der exakt aus diesem Grund seitdem nicht renoviert worden war. Brehme, Völler & Co. schlafen in feuchten Kasematten und müssen sich vier Luftmatratzen teilen, nur Jürgen Kohler macht einen drauf, probiert dieses „Pizza“. Die Argentinier grillen um die Wette, Maradona isst für zwei bis drei. Das Resultat ist bekannt – wir Weltmeister.

Jetzt: Campo Bahia. „Wir lamentieren nicht“, sagt Manager Bierhoff zum Quartier des DFB-Teams. Da wird bis zum letzten Moment geschraubt, wie an allem in Brasilien, das mit der WM zu tun hat. „Wir lamentieren nicht“ soll heißen: Auch, wenn wir im Freien schlafen müssen, weil das Dach noch nicht geliefert ist – wir sind ’ne genügsame und flexible Truppe.“ Allerdings heißt „Wir lamentieren nicht“ tatsächlich: Weil uns kein Quartier auch nur annähernd gut genug ist, lassen wir uns schnell mal eins an den Strand bauen. Campo Bahia, ein Fleckchen in idyllischer Abgeschiedenheit, Nächster größerer Ort im Süden: Porto Seguro, 27 Kilometer, nächster größerer Ort im Westen: Namibe, Angola, 5100 Kilometer. Das Quartier hat 14 Strandhäuser, 60 Zimmer, alle mit Meerblick. Heißt: Wenn alle am Fenster stehen und aufs Wasser gucken, müssen ein paar Dicke auf die anderen Seite, sonst fällt Campo Bahias einfach um.

Weil das Meer einigen immer noch zu weit weg ist und ins Meer pinkeln in Brasilien verboten ist, weil die Piranhas sonst sauer werden, gibt es mitten im Campo einen Pool, mit Nichtschwimmerbereich (außer für Philipp Lahm) und Schwimmerbereich (außer für Per Mertesacker). Falls Starkregen einsetzt, kommt schon mal vor, kann Team Jogi auch mit der DFB-Mannschaftsgaleere zum Spiel fahren, die Sitzplätze an den Rudern sind so verteilt wie im Mannschaftsbus. Der Zeitverlust bei der Anreise wird durch das wegfallende Aufwärmen wieder reingeholt. 

Favoriten? Es kann nur einen geben!

Reden wir nicht lange drumherum: Deutschland wird Weltmeister. Schon wegen der Statistik, Stichwort Zweierpotenz. 1954, 1974, 2014, der nächste Titel dann 2094 bei der Heim-WM im großrussischen Reich. 1990? War ein Ausrutscher.

Klimatisch ist die deutsche Nationalmannschaft auf alles eingestellt. Trainingslager im subtropischen Südtirol. Über Regenzeit wird seit dem 3. Juli 1974 ohnehin nur gelacht. Bei der Wasserschlacht von Frankfurt traf Knietief Deutschland auf Rutschfest Polen, die Urwaldtruppe um Grzegorz Lato und Kazimierz Deyna. Obwohl Deutschland zunächst gegen die Strömung spielte und Uli Hoeneß, wie immer, wenn es wichtig wurde, einen Elfmeter versemmelte, gewann Deutschland, wie immer, wenn es wichtig wurde, durch ein Tor von Gerd Müller.

Wer spielt sonst noch mit in Brasilien? Holland hat keine Chance, weil Double-Gewinner Arjen Robben die Münchener Disko „Why not?“ bis zum ersten Spiel gegen Spanien am 13. Juni noch nicht verlassen hat.  Portugal hat keine Chance, weil es a) in der deutschen Gruppe spielt und b) Muckimacker Cristiano Ronaldo die Madrider Disko „Why not?“ bis dahin noch nicht wieder verlassen hat, in der übrigens auch Leistungsträger von Spanien (überaltert), Brasilien (überschätzt) und Argentinien (überholt) den Champions-League-Sieg feiern. England bereitet sich im Londoner Diskohotel „Why not?“ auf die WM vor, arbeitet aber eher perspektivisch auf die WM in Katar hin und übt bis dahin Elfmeterschießen.  

