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Überregional Jogi Löw: „Ich bekomme immer noch Gänsehaut“
Sportbuzzer Fußball Überregional Jogi Löw: „Ich bekomme immer noch Gänsehaut“
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09:26 11.12.2010
Joachim Löw, hier bei einem Training im November, kurz vor dem Länderspiel gegen Schweden. Quelle: dpa
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Herr Löw, der Dezember ist der Monat der Jahresrückblicke. Ein fester Bestandteil sind dabei die Bilder von Fanmeilen voller feiernder Fußballfans. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie diese Aufnahmen jetzt noch einmal sehen?
Die Bilder habe ich ja auch während der WM gesehen, und wir haben sie für Motivationsvideos verwendet, um der Mannschaft zu zeigen: Schaut mal, Leute, was man durch ein gutes Spiel auslösen kann. Allerdings wird einem das Ausmaß dieser Euphorie während der WM nicht zu hundert Prozent bewusst, weil man konzentriert ist und sich nicht ablenken lassen will. Ich habe mir die Bilder im Nachhinein noch einmal angesehen. Und mir geht das heute noch so: Wenn ich mir an einem einsamen Abend ein paar Dinge anschaue, die wir aufgezeichnet haben, wie Millionen Menschen auf der Straße jubeln und anschließend durch alle Städte fahren, dann bekomme ich immer noch Gänsehaut.

Es war nicht immer selbstverständlich, dass eine deutsche Nationalmannschaft für dermaßen viel Begeisterung sorgt.
Mich hat im Vorfeld der WM dieses Gerede in der Öffentlichkeit und im Umfeld gestört. Überall hieß es: „Wir wollen den Titel.“ „Wir wollen den vierten Stern.“ Das hat mich nicht zu hundert Prozent gepackt. Da habe ich gesagt, ich fasse zwei, drei Dinge zusammen, die ich erwarte: Ich stelle mir eine attraktive Spielweise vor, die bei den Leuten Emotionen weckt. Einfach nur irgendwie ein Spiel gewinnen: Das wollte ich nicht. Ich habe der Mannschaft gesagt: Ich möchte, dass wir attraktiven Fußball spielen, dass wir ehrgeizig arbeiten, aber auch Freude ausstrahlen. Und ich möchte, dass wir im Bereich Teamgeist, Disziplin, der Form des respektvollen Umgangs miteinander und Fairplay absolut auf höchstem Niveau agieren. Wenn wir da gut sind, in dem Bereich, dann kommen wir in dem Turnier weit, ohne einmal vom Titel zu sprechen.

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Aber die Sehnsucht der Fans nach Titeln bleibt…
Deutschland hat wie acht oder neun Nationen das Ziel, den Titel zu holen. Aber es sind manchmal Kleinigkeiten, die ein Spiel entscheiden. Ein Elfmeterschießen gegen Argentinien – wir hätten das 2006 auch verlieren können. Es war mir wichtig, das mit der Mannschaft im Vorfeld anzusprechen und das Gerede vom Titel einfach mal beiseite zu lassen.

Wie weit hat sich die Mannschaft in diesem Jahr Ihrem Idealbild von Fußball genähert?
Ich glaube, dass wir unter schwierigen Bedingungen hervorragende Leistungen gezeigt haben und dass wir in puncto Spielstärke größere Fortschritte gemacht haben als in den Jahren zuvor. Trotz der Schwierigkeiten vor der WM – im Februar, März gab es ja die Diskussionen um die Vertragsverlängerung, dann unmittelbar vor der WM die Verletzungen von einigen Spielern wie Simon Rolfes, Rene Adler, Michael Ballack, Heiko Westermann, Christian Träsch: Wir haben uns von diesen Rückschlägen nicht beeindrucken lassen. Die Qualität unserer Spiele war über das ganze Jahr hinweg gut, die Schwankungen waren geringer. Und die Spielweise – schnelles Umschalten, schnelle Ballkontaktzeiten, gutes Zweikampfverhalten – war bei der WM ein Markenzeichen unserer Mannschaft, wofür wir auch aus dem Ausland viel Lob bekommen haben.

