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Überregional Joachim Löw gerät bei Richtungsdiskussion in Defensive
Sportbuzzer Fußball Überregional Joachim Löw gerät bei Richtungsdiskussion in Defensive
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06:15 15.11.2012
Von Heiko Rehberg
Ausgerechnet Joachim Löw, der Verfechter des offensiven Spiels, ist in der Richtungsdiskussion um die Nationalelf in die Definsive geraten. (Archiv)
Ausgerechnet Joachim Löw, der Verfechter des offensiven Spiels, ist in der Richtungsdiskussion um die Nationalelf in die Definsive geraten. (Archiv) Quelle: dpa
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Hannover

Wer wissen will, wie sich die Fußballwelt von Joachim Löw verändert hat, muss die Zeit zurückspulen bis zum 16. November des vergangenen Jahres. Einen Tag zuvor hatte die deutsche Nationalmannschaft in Hamburg gegen die Niederlande mit 3:0 gewonnen. Ach, was heißt gewonnen: Deutschland hatte die Niederländer, die Hohepriester des schönen Spiels in Europa, vorgeführt, auseinandergenommen mit Fußball vom Feinsten. Deutschland feierte Miroslav Klose, Thomas Müller, Mesut Özil - und vor allem Löw, den Trainer, der Fußball zum Verlieben spielen ließ.

Am Mittwoch geht es wieder gegen die Niederlande, fast auf den Tag genau ein Jahr später spielt die deutsche Mannschaft in Amsterdam (20.30 Uhr, live in der ARD), und die Ausrufezeichen, die hinter „Traumfußball“, „Fußball von einem anderen Stern“ und anderen Superlativen standen, sind verschwunden. In Berichten über die Nationalmannschaft tauchen auf einmal auffällig viele Fragezeichen auf, zum Beispiel hinter einer Formulierung, die vor Kurzem noch unvorstellbar gewesen oder als ketzerisch empfunden worden wäre: Ist Löw als Bundestrainer noch der Mann, dem Fußball-Deutschland vertrauen kann?

Ein Gefühl, dass irgendetwas fehlt

In den wenigen Monaten seit der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine hat es mehr Diskussionen um Löw gegeben als in den sechs Jahren zuvor. Nach der WM in Südafrika 2010 waren viele Menschen in die Einkaufszentren gelaufen, um diese schicken Pullover zu kaufen, die der Bundestrainer während des Turniers getragen hatte. Jetzt aber wimmelt es plötzlich vor lauter Debatten, die am Ende alle irgendwie bei Löw landen: die Abwehr-Debatte, die Führungsspieler-Debatte, die Verhätschelungs-Debatte, die Wo-bleibt-der-Titel-Debatte. Was ist da eigentlich passiert?

So einfach ist das gar nicht zu erklären. Im Grunde sind zwei Fußballspiele nicht so gelaufen, wie sie hätten laufen sollen: das Halbfinale während der EM in Warschau gegen Italien (1:2). Und dasWM-Qualifikationsspiel in Berlin gegen Schweden (4:4). Aber können zwei Spiele dazu führen, dass sich ein Bild derart wandelt? Am besten lässt sich die komplizierte Angelegenheit vielleicht mit dem Wörtchen „Gefühl“ fassen. Viele Fußballfans in Deutschland haben das Gefühl, dass die deutsche Mannschaft, die gesegnet ist mit großartigen Spielern (Mario Götze, Marco Reus, Mesut Özil, Bastian Schweinsteiger, um nur einige zu nennen), in der alles steckt, was es braucht, um Weltmeister zu werden, nicht am Ziel ankommen wird.

Wie gesagt: ein Gefühl, nichts, das sich belegen lässt. Das Gefühl, dass irgendetwas fehlt, wenn es darauf ankommt: wie im EM-Finale 2008 gegen Spanien (0:1), im WM-Halbfinale 2010 gegen Spanien (0:1) und eben im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien. An diesem Punkt zeigen die Menschen dann auf Löw, unstrittig und nach wie vor ein erstklassiger Trainer, aber eben auch derjenige, der dafür zuständig ist, das fehlende Puzzleteil zu entdecken und einzufügen.

