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Überregional Lahm schießt sich mit seinem Buch ein fulminantes Eigentor
Sportbuzzer Fußball Überregional Lahm schießt sich mit seinem Buch ein fulminantes Eigentor
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21:24 29.08.2011
Von Heiko Rehberg
Seit Montag ist Lahms Buch „Der feine Unterschied“ im Handel erhältlich. Quelle: dpa
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Hannover

Philipp Lahm hat am Montag in München zusammen mit fünf anderen Nationalspielern das neue Trikot präsentiert, in dem der Deutsche Fußball-Bund (DFB) kommenden Sommer in Polen und der Ukraine Europameister werden will. Von Lahm ist der wenig aufregende Satz überliefert, dass „es immer etwas Besonderes ist, ein neues Trikot zu bekommen“.

Seit Montag ist auch Lahms Buch „Der feine Unterschied“ im Handel erhältlich, und tatsächlich gehören die Nachrichten vom neuen Buch und vom neuen Trikot zusammen. Lahm hat den neuen DFB-Dress als Kapitän der Nationalmannschaft präsentiert, sozusagen als wichtigster Spieler der wichtigsten Fußballelf des Landes. Die Werbeaufnahmen zeigen ihn stolz, mit ernstem, ein bisschen trotzigem Blick und der schwarz-rot-goldenen Kapitänsbinde am Oberarm. Zahlreiche Fans, so ist es in den Leserbriefspalten der Zeitungen und den Foren des Internets nachzulesen, sind der Meinung, dass Lahm den Werbetermin für den Verband gar nicht mehr hätte wahrnehmen dürfen. Sie halten ihn für untragbar als Kapitän – wegen seines Buches.

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„Charakterlos und moralische Kreisklasse“, schreibt im „kicker“ Siggi Wader, der auf der Zugspitze arbeitet und damit dem Fachmagazin zufolge „Deutschlands höchster Fußballfan“ ist: „Einen Kapitän Philipp Lahm müsste Bundestrainer Joachim Löw sofort absetzen, den braucht die Nationalelf nicht.“

Das bislang letzte Buch, das in Deutschland derart viel Staub aufgewirbelt hat, war „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin. Lahms Buch, genauer gesagt das, was der Österreicher Christian Seiler in Lahms Namen aufgeschrieben hat, steht zwar erst seit Montag in den Regalen der Buchläden. Dank eines Vorabdrucks in der „Bild“-Zeitung darf sich aber zumindest Fußball-Deutschland seit einer Woche aufregen, am lautesten der frühere Bundestrainer Rudi Völler, der von Lahm als eine Art Fußball-Animateur und Gute-Laune-Onkel ohne großen Schimmer von Taktik dargestellt wird. „Schäbig“ und erbärmlich hat Völler, heute Sportdirektor beim Bundesligisten Bayer Leverkusen, das genannt, was über ihn in dem Buch steht. „Der kleine Unterschied“ ist für ihn ein großes Ärgernis. „Philipp Lahm hat null Charakter. Auf dem Platz Weltklasse, außerhalb Kreisklasse“, findet Völler.

Lahms Ghostwriter Seidel hat zuletzt das Buch „Mein Hund Barolo“ geschrieben, eine „Gebrauchsanweisung“ für das bessere Zusammenleben mit Vierbeinern. Wer liest, was Lahm nun über Völler und andere ehemalige Trainer von ihm sagt, könnte schnell auf die Idee kommen, dass ein Maulkorb nicht nur bei Hunden Schlimmeres verhindert hätte.

Das Interessante an dem im Kunstmann-Verlag erschienen Buch (265 Seiten, 19,90 Euro) ist gar nicht, was Lahm schreiben lässt. Die „Bild“-Zeitung hat sich zwar Mühe gegeben, alles, was ein bisschen Aufregerpotenzial hat, über die Tage auf Schlagzeilen zu verteilen. Aber Neues, geschweige denn Exklusives steht nicht in „Der feine Unterschied“. Alles, was Lahm über Trainer wie Völler, Felix Magath (heute VfL Wolfsburg), Jürgen Klinsmann (heute Nationaltrainer USA) oder Louis van Gaal äußert, ist in der Fußballszene längst bekannt und für langjährige Beobachter wenig überraschend.

Dass Klinsmann kein Taktikfuchs ist und beim „Sommermärchen“ 2006 der heutige Bundestrainer Joachim Löw die eigentliche Arbeit erledigt hat, weiß man seit vielen Jahren, schon der Kinofilm von Sönke Wortmann hat daraus kein Geheimnis gemacht. Lahm wirft Magath, der sein Trainer bei den Bayern war, fehlende Nachhaltigkeit vor – auch darauf kommt jeder, der sich Magaths viele Klubstationen anschaut. Und um feststellen zu können, dass der Niederländer van Gaal sich selbst am allertollsten findet, reicht es, ein beliebiges Fernsehinterview des ehemaligen Münchener Trainers anzuschauen. In Lahms Buch muss man für diese Erkenntnis nicht stöbern. Dass der Nationalspieler und Bayern-Kapitän während van Gaals Zeit in München ein ausgesprochener Befürworter des selbstverliebten Trainers war und ihn in einem Interview gegen alle Vorbehalte offensiv verteidigt hat, machen Lahms Buchpassagen zudem noch vollkommen unglaubwürdig.