Hat Sie das Tempo dieser Entwicklung überrascht?
Normalerweise ist das ein Prozess der kleinen Schritte. Seit 2008/2009 waren hervorragende Spiele dabei, aber auch Spiele, die weniger gut waren wie Anfang 2010 gegen Argentinien. In der WM-Vorbereitung habe ich das Gefühl bekommen, dass die Mannschaft spielerisch in der Lage ist, mit allen anderen Nationen mitzuhalten. Das haben auch die Spieler selber gespürt. Philipp Lahm hat vor dem Turnier gesagt: Er glaubt nicht, dass wir jemals eine spielerisch so gute Mannschaft hatten.

Sind diese Fortschritte messbar?
Wir waren bei der WM die Mannschaft mit den wenigsten Foulspielen. Das heißt, wir hatten die meisten Ballgewinne im Zweikampfverhalten. Wir waren auch die Mannschaft, die am schnellsten nach Ballgewinn zum Abschluss kam. 2005 haben wir mit Messungen begonnen: Wie lange brauchen wir, bis einzelne Spieler nach der Ballannahme abspielen – Dribblings, Tempodribblings, Passspiel inbegriffen? Da lagen wir bei 2,8 Sekunden. Das Spiel war langsam, in die Breite angelegt und von viel Zeitverlust geprägt. Bei der EM 2008 waren es 1,8 Sekunden, und diesmal waren es 1,1 Sekunden. Im Spiel gegen England und Argentinien lagen wir sogar unter einer Sekunde, ich glaube 0,9 Sekunden. Wenn man das als Maßstab nimmt, waren wir die Mannschaft, die mit den Spaniern am schnellsten gespielt hat.

Gab es auch etwas, mit dem Sie nicht zufrieden waren?
Es gibt immer Dinge, die man weiter optimieren kann. Ich glaube, dass wir es gegen Spanien defensiv zweimal (EM-Finale 2008, WM-Halbfinale 2010, d. Red.) gut gelöst haben. Wir haben in beiden Spielen, die wir verloren haben, ganz wenige Chancen zugelassen. Du musst aber auch in der Lage sein, die Spanier aus dieser guten Organisation heraus in Schwierigkeiten zu bringen: durch schnelles Spiel nach vorne. Und das haben wir versäumt.

Ist das der Punkt, der noch fehlt, um Spanien einzuholen?
Das ist der Unterschied in unserem Spiel zu dem der Spanier: Wir wollen schnell zum Abschluss kommen, nicht 40 Ballpassagen haben. Die Spanier können das, und sie machen das, um den Gegner irgendwann zu einem Fehler zu zwingen. Sie können dir mit ihrer Ballsicherheit und ihrer Passsicherheit den Nerv ziehen, weil du nicht vernünftig in die Zweikämpfe reinkommst. Und bei Ballgewinn hatten wir nicht den Mut, uns selber schnell zu lösen und wieder zu befreien. Wir waren froh, dass wir den Ball hatten, dann hat es zwei drei Sekunden gedauert – und dann waren sie wieder organisiert.

Spaniens Mannschaft ist eigentlich eine Stadtauswahl aus Barcelona und Madrid
Wenn man so dominant auftritt wie der FC Barcelona kürzlich gegen Real Madrid und in fast jeder Aktion eine Chance rausspielt, dann ist das perfekt. Besser geht’s eigentlich nicht. Und weil viele Spieler aus Barcelona die spanische Nationalmannschaft prägen, ist sie natürlich auch in der Lage, so ähnlich zu spielen wie Barcelona.

Kann eine Nationalmannschaft überhaupt das Niveau einer Vereinsmannschaft erreichen?
Es ist natürlich schwieriger, wenn man nur einige Spiele hat, einige gemeinsame Trainingseinheiten. Während eine Mannschaft wie Barcelona seit vielen Jahren eine einheitliche Philosophie vertritt.

