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Überregional „Natürlich muss ich mich manchmal kneifen“
Sportbuzzer Fußball Überregional „Natürlich muss ich mich manchmal kneifen“
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19:37 19.09.2014
Von Björn Franz
„Wir haben einen Plan“: SC-Trainer 
André Breitenreiter. Quelle: Oliver Krato
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Herr Breitenreiter, wenn Ihnen jemand vor der Saison gesagt hätte, dass in der Fußball-Bundesliga das Spitzenspiel des 
4. Spieltages in Paderborn stattfindet – was hätten Sie ihm gesagt?
(lacht) Ist das so, dass es das Spitzenspiel ist?

Na ja, der Tabellenfünfte empfängt den -dritten.
Das hatten wir ja am vergangenen Wochenende erst, da haben wir als Zweiter den Vierten empfangen (den 1. FC Köln, Anm. d. Red.). Paderborn ist im Moment nur an Spitzenspielen beteiligt (lacht). Aber im Ernst: Die Saison ist noch viel zu jung, als dass man von einem Spitzenspiel sprechen könnte. Die Tabelle hat noch keine Aussagekraft. Es ist für uns super, dass wir einen geglückten Saisonstart hingelegt haben, in den ersten drei Bundesligaspielen ungeschlagen und zuletzt zweimal ohne Gegentor geblieben sind. Das konnte im Vorfeld keiner erwarten, zumal wir ja überall als Abstiegskandidat Nummer 1 gehandelt werden. Und das zu Recht, wenn man die Rahmenbedingungen, die Struktur und das Budget sieht. Trotzdem hat die Mannschaft hervorragend gespielt und nahtlos an die Leistungen beim Aufstieg angeknüpft.

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Woran liegt es denn, dass es so gut klappt? Haben die anderen Klubs Paderborn alle unterschätzt?
Fakt ist einfach, dass wir uns gut auf die Gegner vorbereitet haben. Wir haben einen Plan, den die Spieler hervorragend umsetzen. Das führt dazu, dass wir sehr kompakt auftreten und darüber hinaus mit bisher fünf Treffern als Aufsteiger auch sehr torgefährlich waren. Außerdem sind wir in allen drei Spielen deutlich mehr gelaufen als der Gegner.

Fanden Sie, dass vergangene Aufsteiger – wie zum Beispiel Braunschweig – vielleicht mit ein bisschen zu viel Ehrfurcht und zu passiv in das Abenteuer gegangen sind?
Selbstverständlich haben wir geschaut, was bei anderen Aufsteigern aus unserer Sicht als Außenstehender vielleicht nicht so gut gelaufen ist. Da waren wir der Meinung, dass sie in der Offensive zu wenig Durchschlagskraft hatten. Braunschweig und Fürth hatten am Saisonende beide weniger als 30 Tore erzielt, und das war ein Punkt, warum es am Ende nicht gereicht hat. Deswegen haben wir uns in der Offensive auch nochmal verstärkt, obwohl wir schon die zweitmeisten Tore in der 2. Liga erzielt hatten. Und wir haben uns in der Vorbereitung bewusst international renommierte Gegner wie Maccabi Haifa, Athletic Bilbao und den FC Everton ausgesucht, um uns an das Tempo zu gewöhnen, das uns in der Bundesliga erwartet.

Ihre Spieler wissen jetzt, was auf sie zukommt – aber was kommt denn am Sonnabend auf 96 zu?
Eine kompakte Mannschaft, die mit Herz und Leidenschaft spielen wird und versucht, mit spielerischen Mitteln Lösungen zu finden.

Und was kommt auf die 96-Fans zu? Paderborn ist ja kein ganz normaler Bundesliga-Standort. Stimmt es, dass es 1900 Fahrradständer am Stadion gibt und sich die Mannschaft in einer Hausmeisterwohnung umzieht?
Am Trainingsgelände, das nicht direkt am Stadion ist, zieht sich das Trainerteam tatsächlich in einer früheren Hausmeisterwohnung um, die Mannschaft in den Katakomben auf der Rückseite einer Schule am Schwimmbad. Die Bedingungen sind aktuell nicht konkurrenzfähig und haben nichts mit Bundesliga zu tun, sondern eher mit Amateursport. Der Verein arbeitet intensiv am Bau eines neuen Trainingszentrums. Die Fans erwartet auf jeden Fall ein Stadion mit familiärer Atmosphäre, viel Euphorie – und bundesweit der besten Sicht auf das Spielfeld. Man ist nirgend wo sonst so nah dran wie bei uns. Das Stadion ist mit 15 000 Plätzen klein, aber angesichts der Tatsache, dass Paderborn vor acht oder neun Jahren noch vor ein paar Hundert Zuschauern gespielt hat, ist die Entwicklung sensationell.

Apropos sensationell: Wissen Sie noch, was Sie am 2. Januar 2011 gemacht haben?
(zögert) Da müsste ich in Havelse angefangen haben.

