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Überregional Sind wir wirklich reif für den Titel?
Sportbuzzer Fußball Überregional Sind wir wirklich reif für den Titel?
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00:20 20.06.2014
Quelle: dpa
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Salvador/Santo Andre

Der Bundestrainer war am Tag danach bereits mit Ghana beschäftigt. Die Afrikaner sind am Sonnabend (21 Uhr, live in der ARD) in Fortaleza bei der WM in Brasilien der zweite deutsche Vorrundengegner. Robust sei Ghana, sehr konterstark und laufstark, sagte Löw, das 1:2 gegen die USA änderte für ihn daran nichts.

Der Blick nach vorne war ihm nicht unlieb. Er hat natürlich mitbekommen, wie sich in der Heimat alle überschlagen vor Begeisterung über den 4:0-Sieg gegen Portugal und den „grandiosen Start“ (Abwehrspieler Per Mertesacker) ins Turnier. Löw weiß seit der WM in Südafrika, dass die Stimmung in der Heimat seine Mannschaft auch in der Ferne beflügeln kann.

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Er hat vor dem ersten Spiel in Salvador ja gerade das Gegenteil erlebt, als das Trainingslager in Südtirol von vielen Leuten als Pannenveranstaltung wahrgenommen wurde und plötzlich zahlreiche Fußballfans nicht mehr vom WM-Titel träumen mochten. Sondern sich Gedanken machten, ob mit dieser Mannschaft, deren einziger Stürmer 36 Jahre alt ist und deren Torwart Schulterprobleme hat, überhaupt die Vorrunde zu überstehen ist. Und jetzt strahlt nach den ersten 90 WM-Minuten dieses 4:0 gegen Portugal mit der Sonne um die Wette, die nach zwei Regentagen gestern wieder zuverlässig ihren Dienst über dem deutschen Quartier „Campo Bahia“ verrichtete.

Das 4:0 scheint in die Reihe der WM-Siege zu passen, die das Fußballvolk in Südafrika begeistert haben: das 4:1 gegen England und das 4:0 gegen Argentinien. Doch das waren ein Achtelfinal- und ein Viertelfinalspiel. Portugal war der erste Vorrundengegner, selbst Löw schien es im Nachhinein fast ein bisschen peinlich, dass die disziplinlose und körperlich überhaupt nicht auf der Höhe befindliche portugiesische Mannschaft wenig an den Gegner erinnerte, den der Bundestrainer schwärmerisch angekündigt hatte.

Hannover fiebert beim ersten Deutschlandspiel der Fußball-WM in Brasilien mit. Sehen Sie hier die schönsten Bilder vom Public Viewing. 

War also Deutschland gut, weil Portugal so schlecht war? Oder Portugal so schlecht, weil der Gegner einfach zu gut war? Die Deutschen müssen sich nicht dafür entschuldigen, dass sie die Tore mit beeindruckender Leichtigkeit herausspielten. Selbst dem Elfmeter von Thomas Müller zum 1:0 (11. Minute) und dem Kopfball von Mats Hummels nach einer Ecke (32.) gingen flüssige Kombinationen voraus, an denen speziell Mario Götze und Toni Kroos beteiligt waren.

„Wir haben ein sehr gutes Spiel gemacht“, sagte Müller. „Aber es hat auch alles für uns gepasst.“ Auch Mertesacker fand, dass „viele Entscheidungen uns in die Karten gespielt haben“. Mit etwas Distanz lässt sich gelassen feststellen, dass man bei dem Foul an Götze Elfmeter pfeifen kann, es in diesem Turnier aber ähnliche Szenen geben wird, in dem Schiedsrichter anders entscheiden werden. Und so dämlich wie der Portugiese Pepe, der den Deutschen dank einer überflüssigen Provokation in der Hitze Salvadors 53 Minuten in Überzahl bescherte, werden sich die nächsten Gegner gewiss nicht anstellen.

Etwas erstaunt hat Löw festgestellt, dass seine sonst zur Verschwendungssucht neigende Mannschaft „aus sieben oder acht Chancen vier Tore erzielt hat. Wir waren da konsequent und haben das sehr clever zu Ende gespielt.“
Löw selbst besaß einen großen Anteil am Erfolg, weil er die richtigen Personalentscheidungen traf. Der bewegliche Müller und der dribbelstarke Götze waren der Trumpf gegen große, robuste Abwehrspieler wie Alves oder Pepe. Gegen Ghana könnten Löws Antworten schon wieder anders ausfallen, auf sein Geschick wird es weiter ankommen.

Das Schlusswort gehörte jedoch Müller, dem die ganze Schwärmerei irgendwann zu viel war. „Wir müssen doch mal die Kirche im Dorf lassen und nicht so tun, als hätten wir gegen Portugal als Übermannschaft agiert“, sagte er. Er hob dabei ungewohnt die Stimme, damit den Satz auch niemand überhören konnte.

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