Dann müssten Sie sich doch geradezu eine Blockbildung für die deutsche Nationalmannschaft wünschen…
Nicht unbedingt. In Deutschland gibt es unterschiedliche Philosophien, unterschiedliche Spielweisen. Darum ist eine Blockbildung von, sagen wir, zwei Mannschaften, die eine Nationalmannschaft ergeben, nicht erstrebenswert, um die Spielweise der Nationalelf weiter voranzutreiben.

Was muss im nächsten Jahr passieren?
Ich glaube, dass wir in keiner Weise von unserer Spielweise abrücken dürfen. Das werde ich nicht zulassen. Ich denke, dass es für eine Mannschaft wichtig ist, eine Identifikation zu haben und Emotionen auszulösen. Was auch positiv war in diesem Jahr, ist wie die Mannschaft aufgetreten ist in Südafrika. Sie hat Teamgeist gezeigt, Disziplin, aber auch Ehrgeiz und Freude. Und sie hat viel für die Integration getan. Aber das war nicht Teil eines Konzeptes und auch kein Thema innerhalb der Mannschaft, sondern es ist eine Selbstverständlichkeit gewesen, Spieler wir Özil, Khedira, Boateng auf ganz normale Weise zu integrieren.

Die Integrationsdebatte war ja ein großes Sommerthema, nicht zuletzt wegen des Buchs von Thilo Sarrazin. Haben Sie das gelesen?
Gelesen habe ich es nicht. Ich will mal so sagen: Bei uns spielt niemand aufgrund seiner Herkunft. Es spielt für mich keine Rolle, woher die Spieler kommen, sondern die Qualität spielt die entscheidende Rolle. Das ist vielleicht sogar die höchste Form der Integration.
2010 ist die Mannschaft immer jünger geworden. Woran liegt es, dass so viele junge Spieler plötzlich Stammspieler sind?
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist die Ausbildung im technischen und im taktischen Bereich spezifischer geworden. Vor zehn Jahren haben noch andere Dinge im Mittelpunkt gestanden…

…Fitness…
Zum Beispiel, ja. Jetzt wird vermehrt Wert gelegt auf die technischen Dinge. Dann glaube ich, dass die Verknüpfung von Ausbildung und Profifußball in den letzten zwei, drei Jahren besser geworden ist. Die Vereine setzen konsequent auf eigene junge Spieler und geben ihnen auch die Chance. In die Ausbildung ist immer viel investiert worden, aber vor einigen Jahren ist über die 18- oder 19-Jährigen gesagt worden: Der Spieler ist noch relativ jung, der muss noch mal zwei, drei Jahre warten. Dadurch hat man viel Zeit verloren.

Hat die Nationalmannschaft da womöglich eine Beispielfunktion übernommen?
Vielleicht hat man durch diese WM auch gesehen: Okay, auch junge Spieler mit wenig Erfahrung, aber mit guter Qualität sind in der Lage, auf höchstem Niveau gute Leistungen zu bringen. Im letzten Jahr hat ja auch Louis van Gaal beim FC Bayern Holger Badstuber oder Thomas Müller eine Chance gegeben und nicht irgendwelche Stars für diese Positionen gekauft.

Man könnte geradezu den Eindruck gewinnen: So viele junge Spieler gab es lange nicht...
Wir haben nicht eine unendliche Fülle von hochtalentierten jungen Spielern. Wir haben einige mehr als vor vier oder fünf Jahren, weil sie im technischen Bereich besser sind. Einerseits ist es heute ein bisschen einfacher geworden, Nationalspieler zu werden. Auf der anderen Seite ist es nicht ganz so einfach, fest in das Team hineinzukommen, weil die Mannschaft auf vielen Positionen sehr jung ist und noch lange nicht am Ende ihrer Entwicklung. Özil, Khedira, Müller, Schweinsteiger oder Lahm zu verdrängen, das ist nicht ganz einfach.

