Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Überregional "Wenn wir nachlassen, werden wir absteigen"
Sportbuzzer Fußball Überregional "Wenn wir nachlassen, werden wir absteigen"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:54 08.01.2015
„Und es begann diese unglaubliche Erfolgsgeschichte“: Paderborns Cheftrainer André Breitenreiter. Quelle: imago/Archiv
Anzeige
Hannover

Vor vier Jahren trainierte er noch die Jugendmannschaft des TuS Altwarmbüchen, in der sein Sohn kickt. André Breitenreiter half den Kindern, sich die Schuhe zuzubinden, kontrollierte, dass die Stutzen richtig sitzen. Danach begann eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Der frühere Profi von Hannover 96 führte erst den TSV Havelse an die Spitze der Regionalliga Nord und dann den SC Paderborn in die Bundesliga. Seither mischt er mit den Ostwestfalen die prminente Konkurrenz auf. 17 Spiele, 19 Punkte, Platz 10 – für viele ist Breitenreiter der Bundesligatrainer des Jahres.
Herr Breitenreiter, müssen die Spieler Sie siezen?

Die Hälfte duzt mich, die andere Hälfte siezt mich. Das darf jeder selbst entscheiden. Autorität bekommt man durch Sozial-, Führungs- und Fachkompetenz. Den Strafenkatalog gebe ich auch nicht vor. 

Anzeige

Als Sie beim SC Paderborn anfingen, lief es gar nicht so gut …

Klar, da haben einige im Umfeld gesagt: „Da kommt ein junger Trainer aus der 4. Liga, was will der denn?“ Am Anfang mussten wir im Trainerteam mit den Spielern einige ernsthafte Gespräche führen, um alte Verhaltensmuster aufzubrechen. Die Mentalität hat nicht gestimmt. Anfangs wurden teilweise Hütchen im Training weggetreten oder zum Beispiel Stangen ignoriert. Das konnten wir natürlich nicht akzeptieren. Wir haben knallhart durchgegriffen und konsequent jedes Fehlverhalten aufgezeigt. Das brauchte Zeit. Das war ein Signal an alle: Der Trainer versteckt sich nicht. Jeder, für den der Erfolg des Teams nicht im Vordergrund steht, hat ein Problem mit mir. Das wissen die Jungs. Mit der Entwicklung im sportlichen Bereich und im Miteinander kamen die ersten Erfolgserlebnisse. Und es begann diese unglaubliche Erfolgsgeschichte …

Die Erwartungshaltung ist groß.

In unserer Mannschaft spielen Spieler, die vor einem Jahr kaum einer kannte. Wir haben das geringste Budget und Trainingsbedingungen, die nicht mal drittligatauglich sind. Es hat sich nichts verändert! Wir bleiben der krasseste Außenseiter der Bundesliga-Geschichte. Wenn wir auch nur ein bisschen nachlassen, werden wir sang- und klanglos absteigen.

Wir haben gehört, Sie haben hellseherische Fähigkeiten …

Nein, bitte machen Sie nicht die Geschichte: „Wahrsager Breitenreiter“. (lacht)

Also stimmt es.

Ich habe vergangene Saison in der Winterpause zu unserem Präsidenten und zu unseren Spielern gesagt: „Wir werden um den Aufstieg mitspielen können, wenn jeder hart trainiert und alles für den Erfolg der Mannschaft gibt.“ Und als diese Saison der Spielplan rauskam, habe ich zu Wilfried Finke gesagt: „Wenn wir uns gut vorbereiten und etwas Glück haben, fahren wir am 5. Spieltag mit sieben bis zehn Punkten zum Spitzenspiel zu den Bayern.“ Wir sind dann tatsächlich dort als Tabellenführer mit acht Punkten aufgelaufen.

Wir haben drei Zitate bekannter Trainer dabei – mal sehen, ob Sie die Namen zuordnen können. Das erste Zitat: „Ich mache jeden Spieler besser.“

Wer ist denn so sehr überzeugt von sich, dass er so etwas sagen kann?

Jürgen Klinsmann, bevor er 2008 zu den Bayern ging.

Ich würde mir niemals anmaßen zu sagen, dass ich jeden Spieler besser mache. Das hat ja auch viel mit der Eigenmotivation der Spieler zu tun. Ich denke, dass so etwas kein Trainer von sich behaupten sollte.