Genau, damals war Ihr erster Trainingstag beim TSV Havelse. Dreieinhalb Jahre später trainieren Sie einen Bundesligisten und stehen auf einem Europacupplatz. Müssen Sie sich manchmal kneifen?
Natürlich muss ich mich manchmal kneifen, es ist unglaublich, wie schnell das alles ging. Es ist aber auch ein Verdienst von sehr gut funktionierenden Trainerteams in Havelse und Paderborn. Die Jungs – egal ob in Havelse oder in Paderborn – haben zudem schnell verinnerlicht, welche Art von Fußball ich mir vorstelle. Ich versuche, einen engen Draht zur Mannschaft zu haben, alle Spieler mitzunehmen und ihnen ihren Anteil am Gesamterfolg zu vermitteln. Das hat – sicherlich gepaart mit etwas Glück – dazu geführt, dass es eigentlich die ganze Zeit bergauf geht.

Führen Sie denn die Mannschaft in Paderborn genauso wie in Havelse – oder ist das überhaupt nicht möglich?
Meine Führungsphilosophie hat sich nicht geändert. Sicherlich gibt es immer mal den einen oder anderen Unterschied, weil wir es in Paderborn mit Vollprofis zu tun haben. In Havelse waren es arbeitende Fußballer, bei denen man wesentlich mehr Rücksicht auf die persönlichen Situationen nehmen musste. Aber im Grunde ist der Unterschied nicht groß. Ich habe in meiner Profikarriere viele Trainer gehabt, von denen ich mir immer etwas abgeschaut habe. Ich möchte die Mannschaft letztlich so trainieren, wie ich es mir als Spieler gewünscht hätte.

Wo ist denn der größte Unterschied zwischen Ihrer Zeit als Profi und der als Trainer? Können Sie die Bundesliga jetzt mehr genießen?
(lacht) Der schönste Beruf ist der des Spielers. Er kommt zum Training, alles ist fertig, er muss nur sein Programm durchziehen – egal, ob 60 oder 90 Minuten. Und danach geht er in die Kabine, zieht sich um und geht zum Kaffeetrinken. Vielleicht lässt er sich noch mal ein bisschen behandeln. Als Trainer ist das etwas anders. Da habe ich nicht nur die Verantwortung für die Mannschaft, sondern auch für das ganze Funktionsteam. Jeder möchte die Wärme spüren, jeder möchte in die Kommunikation eingebunden sein. In Paderborn sind wir als krasser Außenseiter auch nicht so aufgestellt wie die Mannschaften, mit denen wir uns gerade messen. Da gibt es zum Beispiel gewachsene Scoutingabteilungen, die dem Trainerteam viel Arbeit abnehmen. Wir analysieren die Gegner selbst, wir schneiden die Filme zusammen und kümmern uns darum, wie das Gras gemäht werden soll. In Paderborn kümmern wir uns als Trainerteam definitiv um viele Dinge, die bei unseren Gegnern selbstverständlich sind.

Wenn man das so hört – bekommen Sie denn Ihre Familie in Altwarmbüchen überhaupt noch zu sehen?
Erst einmal ist Paderborn nur eine gute Stunde entfernt, zudem ist meine Familie bei jedem Heimspiel dabei und fährt manchmal auch auswärts mit. Wir arbeiten akribisch und effizient, um die wenige freie Zeit zu Hause genießen zu können.

Hat Sie der gute Start von Hannover 96 überrascht? Und könnten Sie sich vorstellen, 96 in Zukunft auch einmal zu trainieren – oder ist es vielleicht sogar ein  Traum?
96 hat sehr viel in diese Mannschaft investiert. Damit steigt die Erwartungshaltung und der Anspruch, sich wiederholt für die Europa League zu qualifizieren. Überrascht hat mich der Start nicht, weil die Mannschaft in den ersten Spielen einen starken Eindruck hinterlassen hat. Mit dem anderen Thema beschäftige ich mich überhaupt gar nicht. Ich bin sehr froh, dass mir der SC Paderborn 07 die Chance gegeben hat, mich im Profibereich zu beweisen. Wir haben gleich im ersten Jahr den größten Erfolg der Vereinsgeschichte geschafft, und bislang geht die Erfolgsgeschichte weiter. Es macht mir sehr viel Spaß in Paderborn, mein Vertrag läuft noch bis 2016 – deswegen mache ich mir über andere Vereine überhaupt keine Gedanken.

Zur Person

André Breitenreiter (40) spielte als 
Profi nicht nur für den Hamburger SV, VfL Wolfsburg und SpVgg Unterhaching, sondern zwischen 1986 und 1994 für Hannover 96 (72 Zweitligaspiele, zehn Tore). In seinem ersten Profijahr gewann er mit den „Roten“ 1992 den DFB-Pokal, kam im Finale aber nicht zum Einsatz. Der SC Paderborn ist seine zweite Trainerstation nach dem TSV Havelse – die Jugend von TuS Altwarmbüchen mal nicht mitgerechnet. Sein erster Klub als Spieler war Borussia Hannover.

Interview: Björn Franz     

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