Größte Konkurrenten der deutschen Mannschaft um den WM-Titel sind deshalb Honduras, Iran und Algerien. Sollte Deutschland auf die Nordafrikaner treffen, könnte es eng werden: Gegen Algerien hat man bislang nicht nur alle Pflichtspiele verloren (eins, 1982, 1:2), sondern auch sämtliche Freundschaftsspiele (auch eins, am 1. Januar (!)1964 in Algier, alle Deutschen besoffen, 0:2). Gegen Honduras gibt es noch keine Statistik, unbekannte Größe, also wäre der Wunschgegner fürs Finale Iran (zwei Spiele, zwei Siege, der erste in der WM-Vorrunde 1998, 2:0 durch Tore von Bierhoff und Klinsmann, die anschließend doch noch Karriere machten).

Hose, Gürtel, Waldsterben: das Maskottchen-Fiasko

Was soll man Kindern heute auf die Frage antworten, warum Philipp Lahm und Per Mertesacker 1974 schon WM-Maskottchen waren, obwohl sie erst neun und zehn Jahre später geboren sind? Man muss den Kindern leider vom verzweifelten Versuch der Deutschen erzählen, für ihre eigenen Weltmeisterschaften putzige Identifikationsfiguren zu finden. 1974 Tip und Tap, zwei, höhö, winkende Bubis mit Sonnenbrand, Zweizahn-Gebiss und Frisuren Marke Waldsterben, die der Welt den deutschen Jugendlichen erklären sollten.

32 Jahre später der nächste Versuch. Ein Löwe. Ohne Hose. Wer Deutschland nicht kannte, wusste nun also, welches das typische deutsche Haustier ist und was die typische Art, hier herumzulaufen. Deutsche Kreativhobos haben es nicht nur sportlich, das Maskottchen der Expo in Hannover hieß Twipsy und sah aus wie von einem schweren Farbeimer erschlagen und notdürftig wieder zusammengeflickt. Brasilien schickt nun Futeco ins Rennen, ein Kugelgürteltier. Mit Hose. Aber vom Aussterben bedroht. Wenn sich das Kugelgürteltier zusammenrollt, sieht es aus wie eine Kugel. Man könnte auch sagen, es sieht aus wie ein Fußball. Man ahnt, warum es in Brasilien vom Aussterben bedroht ist. Unser heimischer Roll-Mops, der Igel, hat es besser gemacht. Piekse gegen Pike. Dafür wird er belohnt. Er muss kein WM-Maskottchen werden. Jedenfalls nicht vor 2094.

Singen! Wir wollen doch nur singen!

Fußballer und Gesang, das war von jeher eher psychologische Kriegsführung als kultureller Beitrag. Aber die Kicker haben gewarnt. Nicht Singen, sondern Fußball sei ihr Leben, sangen die späteren Weltmeister von 1974 vor dem Turnier in ihren hellblauen Trainingsanzügen. Die Welt war wie betäubt. Deutsche sangen schon wieder vom Weltregieren, auch wenn es nur der Fußball war, und alle klatschten. Wer gedacht hatte, damit sei der Gipfel erreicht, hatte nicht mit Udo Jürgens gerechnet. Mit „Buenos Dias Argentina“ kann man heute noch Menschen komatisieren. Michael Schanze quälte Spieler und Fans mit „Olé Espana“, unerreicht ist aber Peter Alexander. Die Schluchzlegende performte „Mexico Mi Amor“, Toni Schumacher spielte Trompete, Lothar Matthäus und Pierre Littbarski wurden in Ponchos gewickelt, hatten anstoßkreisgroße Sombreros auf dem Kopf und waren kaum zu sehen. Ähnlich wie im Turnier.

