Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Überregional Schalke versinkt im Chaos
Sportbuzzer Fußball Überregional Schalke versinkt im Chaos
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:09 17.05.2015
Im Angesicht des Zorns: Die Schalker Profis bedröppelt vor der Fankurve. Quelle: Bernd Thissen
Anzeige
Gelsenkirchen

Was für ein bizarrer Moment: Da stellt der Paderborner Uwe Hünemeier in der 88. Minute per Eigentor ein Fußballspiel auf den Kopf - und trotz des Sieges zerreißt es Schalke. Emotional. Durch dieses unverdiente 1:0 darf der Revierklub im kommenden Jahr in der Europa League mitspielen, und entsprechend war die Freude auf dem Rasen. Im Publikum jedoch wich der erste Jubel rasch einem Gefühl der Wut. „Wie könnt ihr nach so einer Leistung jubeln“, rief einer, es wurde gepfiffen und geschimpft. Wohl noch nie haben Fans ihre Mannschaft derart boshaft verabschiedet, nachdem zuvor das wichtigste Saisonziel erreicht wurde.

Die Spieler flohen in die Kabine, die Leute in der Arena blieben. Sie feierten den SC Paderborn, während die Schalker Mannschaft sich mit ihrem Trainer beriet, und dann noch einmal nach draußen kam. Zu einer gespenstischen Ehrenrunde. „Wir haben als Mannschaft beschlossen, uns zu stellen, um den Emotionen der Fans freien Lauf zu lassen“, erzählte Torhüter Ralf Fährmann. Die Mannschaft als Blitzableiter, um den rasenden Entfremdungsprozess zumindest ein wenig zu bremsen.

Anzeige

Es brodelte. Bierbecher flogen, Beleidigungen erklangen, die Leute brüllten: „Außer Fährmann könnt ihr alle gehen!“ Oder: „Wir sind Schalker und ihr nicht“. Später versammelten sich 200 aufgebrachte Menschen vor dem VIP- und Spielereingang, wo sich Manager Horst Heldt zeigte und pflichtschuldig erklärte: „Es ist einzig und alleine meine Verantwortung. Ich kann mich nur aufrichtig entschuldigen bei euch für das, was wir abgeliefert haben.“ Den „Dann verpiss dich“-Zwischenruf ignorierte er. Das Merkwürdige ist, dass die Eskalation mit einem Augenblick des Erfolges zusammenfällt, Platz fünf nach 33 Spieltagen ist respektabel.

Wobei die Zahlen keineswegs die leblosen Leistungen spiegeln, die die Mannschaft jüngst geboten hat. Schalke hatte wie in Köln und gegen Stuttgart erbärmlichen Fußball gespielt. Es sei eben unmöglich, wie eine Spitzenmannschaft aufzutreten, „wenn du kein Vertrauen, kein Selbstbewusstsein spürst“, erklärte Fährmann, und hinter diesen Worten verbarg sich ein Vorwurf an die Fans, die der Mannschaft in der ersten Halbzeit jede Unterstützung verwehrt hatten. Heldt: „Die Herzen sind erst mal verloren.“

Im Mittelpunkt des Volkszorns stand aber Clemens Tönnies. Der Aufsichtsratsvorsitzende kann froh sein, dass er sich auf der Mitgliederversammlung am 28. Juni nicht zur Wahl stellen muss. Seine Amtszeit endet erst 2016. Tönnies’ Verantwortung für die Entwicklungen ist zwar nur schwer greifbar, da er mit dem operativen Geschäft offiziell nichts zu tun hat, aber in der Öffentlichkeit ist wohl kein Bundesligaaufsichtsrat so präsent wie der Großmetzger. Und die meisten Leute im Umfeld des Klubs sind sich sicher, dass er bei vielen Entscheidungen mitredet, die Kultur dieses Vereins prägt. Sich einerseits mit großem PR-Aufwand als Kumpel- und Malochertyp inszeniert, während seine Angestellten weit davon entfernt sind, die alten Bergarbeiterwerte zu verkörpern.

Während der zweiten Halbzeit und nach dem Spiel brüllten viele Zuschauer: „Tönnies raus!“. Auf Transparenten wurde der 58-Jährige kritisiert. In einem Pamphlet, das in der vorigen Woche veröffentlicht wurde, wird Tönnies, ohne dass sein Name fällt, zum Hauptschuldigen für die emotionale Krise erklärt. Und bei dieser Anklage handelt es sich keineswegs um die Meinungsäußerung von ein paar Ultras, das Schreiben wurde von 185 Fanklubs und von beiden vom Verein unabhängigen Dachorganisationen der Anhängerschaft unterzeichnet.

Wie diese Gräben geschlossen werden sollen, wusste am Sonnabend niemand. „Jetzt muss man erst mal die Saison zu Ende bringen“, sagte Heldt. Beobachter meinen, ein neuer Trainer könne helfen. Im Moment versichern die Verantwortlichen, dass Roberto Di Matteo das Team in die nächste Saison führen darf. Andere meinen, es müsse einen Umbruch im Kader geben, möglich auch, dass Horst Heldt geopfert wird.

Wobei es am letzten Spieltag eine Chance zur Wiedergutmachung gibt: Dem Jubel über die Stuttgarter Tore gegen den HSV war zu entnehmen, wie die Schalker einen Abstieg Hamburgs begrüßen würden. Im Duell der beiden Klubs am Sonnabend könnte die Mannschaft dem Wunsch der Fans entsprechen. Mit einem Sieg.

Überregional Endspiele garantieren Dramatik - HSV und Paderborn vor Absturz
17.05.2015
Überregional Letzter Spieltag der Bundesliga - Was, wäre wenn...? im Abstiegskampf
16.05.2015