Mittlerweile hat sich Lahm für seine Darstellungen entschuldigt, in einem „Sport.1“-Interview hat er zudem die Bereitschaft signalisiert, mit dem von ihm „geschätzten“ Völler gerne „einen Kaffee trinken zu gehen“. Und „dass sich der ein oder andere auf den Schlips getreten fühlt, ist nachvollziehbar“. Der 27-Jährige bedient sich dabei einer alten Taktik, die Fußballprofis gerne anwenden, wenn Aussagen von ihnen in den Medien für Wirbel gesorgt haben. „Ich finde nicht, dass ich da schmutzige Wäsche wasche oder jemanden in die Pfanne haue. Wenn das so rüberkommt, tut es mir leid.“ Also: Alles nicht so gemeint, „aus dem Zusammenhang gerissen“, verkürzt dargestellt, und überhaupt findet Lahm die „Hysterie um mein Buch überzogen“. Genau an dieser Stelle wird sein Buch zum eigentlichen Ärgernis.

Lahm hatte in der Vergangenheit den Eindruck erweckt, ein Fußballprofi zu sein, der sich für mehr interessiert als Spiele und Siege, einer, der seinen privilegierten Job einzuordnen weiß und sich schlaue Gedanken nicht nur über den nächsten Gegner macht. Auch sein Buch, das im Untertitel „Wie man heute Spitzenfußballer wird“ heißt, enthält – von den wenigen Krawallpassagen abgesehen – ein paar kluge, kritische Gedanken über das Fußballgeschäft, von dem Lahm den für junge Menschen ernüchternden Satz sagt: „Deine Probleme löst du besser außerhalb der Mannschaft, mit Menschen, denen du vertraust.“

Ausgerechnet dieser helle Kopf versucht dem Fußballpublikum nun zu verkaufen, dass er nicht genau gewusst habe, was sein Nachtreten gegen die Trainer und die von der „Bild“ erzeugte Welle auslösen wird. Das Buch aber würde er „wieder so machen“. Das musste er wohl sagen, sonst hätte es zum Ärger mit all den Trainern auch noch Ärger mit dem Verlag gegeben.

Was Lahm zu diesem Buch bewegt hat, darüber darf gerätselt werden. Raphael Schäfer, der Torwart des Bundesligisten 1. FC Nürnberg, ein gebürtiger Hildesheimer, früher Torhüter bei Hannover 96, sieht normalerweise „Publicity“ und „Geld“ als Beweggründe für ein solches Buch. Doch, so Schäfers Einwand, beides habe Lahm ja bereits.

Eine plausible Erklärung findet niemand und konnte auch Lahm bislang trotz einiger Versuche nicht liefern. Er habe das Buch gemacht, „um zu verdeutlichen, wie das Leben eines aktiven Profis aussieht. Da geht es um weit mehr als nur 90 Minuten. Und ich habe es auch für mich persönlich geschrieben“, sagt Lahm. Ein persönliches Anliegen, ausgebreitet vor einem Millionenpublikum?

Vielleicht gab es am Montag im letzten Teil des „Bild“-Vorabdrucks einen Hinweis auf mögliche Beweggründe. Dort wehrt sich Lahm gegen die „nervigen Schwulen-Gerüchte“ („Zuerst einmal: Ich bin nicht schwul“), eine prominentere Bühne für eine Klarstellung gibt es nicht. Und zumindest die Geschichte von dem seltsamen Verehrer, der „vor meiner Tür stand und sagte ,Ich bin verliebt in dich‘“, die gab es noch nirgendwo zu lesen. Auch das ein ganz schön intimer Einblick für ein Buch, das der Autor für sich selbst geschrieben haben will. Am Freitag spielt die Nationalmannschaft in der Europameisterschafts-Qualifikation gegen Österreich. Nur noch ein Sieg fehlt, dann ist Deutschland bei der EM dabei. Lahm, in den vergangenen Jahren als Links- und Rechtsverteidiger der konstanteste Nationalspieler, wird die Kollegen als Kapitän aufs Spielfeld führen. Bundestrainer Joachim Löw und Nationalelfmanager Oliver Bierhoff haben ihn sanft gerügt für einige Passagen in dem Buch. Eine Strafe haben sie nicht ausgesprochen.

Für die nächsten Tage bis zum Anpfiff ist ein Gespräch mit dem Mannschaftsrat über den internen Verhaltenskodex anberaumt. Löw will „die Sensibilität im Umgang mit Interna aus dem Mannschaftskreis“ thematisieren. Aus aktuellem Anlass.