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Überregional Die Spielverderber der Fifa
Sportbuzzer Fußball Überregional Die Spielverderber der Fifa
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00:21 30.05.2015
Präsident einer Mannschaft von Betrügern? Der Skandal bringt den bislang schier allmächtigen Fifa-Chef Joseph Blatter womöglich um seine geplante Wiederwahl. Quelle: dpa
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Zürich

Mittwochmorgen, es ist gerade hell geworden. Das Bundesamt für Justiz schickt die „Kapos“. Um 5.30 Uhr rücken die Kantonspolizisten ins Hotel Baur au Lac ein. Ihr Auftrag: Sie sollen in der Edelherberge am Zürichsee Spitzenfunktionäre des Weltfußballverbandes Fifa festnehmen – wegen des Verdachts auf Bestechung und Geldwäsche.

Es wird nicht nur für den Fußball, sondern für den gesamten Weltsport ein womöglich historischer Tag. Die Auswirkungen dieses 27. Mai 2015, an dem in Zürich sieben hochrangige Offizielle des Weltfußballs verhaftet wurden und in den USA Anklage gegen weitere acht Funktionäre und Vertreter von Marketingfirmen erhoben wurde, sind noch nicht abzusehen. Eine solche konzertierte Aktion hat es nie zuvor in diesem Business gegeben. Gerade in der Schweiz konnten Millionenbetrüger aus dem Sport bislang meist sicher sein, nicht juristisch belangt zu werden. Nun marschierten Kriminalbeamte ins Nobelhotel Baur au Lac am Zürichsee und setzten die Verdächtigen fest. Allerdings: Was heißt „Verdächtige“? Viele Vorwürfe sind längst bewiesen.

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Die Fifa-Welt steht unter Schock. Auch in anderen Weltverbänden und beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das ein paar Hundert Kilometer entfernt in Lausanne residiert, geht die Angst um. Viel haben die Milliardenkonzerne Fifa, IOC und andere in Lobbyarbeit investiert und damit lange Zeit Gesetzesverschärfungen und solch spektakuläre Razzien wie am Mittwoch verhindert. Doch siehe da: Sportfunktionäre sind auch nur Menschen, die sich wie Milliarden andere Bewohner dieses Planeten für Vergehen juristisch verantworten müssen. Das ist die Botschaft dieses Tages. Das ist neu.

„Diese Personen haben den Weltfußball korrumpiert“

Es geht um Korruption in dreistelliger Millionenhöhe, um Geldwäsche und allerlei andere schmutzige Deals. US-Justizministerin Loretta Lynch zufolge, die in New York eine Pressekonferenz gab, geht es auch um Vorgänge rund um die bislang letzte Wahl des amtierenden Fifa-Präsidenten Joseph Blatter im Mai 2011. „Diese Personen haben den Weltfußball korrumpiert“, sagte Lynch. „Wir werden diesen Praktiken ein Ende setzen und die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen.“ Die Anklageschrift von 47 Seiten erweitert das Bild von einer globalen Parallelgesellschaft, das Bild von einer Mafia innerhalb der Fifa und alles, was darüber in den vergangenen Jahren berichtet worden ist.

Verhaftet wurden in Zürich unter anderen die beiden Fifa-Vizepräsidenten Eugenio Figueredo (Uruguay) und Jeffrey Webb (Kaimaninseln) sowie der gerade ins Exekutivkomitee beförderte Eduardo Li aus Costa Rica. Gegen Figueredo wird auch in Uruguay wegen Korruption ermittelt. Webb, Präsident der nordamerikanischen Konföderation Concacaf, wurde von Blatter seit 2011 als Saubermann und möglicher Nachfolger des Fifa-Bosses präsentiert, sollte dieser irgendwann einmal von der Macht lassen wollen.

Außerdem auf der Anklagebank: die ehemaligen Exekutivmitglieder José María Marín aus Brasilien und Nicolás Leoz aus Paraguay, erwiesene Großkassierer, sowie Jack Warner, langjähriger Fifa-Vize aus Trinidad, der Blatter bei Abstimmungen stets die 35 Stimmen aus Nordamerika im Paket servierte. Leoz wiederum brachte die zehn Stimmen der südamerikanischen Konföderation Conmebol ein. So lief das Jahrzehnte. Blatter war und ist Nutznießer dieses Systems.

Die Schweizer Polizei hat mehrere Fifa-Funktionäre in Zürich festgenommen.

