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Überregional Ein Mann bricht das Schweigen
Sportbuzzer Fußball Überregional Ein Mann bricht das Schweigen
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11:14 09.01.2014
Von Tatjana Riegler
Der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Quelle: dpa
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Hannover

Die Zustimmung fiel überwältigend aus. Da lobte der frühere Bundesaußenminister Guido Westerwelle Mut, der „größten Respekt“ verdiene. Fußball-Nationalspieler Lukas Podolski sprach von einem „wichtigen Zeichen“, Grünen-Politiker Volker Beck twitterte „Nr.1 Hitz the Hammer mutig!“. Und der Lesben- und Schwulenverband in Deutschland feierte gar „das Tor des Monats“: „Offene Worte, Flanke und Treffer“.

Es war ein großes Echo, das Thomas Hitzlsperger gestern mit seinem Bekenntnis auslöste. Und weil es der erste prominente deutsche Fußballer war, der sich als schwul outete, ein ehemaliger Nationalspieler gar, kamen seine Aussagen einem Beben in der Macho-Bastion Bundesliga gleich. Es sei „ein langwieriger und schwieriger Prozess“ hin zu der Erkenntnis gewesen, dass er schwul sei, sagte der 31-Jährige der Wochenzeitung „Die Zeit“. Er habe gemerkt, dass er lieber mit einem Mann zusammenleben möchte.

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Hitzlsperger spielte in der Bundesliga für den VfB Stuttgart und zuletzt für den VfL Wolfsburg. Zwischen 2004 und 2010 absolvierte er 52 Spiele für die Nationalelf – wo niemand wusste, dass er schwul war. „Er hat sich erst nach seinem Karriereende an uns gewandt“, sagt Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff. Im Sommer beendete Hitzlsperger, der wegen seiner Schusskraft „The Hammer“ hieß, seine Karriere beim FC Everton in England. Nun meldet er sich zu Wort, „weil ich die Diskussion über Homosexualität unter Profisportlern voranbringen möchte“. Nach dem Ende seiner Karriere sei ein guter Moment dafür gekommen. Das Thema Homosexualität werde im Fußball bislang „schlicht ignoriert“.

Hitzlspergers Sätze rütteln an einem der größten Tabus im Profifußball. Gewiss, es gab den Kicker Marcus Urban, der in den Achtzigern für Rot-Weiß Erfurt spielte und unter dem psychischen Druck seine Karriere beendete, bevor sie richtig begonnen hatte. Geoutet hat sich Urban erst viel später, 2007 in seinem Buch „Versteckspieler“. Ansonsten sind es Sportler aus anderen Bereichen, die während der Laufbahn ihre Homosexualität bekannt haben. Der Boxer Orlando Cruz etwa, der englische Kicker Justin Fashanu, der sich acht Jahre nach seinem Outing erhängte, Basketballprofi Jason Collins, die Tennisspielerinnen Martina Navratilova und Billie Jean King, die Fußballerinnen Inka Grings und Ursula Holl – die Liste ließe sich fortsetzen, doch eines ist auffällig: Ein deutscher Fußballprofi ist darauf nicht zu finden.

Im Gegenteil: In Zeiten, in denen schwule Politiker problemlos Außen­minister oder Bürgermeister von Berlin werden können, in denen Moderatoren wie Anne Will oder Guido Maria Kretschmer ungezwungen mit ihren Partnern auftreten – in diesen Zeiten fühlen sich Profifußballer sogar gezwungen, sich öffentlich als Heterosexuelle zu bekennen.

Zum Beispiel Philipp Lahm: „Offenbar läuft in Köln ein Mann herum, der jedem, der es hören will, erzählt, dass er mit mir zusammen ist“, schrieb der Kapitän der Nationalmannschaft 2011 in seinem Buch „Der feine Unterschied“. Später betonte Lahm: „Ich bin nicht schwul. Ich bin mit meiner Frau Claudia nicht nur zum Schein verheiratet.“ Auch Arne Friedrich, ebenfalls Ex-Nationalspieler, wehrte sich gegen Gerüchte: „Ich bin seit zehn Jahren mit meiner Freundin zusammen.“ Wenig später versicherte diese in der „Bild“: „Mein Arne ist nicht schwul.“ Selbst Bundestrainer Joachim Löw wurde in der „Welt“ zu Gerüchten um seine Sexualität gefragt: Es sei wie mit dem Toupet, sagte Löw, „auch das stimmt nicht. Fragen Sie gern meine Frau.“