Sie haben im letzten Länderspiel des Jahres gegen Schweden einige Neulinge getestet. Wem trauen Sie am ehesten zu, sich in der Nationalelf zu behaupten?
Alle haben im Training einen guten Eindruck gemacht. Mats Hummels zum Beispiele war sehr selbstbewusst, sehr reif für sein Alter. Andre Schürrle ist ein Spieler mit viel Tempo, mit viel Frechheit. Lewis Holtby ist technisch sehr gut, vom Typ her ein bisschen wie Özil: überraschende Pässe, enge Ballannahme. Und Mario Götze hat mit einer Selbstverständlichkeit bei uns trainiert, wie ich es bei einem Spieler, der neu zur Nationalmannschaft kam, noch nie gesehen habe. Der war mit seinen 18 Jahren, als wenn er schon seit zwei, drei Jahren dabei wäre: selbstbewusst, ballsicher, ideenreich. Da glaube ich schon, dass er eines der größten Talente der letzten Jahre ist. Die anderen sind sehr talentiert, aber da muss man mal abwarten. Eine WM mit Argentinien, England, Brasilien, Spanien ist ein anderes Level als die Bundesliga. Das ist ein langer Weg, das sieht man auch bei Spielern wie Schweinsteiger oder Lukas Podolski. Aber vier, fünf Spieler sind durchaus hoch veranlagt.

Gibt es einen Unterschied zwischen den jungen Spielern von heute und den Talenten von früher?
Die jungen Spieler, mit denen ich in den vergangenen zwei, drei Jahren gearbeitet habe, haben eine klare Vorstellung von dem, was sie erreichen möchten, und sie gehen selbstkritisch mit sich um. Da stelle ich schon einen Prozess fest, der vor einigen Jahren noch nicht zu erkennen war.

Nach der WM 2010 hatte es für viele den Anschein, Sie würden aufhören. Was gab den Ausschlag für die Vertragsverlängerung?
Es täuscht, wenn man den Eindruck hatte, dass ich nach der WM aufhören wollte. Ich hatte das für mich völlig offen gelassen. Ich war enttäuscht nach den gescheiterten Vertragsverhandlungen, ich war enttäuscht, wie das von beiden Seiten in der Öffentlichkeit diskutiert wurde. Das hätten wir vermeiden müssen. Aber es gab dann auch Gespräche mit dem Präsidenten Theo Zwanziger, bei denen eine gute Basis vorhanden war.

Haben Sie das während der WM komplett ausgeblendet?
Ja, klar. Natürlich war mir bewusst, dass eine Vertragsverlängerung vom Verlauf der WM abhängt. Wären wir in der Vorrunde ausgeschieden, hätte es natürlich eine Veränderung gegeben. Aber ich habe auch gewusst: Wenn ich mich davon ablenken lasse in meiner Konzentration, in meiner Arbeit, dann bin ich fehl am Platze.

Nach der WM kam die Einigung mit dem DFB dann überraschend schnell…
Nach der WM wollte ich nur zwei Dinge wissen. Erstens: habe ich diese Begeisterung noch, habe ich die Energie, und habe ich die Kraft, diese Arbeit weiter auf dem gleichen Niveau zu machen? Hätte ich das nicht mit Ja beantwortet, hätte ich die Konsequenzen gezogen. Dann hätte ich gesagt: Okay, ein paar Prozent weniger Feuer, ein paar Prozent weniger Visionen, dann ist der Zeitpunkt gekommen. Und der zweite Punkt war: Wie stellt sich das Team hinter dem Team auf? Denn das hatte bislang perfekt funktioniert. Jeder erfüllt seine Aufgabe, da gibt es kein Kompetenzgerangel. Und so waren nach ein paar Tagen die Voraussetzungen geschaffen. Ich habe die Lust gespürt weiterzumachen, und dadurch war das dann relativ schnell über die Bühne.

Ist die WM 2014 Ihr ganz großes Ziel?
Das ist ein bisschen weit gedacht. Man soll nicht über Turniere hinaus denken. Erst einmal ist das Ziel die Qualifikation und dann die EM 2012, das ist das nächste große Turnier. An eine WM zu denken unmittelbar nach der WM, das ist nicht unbedingt der Fall.