Hochinteressant wird da, was die US-Behörden nun bekannt gaben: Die Söhne Jack Warners, Daryan und Daryll, die bereits 2013 in den USA festgesetzt worden waren, haben sich zu vielen Anklagepunkten bekannt, etwa zu Geldwäsche und großflächigem Betrug. Als Kronzeugen des FBI versuchen sie seither zu retten, was zu retten ist, um nicht lebenslang im Zuchthaus sitzen zu müssen. Die Machenschaften von Chuck Blazer (USA), ebenfalls Exekutivmitglied, waren bereits bekannt. Blazer hat mindestens zwei Dutzend Millionen Dollar abgezweigt, sich in den Anklagepunkten Steuerhinterziehung, Verschwörung, Erpressung, Geldwäsche und anderen Delikten schuldig bekannt und versucht, mit einer Zahlung von 1,9 Millionen Dollar seine Strafe zu lindern. Blazer war, das weiß man seit dem vergangenen Jahr, im Auftrag der Steuerbehörde IRS und des FBI als Agent unterwegs und hat zum Beispiel während der Olympischen Sommerspiele 2012 in London Gespräche mit anderen Fifa-Betrügern aufgenommen.

Das sind die wichtigsten Fakten. Im medialen Tsunami, der seit Mittwochmorgen weltweit tobt, ging es dabei oft durcheinander. Da wurden Vorgänge wie der bereits gerichtsfest belegte ISL-Bestechungsskandal (mehr als 140 Millionen Franken Schmiergeld gingen an Funktionäre der Fifa, des IOC und anderer Weltverbände), die Vorgänge bei den US-amerikanischen und lateinamerikanischen Verbänden sowie die skandalösen Vergaben der Fußballweltmeisterschaften 2018 an Russland und 2022 an Katar miteinander vermischt.

Korrekt ist: Steuerbehörden, FBI und Justizministerium der USA ermitteln seit 2011 nicht vorrangig wegen Russland und Katar, sondern wegen schwerer Vergehen im amerikanischen Fußball bei der Vergabe von Marketingrechten. Das amerikanische Ersuchen auf Amtshilfe, um die Fifa-Betrüger dingfest zu machen, wurde von den Schweizer Behörden erfüllt. In der Schweiz wiederum hat die Bundesanwaltschaft am 10. März ein Strafverfahren wegen des „Verdachts der ungetreuen Geschäftsbesorgung und Geldwäsche“ im Zusammenhang mit den WM-Vergaben 2018 und 2022 eröffnet. Die Ermittler haben dazu am Mittwochmorgen im Fifa-Hauptquartier Datenmaterial sichergestellt. Zehn Exekutivmitglieder, die am 2. Dezember 2010 die Entscheidung über diese Weltmeisterschaften fällten, sollen in Kürze vernommen werden. Dabei haben Joseph Blatter und seine Getreuen mehr als einmal erklärt, dass die Weltmeisterschaften in Russland und Katar stattfinden werden, komme was wolle. Trotz aller Belege über Stimmenkauf und trotz vieler drückender Indizien.

Dieser 27. Mai 2015 aber könnte vieles verändern. Es war ein Dammbruch der Korruptionsbekämpfung im internationalen Sport. Staatliche Organe und Kriminalbehörden standen oft auf der Seite der Sportkonzerne. So hat die Fifa 2011 ein spektakuläres Joint Venture mit der internationalen Kriminalbehörde Interpol beschlossen und wurde für 20 Millionen Dollar größter privater Spender, den Interpol je hatte. Auch solche Allianzen erscheinen nun in einem anderen Licht.
Die aufgescheuchte Fifa bemüht sich um Schadensbegrenzung. Propagandachef Walter de Gregorio wies darauf hin, dass es die Fifa selbst gewesen sei, die im November 2014 wegen der Vergabe an Russland und Katar Strafanzeige gegen unbekannt erstattet habe. Dass gegen Blatter nicht ermittelt werde, wiederholte de Gregorio wohl tausendmal. Er will weitermachen, als sei nichts gewesen. Er will sich unbedingt am Freitag mit 79 Jahren zum fünften Mal zum Präsidenten küren lassen. Doch am Abend des Tages, der die Sportwelt erschütterte, sprachen in Züricher Fifa-Kreisen die ersten davon, dass das Blatt sich wenden könnte.

Von Jens Weinreich