Dass es solche Aussagen überhaupt gibt, zeigt deutlich, wie groß der öffentliche Druck im Big Business Bundesliga ist. Der Druck, sich von Homosexualität so weit wie möglich zu distanzieren. Auf fünf bis zehn Prozent schätzen Wissenschaftler die Homosexuellen-Quote in Deutschland; in der Bundesliga dürfte der Anteil geringer sein, weil viele Nachwuchsspieler den Druck nicht aushalten – und ihre Karriere früh aufgeben.

Im September 2012 sorgte ein Interview im „Fluter“, einem Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, für Aufsehen. Darin schilderte ein homosexueller Profikicker seinen Alltag zwischen Schauspielerei und Selbstverleugnung – blieb allerdings anonym. Bundeskanzlerin Angela Merkel fühlte sich damals zu einem Rat berufen: „Habt die Kraft und den Mut, die Wahrheit zu sagen. Wir leben in einem Land, wo man sich nicht davor fürchten sollte.“ Und FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß mahnte die Vereine, sich auf Outings vorzubereiten, „um dann Antworten zu haben“.

Ob es diese Antworten gibt, bleibt abzuwarten. Fest steht nur, dass weder der Deutsche Fußball-Bund (DFB) noch die Deutsche Fußball Liga den Druck bislang zu mindern vermochten. Wenngleich sich gestern alle Führungsspieler im respektvollen Lob überboten: DFB-Präsident Wolfgang Niersbach betonte den Vorbildcharakter Hitzlspergers und versprach: „Ich stehe zu unserem Wort, dass er von uns jede erdenkliche Unterstützung bekommt.“ Wobei auch immer. Liga-Chef Reinhard Rauball nannte den Schritt „im Kampf gegen Homophobie sicherlich wegweisend“, und der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger setzte Hoffnungen auf die „positive Wirkung auf die Gesellschaft und den Profifußball der Männer“. Doch auch Zwanziger, der den Verband in seiner Amtszeit erst für schwul-lesbische Themen geöffnet hatte, kam nicht um die Erkenntnis herum: „Ein offener Umgang mit Homosexualität ist leider immer noch nicht selbstverständlich.“

Weil Fußball andere Assoziationen weckt als Homosexualität: körperbetonte Härte. Dem Fußball komme eine herausragende Bedeutung in der Konstruktion von Männlichkeit zu, schreibt Gabriele Dietze, Professorin für Kulturwissenschaften: Homosexualität indes werde als Feminisierung begriffen. Das mag in der Gesellschaft toleriert werden, und es mag auch erklären, warum es mehr bekennende lesbische Sportlerinnen gibt: Deren Klischee – maskulin, durchsetzungsstark, kantig – passt perfekt zum Klischee vom Leistungssport. Beim Klischee vom Schwulen – weich, weibisch, weinerlich – ist das Gegenteil der Fall. Offenbar ist der Fußball noch immer für viele ein archaischer Acker, auf dem über Sprüche wie den des Ex-Nationalspielers Paul Steiner („Ich kann mir nicht vorstellen, dass Schwule Fußball spielen können“) auch Jahrzehnte später gelacht wird. Beschimpfungen wie „Warmduscher“ oder Wortschöpfungen wie „schwuler Pass“ seien ein „sinnbildlicher Ausdruck einer fortdauernden Homophobie“, schreibt die Ethnologin Tatjana Eggeling.

Dass sich Hitzlsperger erst nach dem Karriereende outete, wurde nur leise bemäkelt. Wo doch die Tatsache, dass er überraschend früh mit 31 aufgehört hat, Fragen aufwarf. Die Antworten hat er selbst gegeben. Seine Sätze könnten für die nächste Generation von Fußballern bedeutsam werden – und Hitzlsperger zur Leitfigur einer überfälligen Diskussion.

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