Die Karriere von Peter Alexander ging steil bergab, sodass Udo Jürgens es noch einmal versuchte. Die Invasionshymne „Wir sind schon auf dem Brenner“ ließ nicht nur die Italiener erstarren, auch Diego Maradona war durcheinander. Guido Buchwald hatte im Finale leichtes Spiel, Deutschland wurde Weltmeister. Vielleicht auch, weil Lothar Matthäus sich weigerte, sich beim Mitsingen einen Hut aus Pizzateig aufzusetzen. Unter anderem aus künstlerischen Erwägungen wurde das Singen MIT den Fußballspielern daraufhin eingestellt. Seitdem wartet Deutschland auf einen WM-Titel. Es wäre also ratsam, noch schnell was einzusingen, Udo Jürgens stünde vermutlich bereit, irgendetwas wie „Ramba zamba ham wa Samba“ zusammenzulöten.

Die Patella-Boys

Lahm, Schweinsteiger, Neuer: Fuß, Knie, Schulter. Alles kaputt. Und das sind unter den deutschen Nationalspielern die, die noch Glück gehabt haben. Lars Bender, Mario Gomez und Ilkay Gündogan teilen das Schicksal ihrer Kollegen Theo Walcott und Thiago Alcantara und bekommen statt Sonnenschein erst mal Krankenschein. Aber warum soll es uns besser gehen als unseren Gegnern, das halbe kroatische Nationalteam trainiert an der Bettpfanne. WM-Vorbereitungszeit ist Verletzungszeit, man erinnere sich an Michael Ballack und seinen Knöchel vor vier Jahren. Seit jenem Sommer kann jeder Dreijährige in Deutschland fehlerfrei Syndesmose buchstabieren. Vier Jahre später: auch nicht besser. Khedira mit Kreuzband, Großkreutz leidet unter Blasenschwäche, und Özil hat Schnupfen.

SCHNUPFEN! Fehlt nur noch, dass Bierhoff Schuppen bekommt. Damit am Ende wenigstens elf halbwegs Gesunde für die WM übrig bleiben, hat der DFB dafür gesorgt, dass man Jogi Löw den Führerschein abnimmt. Sicherheitshalber. Ein bekannter Brotaufstrichhersteller musste notgedrungen den Titel seines neuesten Werbespots ändern. Heißt jetzt „Die Patella-Boys“.

Skandal! Skandal! Skandal!

In der Ukraine ist der Teufel los, Thailand zerfällt in seine Einzelteile – alles egal, der wahre Skandal spielt sich in kleinen Tütchen ab. Denn die Panini-Sammelbilder sind ungerecht verteilt. Das hat das Sammelbildchenfachportal „Spiegel online“ aufgedeckt. Spannende Fragen gab es mehrere: „Sind einzelne der insgesamt 640 Motive aus dem Album zur WM 2014 seltener als andere?“ heißt es da aufgeregt. Echt spannend. Und was ergab die Auswertung von knapp 24000 Bildchen? Überdurchschnittlich viele deutsche Spieler! Sapperlot! Und die Holländer Arjen Robben und Ron Vlaar ganz selten! Nur 22- bzw. 20-mal dabei, obwohl sie statistisch hätten 37,25-mal vorkommen müssen!

Was tun? Spannende Fragen gibt es mehrere: Hat sich der deutsche Fußball bestechen lassen von diesem Herrn Panini? Wird Holland überhaupt noch antreten, wenn Herr Panini nicht ganz schnell die verbleibenden 15,25 Arjen Robbens irgendwo herzaubert? Wie reagiert Wladimir Putin? Sind Robben-Aufkleber Beutekunst, wenn man sie in der Ukraine erworben hat? Wie erkennt man die Herman-van-Veen-Bilder, die als Robben-Fälschungen im Umlauf sind? Tipps und verdächtige Beobachtungen bitte direkt an „Spiegel online“.

Und Public Viewing ...

... gibt’s auch wieder während der WM. Der Bundesrat – kleiner haben wir’s nicht – hat eine Lärmschutzlockerungsverordnung durchgewinkt, weil viele Spiele erst um 22 Uhr oder später  anfangen. Wer auf Public Viewing nicht verzichten will, aber null Bock auf Fußball hat – es gibt eine Sonntagsalternative.

31.05.2014
Überregional „Kids-Day“ im Trainingslager - Ihr Kinderlein kommet
30.05.2014
Überregional Ronaldo im Trainingslager - Das Warten hat ein Ende
30.05.2014