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Überregional Keinerlei Hinweis bei Robert Enke
Sportbuzzer Fußball Überregional Keinerlei Hinweis bei Robert Enke
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14:48 13.11.2009
Die Traueranzeige für Robert Enke von seiner Frau Teresa, seiner Tochter Leila und seinem kleinen Engel in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. Václav Havel - Robert Enke 24.08.1977 - 10.11.2009 In ewiger Liebe Teresa, Leila und Dein kleiner Engel." Quelle: lni
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Ex-Bundestrainer Jürgen Klinsmann hatte 2004 den Sportpsychologe Hans-Dieter Hermann zur deutschen Nationalmannschaft geholt. Der 48-Jährige arbeitet auch in der Bundesliga für 1899 Hoffenheim. Auf der Internetseite des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sprach Hermann offen über den Selbstmord von Robert Enke, die emotionale Belastung von Leistungssportlern und den Umgang mit dem Tabuthema „Depressionen“. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) dokumentiert die wichtigsten Aussagen.

Hermann zum Selbstmord von Robert Enke: „Die Frage nach dem Warum kann niemand verlässlich beantworten. Die Dramatik der Ereignisse lässt jedoch den Schluss zu, dass sich Robert insbesondere in den letzten Tagen in einer für ihn absolut ausweg- und hoffnungslosen Situation befunden haben muss, die zu dieser Unumkehrbarkeit der Abläufe geführt hat.“

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Hermann zu den Schwierigkeiten, Depressionen zu erkennen: „Depression ist kein einheitliches Krankheitsbild... Wie stark er (Robert Enke) war, merkt man daran, dass er trotzdem konstant gute Leistungen im Fußball gezeigt hat. Auch im Freundes- und Mannschaftskreis sowie in der Öffentlichkeit wirkte er zwar auch sensibel, aber absolut souverän und auf den Sport bezogen ziel- und leistungsorientiert. An sein Innerstes hat er verständlicherweise nur ganz wenige Menschen herangelassen, letztlich tragischerweise niemanden mehr.“

Hermann über seine letzten Kontakt mit Enke: „Es war Anfang September in der Sportschule Barsinghausen. Robert klagte zu dieser Zeit über Erschöpfungssymptome, für die zunächst kein medizinischer Grund gefunden werden konnte. Obwohl es keine konkreten Anhaltspunkte dafür gab, war ich gemeinsam mit unserem Mannschaftsarzt Prof. Tim Meyer der Meinung, dass man auch eine mögliche Depressivität oder gar eine Depression in Betracht ziehen sollte, zumindest müsste ich es abklären. In einem etwa einstündigen Gespräch gab es für mich damals keinerlei Hinweis auf diese Erkrankung. Im Gegenteil, Robert beschrieb sich außerhalb dieser Müdigkeit als privat und sportlich glücklichen Menschen mit klaren Zukunftsideen.“

Hermann über den Umgang mit Depressionen in der Gesellschaft: „Psychiatrische Erkrankungen werden in unserer Gesellschaft stark verdrängt. Noch problematischer ist jedoch, denke ich, dass es ein Stigma gibt für Menschen, die davon betroffen sind. Das führt häufig zu einer Verstärkung der Symptomatik und zu weiteren Problemen.“

Hermann über Depressionen im Spitzensport: „Profifußballer stehen unter einem hohen Leistungsdruck. Es wird sehr viel von ihnen erwartet und sie erwarten viel von sich. Sind sie besonders erfolgreich, haben sie kaum Verschnaufpausen... Schwierig wird es für sensible Spieler vor allem dann, wenn sie in der Öffentlichkeit lächerlich gemacht, sie beleidigt werden oder ihnen komplette Unfähigkeit vorgeworfen wird. Das wird umso stärker empfunden, je näher einem die Kritiker sind, also zum Beispiel das eigene Publikum, die heimische Zeitung oder gar Funktionsträger des Vereins.“

Hermann über das Ausmaß von Depressionen im Spitzensport: „Die Anzahl ist höher als die bekannten Fälle, aber nicht so, dass man einen ursächlichen Zusammenhang zwischen Leistungssport und Depression herstellen könnte. Im Gegenteil, für den Gesundheitsbereich ist moderates Sporttreiben als Therapeutikum anerkannt, und im Leistungssport gibt es meines Wissens prozentual deutlich weniger Fälle als in der Gesamtbevölkerung.“

Hermann über das Ziel der Leistungssteigerung: „Das „immer-funktionieren-müssen“ ist für jeden eine Qual, der sich gerade gar nicht danach fühlt ... Ich bemühe mich in meiner sportpsychologischen Arbeit sehr darum, nicht einfach psychologisch an der Leistungsschraube zu drehen, sondern unter Berücksichtigung der aktuellen Situation und Befindlichkeit des Sportlers und der anstehenden Aufgabe einen Weg zu finden, der jeweils aktuell gangbar ist. Das kann aber natürlich im Zweifelsfall auch bedeuten, eine Auszeit zu empfehlen.

Hermann über das Aufbrechen des Tabus Depressionen: „Dazu bräuchte man aber mehr als nur ein paar Wenige, die nach außen gehen. Die Angst, stigmatisiert zu werden, ist groß. Manche - wie es auch Teresa Enke für Robert beschrieben hat - fürchten sich existenziell.“

lni

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