Wie kommen Sie von der WM-Wolke zurück ins Alltagsgeschäft?
Das hat eine gewisse Zeit gedauert. Wenn ich ganz ehrlich bin, fiel es mir wahnsinnig schwer, zum ersten Testspiel gegen Dänemark eine Mannschaft zu nominieren. Der richtige Fluss war bei mir erst wieder mit den Qualifikationsspielen vorhanden. Da habe ich gespürt: Jetzt geht es wieder los, und jetzt sind wir wieder genauso gefordert wie bei der WM. Gegen Dänemark war es schwer, die Emotionen wieder hochzufahren.

Kommt es Ihnen entgegen, dass im nächsten Jahr kein großes Turnier ansteht?
Wenn ich den ganzen Zeitraum betrachte, in dem ich bei der Nationalmannschaft bin: Von 2004 bis heute sind fünf Turniere in sechs Jahren gespielt worden. Es ist für viele Spieler gut, wenn sie mal ein Jahr mit einer normalen Sommerpause haben. Ich glaube, dass eine normale Vorbereitung auch mal wieder guttut, um im Vorfeld einer EM an der Basis zu arbeiten.

Es fällt auf, dass im nächsten Jahr einige Testspiele gegen hochkarätige Gegner anstehen. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer so…
Das ist ja nicht immer so einfach, weil die Termine passen müssen. Aber wir haben es Gott sei Dank geschafft, einige Testspiele mit hohem Stellenwert zu vereinbaren wie gegen Italien, Uruguay, Brasilien, Holland am Ende des Jahres und im übernächsten Jahr gegen Frankreich. Wir haben bewusst starke Mannschaften gewählt, um neben den Qualifikationsspielen richtigen Wettkampfcharakter zu haben.

Sehen wir in einem dieser Spiele vielleicht auch Michael Ballack wieder? Wie stellen Sie sich für 2011 die Zusammenarbeit mit ihm vor?
Im Moment ist das relativ schwierig zu beantworten. Ich weiß aus den Gesprächen der vergangenen Monate, dass er den Ehrgeiz besitzt, unbedingt weiter für die Nationalmannschaft spielen zu wollen. So einen Abgang möchte er nicht. Er war ein halbes Jahr verletzt, jetzt muss man sehen, wie er im nächsten halben Jahr wieder die Form erreicht, dass er uns helfen kann. Er wird mit Nachdruck daran arbeiten, und die fußballerischen Möglichkeiten hat er.

Dann könnte Michael Ballacks Karriere in der Nationalmannschaft also angemessen ausklingen, etwa bei der EM 2012?
Das hat mit gutem Abgang erst mal nichts zu tun. Wenn er es schaffen sollte, der Mannschaft weiterhin Impulse zu geben mit einer hervorragenden Form, dann freuen wir uns alle. Natürlich wünsche ich mir immer, wenn ein Spieler so knapp vor dem 100. Länderspiel steht, dass er das auch macht. Aber letztendlich zählt ja die Leistung. Ist er in der Lage, auch 2012 in der Mannschaft Akzente zu setzen? Das muss man sehen. Ich traue ihm das zu, und er arbeitet daran, aber es gab natürlich auch mittlerweile eine Entwicklung von anderen Spielern.

Ein anderer „Altgedienter“, der in die Bundesliga zurückgekehrt ist, ist Christoph Metzelder. Haben Sie Kontakt zu ihm?
Nein, mit Christoph Metzelder habe ich nicht gesprochen. Er hat für die Nationalmannschaft mit seiner Persönlichkeit vieles geleistet in den vergangenen Jahren. Ich war 2008 und 2006 froh, dass er in unserer Mannschaft war. Aber er war auch häufig verletzt. Ich freue mich, dass er jetzt spielt und dass er auch wieder seine Form findet. Aber die Zukunft in der Nationalmannschaft in der Innenverteidigung gehört anderen.

