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Überregional Icando fördert Jugendliche aus Einwandererfamilien
Sportbuzzer Fußball Überregional Icando fördert Jugendliche aus Einwandererfamilien
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00:18 08.05.2015
Von Gunnar Menkens
 „Wenn die Jungs zu viel Freizeit haben, fangen sie oft an, Scheiße zu bauen“, sagt Turnierleiter Elvis Mputu. Und so werden sie beim Fußball beschäftigt. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

Die Sache ist die, sagt Elvis Mputu, als er einen Augenblick Luft hat von seinem Job als Turnierleiter: „Wenn die Jungs zu viel Freizeit haben, fangen sie oft an, Scheiße zu bauen.“ Vor ein paar Jahren war er selbst noch einer von diesen Jungs mit vielen unausgefüllten Stunden an den Nachmittagen. Seine Eltern, gebürtig aus dem Kongo, arbeiten den ganzen Tag, und was ihr Sohn am Nachmittag nach der Schule im Sahlkamp so gemacht hat mit seinen Kumpels, bekamen sie nicht immer mit.

Elvis, 22 Jahre alt und in der Ausbildung zum Erzieher, weiß, wie Jungs auf der Straße ticken. Er kennt ihre Herkunft, was für sie zählt und welche Sprache sie sprechen. Weil er früher Fußballtrainer war, passt er noch besser an diesen Platz hinter dem quergestellten Barren, wo er, im Trainingsanzug, Spielpläne entwirft, Fragen beantwortet – und aus dem Augenwinkel jederzeit das Spiel im Blick haben kann.

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Strohutbande trifft auf FC Street

An diesem Abend treffen sich nahezu 100 Jugendliche in der Turnhalle der Lutherschule in der Nordstadt. Sie teilen sich in zwölf Mannschaften, die Strohutbande, Lindenspor, FC Street oder einfach Barrio heißen. Es ist der erste Spieltag in der eben gegründeten interkulturellen Streetsport-Liga. Fast keiner auf dem Feld hat einen deutschen Vornamen, dafür stammen fast alle Spieler aus Einwandererfamilien rund um den Globus. „Bunte Tüte“, sagt Projektleiter Olaf Zajonc, „genau die wollen wir haben.“ Manche Frisur scheint den Vorbildern von Fußballprofis zu folgen, rasierte Seiten, oben Haare, Farbe drauf. Die Kapitäne der Teams haben im Liga-Parlament die Regeln bestimmt. Drei gegen drei auf kleine Tore, fliegender Torwart, Fair Play. Abklatschen vor dem Spiel, Handshake danach. 

Das ist die Gegenwart. Sie wünschen sich eine erste und zweite Liga, eine Staffelung wie in Profi- und Amateurligen. Dann ist Auf- und Abstieg möglich, was den sportlichen Anreiz erhöht und vor allem mehr Spielzeiten ermöglicht – dann kommen vielleicht nicht alle Mannschaften an einem Abend zusammen, sondern teilen sich auf. Heute in der Halle, das nächste Mal vielleicht in einer stillgelegten Autogarage in der Nordstadt. Wer seinen Stadtteil kennt, weiß, wo etwas möglich ist. Ligaspiele haben im Vergleich zu Turnieren mit Ausscheidungsmodus den Vorzug, dass es mehrere Abende mit Spieltagen gibt, die Saison geht von April bis Juli. 

Über Sport zu Sprachförderung

An diesem Sonnabend dauert ein Spiel zweimal sieben Minuten, was eigentlich zu kurz ist für die Jungs mit Lust auf Fußball. Man sieht Lupfer, Doppelpässe auf engem Raum, Körpertäuschungen, flinke Füße. Um es mit Modephrasen aus dem Repertoire von Fernsehreportern zu sagen: schnelles Umschaltspiel, herausgespielte Tore, „die kannst du nicht verteidigen“, Chancen, die „kreiert“ werden. Nur redet hier keiner so gestochen, weil dies Straßenfußball ist, gelernt auf staubigen Bolzplätzen mit Käfig drumrum. Elvis Mputu sagt, dass es vielen leichter falle, in der Street-Liga zu spielen als in einem Club. Die Streetsport-Liga ist ein Projekt des Vereins Icando, er ist ein Kind von Olaf Zajonc. Dabei geht es nicht allein um Fußball: „Über den Sport wollen wir Angebote unterbreiten. Hausaufgabenhilfe, Sprachförderung, Berufsfindung, Gewaltprävention.“ Manchmal gibt es Probleme, dann gehen Jungs nicht zur Schule oder haben mit der Polizei zu tun. Jugendkontaktbeamte würden hier etliche Gesichter aus ihrem Stadtteil erkennen, sagt Zajonc. Weil sich der Verein als Integrationsprojekt versteht, richtet er sich mit seinen Vorhaben zunächst an sozial benachteiligte Milieus und junge Menschen mit Migrationshintergrund. 

„Besser als irgendwo abhängen“

Zwei Kapitäne erzählen in einer Spielpause, warum sie mitspielen. Huseyin Cinelioglu, „mein Spitzname ist Huso“, hat ein paar Freunde zusammengesammelt und für die Street-Liga angemeldet. Sykosport nennen sie sich, es läuft gerade gut in der Halle. „Die Gegner sind auf Augenhöhe, und es gibt hier keinen Stress“, sagt der 17-jährige Schüler von der IGS Mühlenberg. Mergim Tahiri, 16, dessen Eltern Kosovo-Albaner sind, ist einer von diesen Gegnern, er spielt für Barrio. Er lebt in Linden-Süd, dort geht er zur Realschule. Die Jungs hier, sagt er, kennt er alle vom Sehen. Und mit denen hier zu spielen, „das ist besser, als irgendwo abhängen“. 

Zajonc möchte die Liga auf Dauer etablieren und bald um eine weitere Mannschaft erweitern. Seine Idee ist, in Flüchtlingsheimen nachzufragen, ob Jugendliche Interesse haben, mit einem Team teilzunehmen. „Die Nähe zu diesen Jungs, die alle keinen deutschen Hintergrund haben, erleichtert es ihnen vielleicht, bei uns mitzumachen.“

Das ist Icando

Der gemeinnützige Verein IcanDo wurde 2009 von Olaf Zajonc gegründet. Im Untertitel nennt er sich Verein für Spiel, Sport, Bewegung und soziale Arbeit, was bereits einiges über seine Ziele sagt: Über den Sport sollen Kinder und Jugendliche aus „finanziell schwach gestellten oder problembelasteten Milieus“ gefördert werden. Feriencamps, Trainingsstunden, Angebote an Schulen und nun die Streetsport-Liga zählen dazu. Dieses Projekt wird gefördert durch die Niedersächsische Lotto-Sport-Stiftung und den Landessportbund Niedersachsen. Icando gewann für seine Arbeit Preise des niedersächsischen Innenministeriums und der Stadt Hannover.

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