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Überregional Mesut Özils besonderes Spiel
Sportbuzzer Fußball Überregional Mesut Özils besonderes Spiel
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07:40 06.10.2010
Von Heiko Rehberg
Als Özil in Südafrika nach dem 1:0-Sieg gegen Ghana zum Spieler des Tages gewählt wurde, musste er vor die Medienschar treten, sein Blick ging meistens nach unten, er sprach so leise, dass er kaum zu verstehen war. Quelle: dpa
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Mesut Özil hat am Mittwoch in Berlin seinen schwersten Auftritt bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Am Mittwoch? Ist das wichtige Europameisterschafts-Qualifikationsspiel gegen die Türkei nicht erst am Freitag (20.45 Uhr, live im ZDF) und Özil, der gebürtige Gelsenkirchener mit türkischen Wurzeln, der Mann, auf den alle schauen werden?

Doch, doch, Freitagabend ist Anpfiff, nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Bastian Schweinsteiger wird es im deutschen Mittelfeld vor allem auf Özil und seine Ideen ankommen, aber wenn der 21-Jährige einen Ball am Fuß hat, dann schüttelt er öffentlichen Druck gewöhnlich ab wie seine Gegenspieler. Viel unbehaglicher ist Özil aber vor Mittwoch, genauer gesagt vor der Pressekonferenz. Während der Weltmeisterschaft hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Özil diese Termine erspart und lieber dreimal in einer Woche Lukas Podolski geschickt, der ähnlich kurze Sätze wie Özil formuliert, aber seine Nervosität mit Lausbubenscherzen überspielt; und wenn er dem Pressesprecher des DFB ständig in die Seite knufft. Özil aber, der bei seinem neuen Klub Real Madrid auf einer der größten Bühnen des Fußballs spielt, mag Konferenzräume in Hotels nicht, in denen mehr als 150 Reporter mit ihren Mikrofonen und vor allem mit ihren Fragen warten. Als er in Südafrika nach dem 1:0-Sieg gegen Ghana (Tor: Özil!) zum Spieler des Tages gewählt wurde, musste Özil vor die Medienschar treten, sein Blick ging meistens nach unten, er sprach so leise, dass er kaum zu verstehen war. Der Vorteil bei der WM: Nach zwei Fragen plus höchstens einer Zugabe ist Schluss, und Özil durfte sich wieder seine Kopfhörer über die Ohren stülpen und verschwinden.

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Am MIttwoch in Berlin wird das nicht funktionieren, es wird mehr Fragen geben, denn Özil ist natürlich die große Geschichte dieses Spiels. 74.244 Zuschauer werden Freitag im ausverkauften Olympiastadion sein, schätzungsweise 30.000 von ihnen türkische Anhänger, und es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie Özil auspfeifen, weil er das falsche Trikot trägt. Weil er sich für einen anderen Weg entschieden hat als beispielsweise der ebenfalls in Gelsenkirchen geborene Hamit Altintop oder der in Lüdenscheid geborene Nuri Sahin, die Freitag im Mittelfeld seine Gegenspieler auf türkischer Seite sein werden.

„Ich habe mich nicht gegen die Türkei entschieden, sondern für Deutschland“, sagt der junge Mann, der am 15. Oktober 22 Jahre alt wird. „Ich bin in Deutschland geboren, hier fühle ich mich wohl.“ Özils Familie lebt in der dritten Generation in Deutschland, sein Vater Mustafa hat die Entscheidung, für Deutschland und nicht für die Türkei zu spielen, befürwortet, auch den Entschluss seines Sohnes, die türkische Staatsbürgerschaft abzugeben. „Mesut hat sich immer mit Deutschland identifiziert“, sagt sein Vater, „aber er hat seine Wurzeln trotzdem nicht vergessen.“

Die Frage, ob er sich mehr deutsch oder mehr türkisch fühle, hat Özil bereits mehrfach beantwortet. „Eigentlich beides“ klingt sehr diplomatisch. Und trotzdem gibt es für einen wie ihn, der von sich sagt, dass er „Türkisch so gut wie Deutsch spricht“, keine andere Antwort.

Özil wird gerne als Musterbeispiel für eine gelungene Integration beschrieben; wenn man mit ihm spricht, dann merkt man schnell, dass ihm das alles viel zu sperrig ist – und für ihn überhaupt nichts Besonderes. Özil fühlt sich auch bei diesem Thema wohl, wenn der Ball ins Spiel kommt, also erzählt er davon, dass „mein Ballgefühl türkisch ist“. Und deutsch? „Die Disziplin, die Einstellung, das immer-Gas-geben.“ Ob sein großer Wunsch in Erfüllung geht, wird sich Freitag zeigen. „Es würde mich glücklich machen, wenn die Türken sehen und akzeptieren könnten, dass ich zur deutschen Mannschaft gehöre“, sagt Özil.

Mesut, sein Vorname, bedeutet übrigens „glücklich sein“.