Haben Sie einen Nationalspieler des Jahres?
Einen Spieler hervorzuheben, würde den anderen nicht gerecht werden. Es gibt einige Spieler, die bei der WM auf dem Rasen überzeugt haben, einige haben ihre Aufgabe im Kreise der Mannschaft mit Klasse erfüllt, obwohl sie nicht permanent gespielt haben. Klar, jetzt redet man natürlich von Özil, von Khedira, von Müller, den jungen Spielern, die zu den Shootingstars zählten. Von Schweinsteiger, der in diesem Jahr zum absoluten Weltstar gereift ist, auch außerhalb des Platzes. Und Philipp Lahm war ja schon die Jahre zuvor auf einem konstant hohen Niveau.

Arne Friedrich?
Da hatte es vielleicht niemand so erwartet. Er hatte ja schon an die 80 Länderspiele, war immer ein wichtiger, aber nie ein herausragender Spieler bis zu diesem Turnier. Aber durch die Verantwortung, die er in dieser Mannschaft hatte, ist er über sich hinausgewachsen und hat eine überragende WM gespielt.

Überrascht es Sie, dass sich Mesut Özil bei Real Madrid so schnell durchgesetzt hat?
Dass er bei Real Madrid positiv in Erscheinung getreten ist, überrascht mich nicht unbedingt, weil er ein Fußballer mit einer genialen Technik. Seine fußballerischen Möglichkeiten sind enorm: Er macht Dinge, die wenige Spieler sehen und die wenige Spieler dann auch umsetzen können. Bei Real wird er den nächsten Schritt machen. Sich in diesem Konkurrenzkampf ständig zu behaupten, Woche für Woche: Ich glaube, dass ihm das persönlich guttut und dass der Schritt der richtige war.

Wenn Sie keinen Spieler des Jahres haben – dann vielleicht ein Spiel des Jahres?
Das Spiel gegen Argentinien war sicherlich das beste, weil wir eine Mannschaft, die aus meiner Sicht eine der Topfavoriten war, über 90 Minuten dominieren und mit 4:0 deklassieren konnten. Ich glaube, das war unser Spiel mit dem besten Niveau.

Beim Blick auf die Bundesliga fällt auf, dass mit Dortmund und Mainz zwei Mannschaften vorne stehen, die auf junge Spieler und schnelles Spiel setzen. Ist die Nationalmannschaft stilprägend geworden?
Die Mannschaften, die jetzt vorne stehen, Dortmund, Mainz, Freiburg oder Hannover, von denen man es nicht so erwartet hat, die hatten den Vorteil einer ruhigen, konzentrierten Vorbereitung auf die Saison. Bayern München als anderes Beispiel hatte zehn Spieler, die bis zum Ende der WM dabei waren, viele waren drei, vier Wochen in der Vorbereitung nicht dabei. Dortmund konnte sich relativ ruhig vorbereiten. Das ist auch ein Vorteil.

Überrascht Sie der Siegeszug der Dortmunder?
Vergangenes Jahr war schon zu erkennen, dass die Dortmunder die Mannschaft in der Bundesliga sind, die nach Ballgewinn am besten umschaltet. Im vorigen Jahr war es aber so, dass sie häufig unentschieden gespielt und Spiele nicht gewonnen haben. Dieses Jahr gewinnen sie diese Spiele.

Also wird der BVB Meister?
Vielleicht lehne ich mich jetzt ein bisschen weit aus dem Fenster, und vielleicht ist es manchem nicht recht, aber Dortmund hat natürlich die allergrößten Chancen auf die deutsche Meisterschaft. Die Mannschaft spielt konstant, hat junge, technisch sehr gute Spieler und viele Möglichkeiten, Spieler zu ersetzen. Die Dortmunder haben 17 Punkte Vorsprung auf Bayern München; andere Mannschaften, von denen man mehr erwartet hätte, Hamburg, Stuttgart oder Schalke, sind sehr weit weg. Leverkusen ist noch am ehesten dran, von Mainz kann man es nicht erwarten. Von daher sind die Chancen enorm groß, dass sie die Meisterschaft in diesem Jahr gewinnen.