Für den 52-Jährigen ist es eine neue Rolle. Die Medien und die Fans verlangen auf einmal Erklärungen. Genau damit tut sich Löw schwer. Nach dem EM-Aus tauchte er wochenlang ab, was menschlich verständlich war nach einem Turnier, von dem auch er gehofft hatte, dass es mit dem Titelgewinn enden würde. Er sei erschöpft gewesen und habe geglaubt, in der hitzigen Atmosphäre nur aus der Defensive heraus argumentieren zu können, sagte Löw, als er wieder auftauchte.

Genau diese korrekt beschriebene Atmosphäre hätte bei ihm aber das Gespür dafür hervorrufen müssen, dass er gefordert war, als Krisenmanager, als Leuchtturm, als Brandherdbekämpfer. So geriet etwas ins Rollen, was Löw nicht mehr stoppen konnte. Und als sich alles langsam zu beruhigen schien, machten die Schweden aus einem 0:4-Rückstand gegen Deutschland noch ein 4:4 ...

Der sprachlose Bundestrainer

Vielleicht hätte sich Löw vieles ersparen können, wenn er nach dem Italien-Spiel gesagt hätte: Sorry, mein Ding, meine Taktik ist nicht aufgegangen. Löw aber sagte noch im Flugzeug nach Hause nur, dass er die Verantwortung dafür übernehme. Das Eingeständnis, dass er, der Taktikfuchs, diesmal die falsche Taktik gewählt hatte, kam ihm nicht über die Lippen. Dabei hätten ihm die meisten das vermutlich nicht als Schwäche, sondern als Stärke ausgelegt. Den perfekten Trainer gibt es nämlich nicht.

Nach dem verrückten Spiel gegen Schweden blieb Löw ebenfalls erst sprachlos, eine schwere Erkältung tat ihr Übriges, dann meldete er sich in einem Fernsehinterview zu Wort: Ja, auch er habe gegen Schweden Fehler gemacht, taktisch und personell auf den Absturz in den letzten 30 Minuten nicht reagiert: „Das ist natürlich ein Vorwurf an mich, absolut.“

Das Kuriose daran ist: Man muss kein Fußballlehrer sein, um zu erkennen, was Löw bei der schwedischen Aufholjagd hätte machen müssen: die Defensive verstärken, eine Offensivkraft raus, einen Abwehrmann rein. Aber mag man glauben, dass Löw auf die einfachste Idee nicht kam? Oder ist es vielleicht so, dass Löw sehr wohl gesehen hat, was da passiert? Aber hinten reinstellen, Bälle auf die Tribüne hauen, einfach weg damit - dieser Fußball ist Löw zuwider. Und über diesen Schatten wollte er nicht springen, auch nicht in der Not, also versuchte er es mit einem Tausch offensiv gegen offensiv: ein kühner Plan, für den man ihn gefeiert hätte, wenn er aufgegangen wäre, wenn Deutschland auf das 3:4 von Schweden mit dem 5:3 geantwortet hätte. Aber es kam anders.

Es geht um Stimmungsumschwung

Am Mittwoch in Amsterdam steht kein Schicksalsspiel an. Nicht für die deutsche Mannschaft, die ersatzgeschwächt ist und der wichtige Profis fehlen. Nicht für ihren Trainer. Und doch steht viel auf dem Spiel: Es geht um einen Stimmungsumschwung, um die Rückgewinnung von Vertrauen, um den Beweis, dass in der Schublade außer Plan A noch Plan B steckt und - irgendwo versteckt ganz hinten - auch Plan C. Löw muss Deutschland wieder davon überzeugen, dass die Mannschaft bei ihm gut aufgehoben ist. Reine Gefühlssache. Aber momentan vielleicht wichtiger als ein Sieg.

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