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Überregional Schräge Urteile, schrille Töne
Sportbuzzer Fußball Überregional Schräge Urteile, schrille Töne
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00:15 01.11.2013
Von Stefan Knopf
Mit viel Tamtam versuchen die Verbände, dem Fußball eine Ritterlichkeit zu verleihen, die er nie hatte. Quelle: dpa
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Hannover

Da sprach der Richter zum Angeklagten: Natürlich sei einwandfrei erwiesen, dass er das Hemd im Kaufhaus nicht gestohlen habe, das zeigten ja auch die Bilder der Überwachungskameras. Aber der Kaufhausdetektiv habe ihn nun mal als Ladendieb ausgemacht, da sei wirklich nichts zu machen. „Tatsachenentscheidung.“

Natürlich käme diese Geschichte im wirklichen Leben nie vor, es sei denn, es handelt sich um Fußball. Man darf sich also weiter aufregen über das Urteil in Sachen Hoffenheimer Phantomtor, und man muss sich weiter aufregen über das, was der Öffentlichkeit an jedem Fußballwochenende unter dem großen Wimpel der Fairness verkauft wird.

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Da stehen ein Trainer und ein Manager aus Hannover vor den Kameras und Mikrofonen, wettern über eine „hundsmiserable“ Schiedsrichterleistung, sprechen von „Wahnsinn“ und „vehementen Fehlentscheidungen“ und müssen nach Ansicht der Fernsehbilder den geordneten Rückzug antreten. Da muss ein Sportrichter eine Fehlentscheidung eines Unparteiischen durchwinken, weil nicht die Entscheidung überprüft wird, sondern nur, ob der Weg bis zum Fehler korrekt war. Und beim nächsten Europapokalspiel lässt der europäische Dachverband UEFA in den Stadien wieder Banden mit dem Aufdruck „Respect“ in den Stadien aufstellen.

Egal, ob Respekt oder Fair Play: Mit großem Tamtam versuchen FIFA, UEFA und DFB, dem Fußball eine Ritterlichkeit zu verleihen, die er nie hatte. Ist ein taktisches Foul an der Mittellinie, um einen gegnerischen Angriff zu unterbinden, ein Ausdruck von Fairness? Andererseits gehört zu gegenseitigem Respekt mehr als die Selbstverständlichkeit, den Ball bei einer Verletzung eines Gegenspielers ins Aus zu treten, oder in einem Interview die Wortwahl zu überdenken. Ist es respektvoll, den Schiedsrichtern die technischen Möglichkeiten vorzuenthalten, mit denen sich Fehlentscheidungen verhindern ließen? Noch dazu in einer Zeit, in der jeder Zuschauer im Stadion mit seinem Smartphone schon wenige Augenblicke später über die Wahrheit im Bilde ist?

Jahrelang hatten sich die Regelhüter gegen die Einführung technischer Hilfen im Spitzenfußball mit dem Argument gesperrt, dass dadurch die Gleichheit im Fußball außer Kraft gesetzt werde – eine Gleichheit, die es längst nicht mehr gibt. Während in der Bundesliga inzwischen vier Schiedsrichter im Einsatz sind, in der Champions League sogar sechs, sind die Vereine in den Kreisligen oftmals froh, wenn sie überhaupt noch einen Unparteiischen finden.

Dann hat der Weltverband endlich den Weg frei gemacht für technische Hilfen – und dabei dem Chaos noch nachgeholfen: Weil der FIFA der Mut fehlte, die Technik verbindlich vorzuschreiben, macht nun jeder, was er will. Bei der WM gibt es Torlinienkameras, die UEFA vertraut im Europapokal und bei der Europameisterschaft auf Torrichter und lässt sich auch von kapitalen Fehleinschätzungen der Unparteiischen bei der jüngsten Endrunde nicht beirren. Er wünsche sich einen „menschlichen Fußball“, hat Michel Platini kürzlich noch einmal betont, der sich bei der Wahl zum UEFA-Präsidenten auch auf die Stimmen der kleinen Mitgliedstaaten stützen konnte und vermutlich froh ist, dass er so ein paar lukrative Schiedsrichter-Jobs zusätzlich zu verteilen hat. Auch in den europäischen Ligen geht es munter durcheinander: England hat die Torlinientechnik bereits eingeführt, Spanien und die Niederlande sind derzeit in der Testphase.

Vielleicht beginnt in Deutschland, wo die Funktionäre bislang gegen das Votum vieler Schiedsrichter, Spieler und Trainer vor allem Argumente gegen eine schnelle Einführung der Technik gesammelt hatten, nun endlich eine echte Reformdiskussion. Dann hätte das Urteil um das Hoffenheimer Phantomtor wenigstens einen Sinn. Wer sonst soll Fairness oder Respekt vorleben, wenn nicht die Verbände im Großen und die Sportlichen Leiter im Kleinen?

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