Vergangene Woche hat die FIFA mit ihren Entscheidungen für die nächsten WM-Turniere für Furore gesorgt. Wie bewerten Sie das Votum für Katar 2022?
Erst einmal finde ich es wahnsinnig mutig, so eine Entscheidung so zu treffen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass die Mehrheit für Katar stimmt. Ein WM-Turnier lebt von einer Atmosphäre: von den Fans, von den Stadien, von dem Leben drumherum. Nicht nur von den Spielen. Diese Fußballatmosphäre gibt es dort bislang nicht. Zu den Ligaspielen gehen nur ein paar hundert Zuschauer. Dann gibt es den gesundheitlichen Aspekt. Selbst wenn die Stadien heruntergekühlt werden können, bleibt es eine hohe Belastung. Und vor allem: Es gibt ja nicht nur Spiele bei so einem Turnier, sondern auch Trainingseinheiten. Und die finden dann vielleicht bei 40 Grad statt. Ich weiß nicht, wie eine Mannschaft das verkraftet.

Könnte das auch Auswirkungen auf die Spiele haben?
Wer weiß, ob darunter in zwölf Jahren nicht die Qualität und die Schnelligkeit leidet? Einige Spiele bei der WM 2006 und WM 2010 fanden auf wahnsinnig schnellem Niveau statt. Ob das bei Temperaturen um die 30 Grad und bei Trainingstemperaturen von 40 Grad möglich ist, das weiß ich nicht. Ich glaube, dass die WM gut organisiert sein wird, dass die Stadien gut sein werden – und dann muss man sehen, ob ein kleines Land wie Katar in den nächsten zwölf Jahren eine Fußballkultur aufbauen kann. Andererseits sollte man so einem Land auch die Möglichkeit geben, den Fußball weiterzuentwickeln.

Sie sind jetzt seit gut vier Jahren Cheftrainer der Nationalmannschaft – inwiefern haben Sie sich in dieser Zeit verändert?
Ab 2006 musste ich lernen, mehr zu delegieren, weil ich mehr Aufgaben hatte und mehr Visionen entwickeln musste. Für eine Nationalmannschaft muss man ja Zeiträume von zwei bis vier Jahren durchdenken. Dadurch, dass ich in den letzten Jahren viel im Ausland unterwegs war, habe ich von vielen anderen Trainern, von vielen Beobachtungen einiges dazugelernt. Das hat mein Bild vom Fußball vervollständigt. Ich kann meine Vorstellungen heute besser verwirklichen. Ich bin konsequenter in meiner Denkweise und meiner Umsetzung, weil ich vor mir klar sehe, was ich möchte. Und für viele Situationen habe ich heute mehr Lösungen parat, als noch vor fünf oder sechs Jahren.

Was unterscheidet den Bundestrainer Löw vom Bundesligatrainer Löw – und können Sie sich vorstellen, noch einmal ins Tagesgeschäft zurückzugehen?
Meine Grundidee, einen offensiven, attraktiven Fußball spielen zu lassen, ist eigentlich unverändert. Aber in den frühen Jahren konnte ich mit schwierigen Situationen nicht so gut umgehen. Über all die Jahre hinweg habe ich Erfahrungen gesammelt, positive, aber auch Misserfolge. Und meinen größten Schritt habe ich mit dem Wechsel zur Nationalmannschaft gemacht. Da konnte ich aus der Vogelperspektive schauen, das hat auch zu meiner Entwicklung beigetragen. Sicher ist es vorstellbar, noch einmal bei einem Verein zu arbeiten. Ich bin jetzt mehr als sechs Jahre beim DFB, es kommt irgendwann der Tag, an dem ich sage: Jetzt ist es gut, wenn man wieder mal eine neue Herausforderung hat.

Interview: Stefan Knopf