„Ich diskutiere nicht mit meinen Spielern, ich spreche mit ihnen.“

Pep Guardiola?

Stimmt. Unterschreiben Sie den Satz?

Ja. Ich spreche viel, es gibt eine hohe Kommunikation. Ich würde aber nie mit einem Spieler über die Aufstellung diskutieren.

„Als Trainer bist du auch ein seelischer Abfalleimer der Spieler.“

Wer ist denn gerade frustriert? (lacht)

Ein älteres Zitat. Christoph Daum.

Spieler können jederzeit zu mir kommen. Meine Tür steht offen, auch für private Anliegen. Allerdings bewegen wir uns im Profisport, sodass jeder Spieler selbst entscheidet, in welchem Maß er mich an seinem Privatleben teilhaben lässt.

In Paderborn gibt es keine Stars. Wäre Ihre Arbeit eins zu eins auf größere Teams übertragbar?

Als ich von Havelse nach Paderborn gegangen bin, habe ich mich auch gefragt: Ist meine Trainerphilosophie auch in der Bundesliga umsetzbar? Ich habe sie unter Berücksichtigung der Tatsache, nun mit Vollprofis zu arbeiten, eins zu eins übertragen – und es hat funktioniert. Warum sollte es bei größeren Clubs nicht auch machbar sein?

Gibt es Dinge, die Sie im Nachhinein anders machen würden?

Nein. Wir haben nicht alles richtig gemacht, es waren sicher auch Fehler dabei. Ich stelle mich ja nicht hin und sage: „Ich bin ein überragender Typ, der keine Fehler macht!“ Das ist Quatsch. Ich hole mir Feedback ein, möchte mich verbessern und sehen, wie meine Wirkung auf andere ist. Das ist wichtig.

Ihr Sohn kommt nach dem Spiel immer auf den Platz gelaufen.

Er ist ein großer Fan unserer Mannschaft, feiert nach Spielen mit uns auch im Mittelkreis. Meine Tochter ist inzwischen fast 16. Daher kommt sie natürlich nicht mehr auf den Platz gelaufen. (lacht)

Neuerdings sind Sie auch auf Plakaten zu sehen. „Wie viel Breitenreiter steckt in Dir?“ heißt die Kampagne des Niedersächsischen Fußballverbands. Worum geht es dabei?

Es geht darum, Jugendliche qualifiziert zu Trainern auszubilden. 

Was treibt Sie an mitzumachen?

Kinder sollen Spaß am Fußball vermittelt bekommen, dafür muss es Trainer mit einer Ausbildung geben. Eltern können das oft nicht leisten, viele von ihnen sind auch zu emotional bei der Sache. Man hat ja das typische Bild vom brüllenden Vater im Kopf.  Je größer die Qualifikation in kleinen Vereinen, desto bemerkbarer macht sich das in der Gesamtentwicklung der Spieler.

Was genau machen Sie?

Ich habe eine Patenschaft für das Projekt übernommen. Wer ganz aktiv ist, kann zum Beispiel mal einen Tag bei mir in Paderborn verbringen.

Interview: Marco Fenske

Zur Person:

André Breitenreiter trat 2011 seine erste Trainerstation beim TSV Havelse in der Regionalliga Nord an. In der Saison 2011/12, führte er sein Team auf Platz 5 und der TSV gewann den NFV-Pokal, der zur Teilnahme am DFB-Pokal berechtigte. In der Saison 2012/13 wurde in der 1. DFB-Pokalrunde der Bundesligist Nürnberg mit 3:2 besiegt. In der 2. Runde musste man sich Bochum mit 1:3 geschlagen geben.

Der damalige Zweitligist Paderborn holte Breitenreiter zur Saison 2013/14 als Cheftrainer, am 11. Mai 2014 gelang der Aufstieg in die 1. Liga. Als Spieler gewann er 1992 den DFB-Pokal mit Hannover 96 (damals 2. Liga), 1994 wechselte er in die 1. Liga zum Hamburger SV. Weitere Stationen waren der VfL Wolfsburg und Unterhaching.

07.01.2015
Carsten Schmidt 07.01.2015
07.01.2015