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Überregional Plötzlich spielt die Angst im Fußball mit
Sportbuzzer Fußball Überregional Plötzlich spielt die Angst im Fußball mit
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00:18 21.11.2015
Rund um das abgesagte Länderspiel waren hunderte Polizisten im Einsatz. Quelle: Stratenschulte
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Wie reagiert die Bundesliga auf die Folgen der Länderspielabsage?

Die Spiele des 13. Spieltages der Fußball-Bundesliga sollen am Wochenende angepfiffen werden. Und diese Entscheidung der Deutschen Fußball-Liga (DFL) erhält Zustimmung. „Wir dürfen jetzt vor dem Terror nicht kapitulieren“, sagt Bayer Leverkusens Sportchef Rudi Völler. Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagt: „Dass gespielt wird, steht außerhalb jeder Frage. Das wäre eine solche Kapitulation, das würde ja Freudenstürme in Syrien und anderswo auslösen.“ Hannovers Boss Martin Kind ist sich sicher: „Das wird den Fußball verändern und stellt uns vor eine neue Herausforderung!“ Borussia Mönchengladbach kündigt zum Beispiel vor dem Heimspiel am Sonnabend (15.30 Uhr) gegen Hannover 96 strengere Einlasskontrollen an. Dafür werden die Stadiontore bereits um 13 Uhr geöffnet. Rainer Koch, Interimschef des DFB, sagt: „Wir müssen die Sicherheitsvorkehrungen entsprechend für zukünftige Veranstaltungen kritisch überprüfen und gegebenenfalls auch erhöhen.“ Grundsätzlich findet Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Bundesligaspiele und auch komplette Spieltage sind für die Polizei zu meistern.“ Der DFB-Sicherheitsbeauftragte Hendrik Große Lefert: „Sicherlich müssen wir alle wachsam sein. Aber es gibt keine Erkenntnisse von jedweder Gefährdung.“

Wie geht es den Nationalspielern?

Plötzlich ging alles ganz schnell. Während der DFB die Meldung verbreitete, die Spieler an einen geheimen und sicheren Ort gebracht zu haben, waren die meisten Stars in Wahrheit auf dem Rückflug zu ihren Familien. Mittlerweile sind sie alle wohlbehalten angekommen. Als letzter Profi reiste Shkodran Mustafi vom FC Valencia am Mittwoch aus Hannover ab. Bundestrainer Joachim Löw hatte den Terror-Abend von Hannover laut „Bild“ im italienischen Restaurant Bernini verbracht. DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann ist schon nach den Erlebnissen von Paris konsultiert worden, enge Wegbegleiter berichten, den Bundestrainer noch nie so nachdenklich erlebt zu haben.

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Die Fußballnationalmannschaft des DFB wurde mit Polizeieskorte zum Flughafen nach Langenhagen gebracht. Panzerwagen der Bundespolizei sicherten das Flugzeug bis zum Start.

Welche Sicherheitsmaßnahmen sind bei einem Bundesligaspiel üblich?

Jeder Klub beschäftigt einen Sicherheitsbeauftragten. Er hält Kontakt zu den Behörden und den Sicherheitsdiensten im Stadion. Für mehr Sicherheit hat die DFL einen Zehn-Punkte-Plan erstellt. Der richtet sich jedoch an den Umgang mit gewaltbereiten Fans – ist also weitgehend unbrauchbar im Kampf gegen Terroristen. Durchschnittlich sind bei Bundesligaspielen nach Schätzungen rund 400 Ordner im Stadion, bei Hochrisikospielen mehr. Sie tasten die Fans am Eingang ab, kontrollieren Taschen, behalten Tribünen im Blick. Ordner müssen vor ihrem Einsatz nach Angaben eines Sicherheitsdienstleisters Schulungen absolvieren und ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis haben.

Wer kommt für die Sicherheitsmaßnahmen finanziell auf?

Ein Streitthema. Nach Schätzungen kosten allein die Einsätze von Bundes- und Landespolizei in und um die Bundesligastadien den Steuerzahler mehr als 150 Millionen Euro pro Jahr. Zu viel, finden viele Bundesländer. Bremen hat reagiert: Für das als Risikospiel eingestufte Bundesliga-Nordderby zwischen Werder und dem Hamburger SV im April hat der Innensenator eine Rechnung über 425 818,11 Euro an die DFL geschickt. Für die Sicherheit im Stadion müssen auch die Bundesligisten finanziell aufkommen. Laut Schätzungen zahlen die Klubs siebenstellige Beträge im Jahr für die von ihnen engagierten Ordnungsdienste. Hinzu kommen Kosten der Deutschen Bahn für Sicherheitspersonal in den Fanzügen (etwa 500 000 Euro im Jahr).

Welche verschärften Sicherheitsmaßnahmen werden diskutiert?

Leverkusen-Sportchef und Ex-Bundestrainer Völler: „Alles, was unserer Sicherheit dient, sollte uns wichtig sein. In Italien gibt es personalisierte Eintrittskarten. Und jeder hat sich am Flughafen schon mal geärgert, wenn es beim Sicherheitscheck dauert.“ Problem: Sprengstoffscanner sind seit September Pflicht auf EU-Flughäfen und entsprechend gefragt. Selbst wenn sie verfügbar wären, bräuchten die Mitarbeiter des Ordnungsdienstes eine Schulung an den Geräten. Eine kurzfristige Einführung sei nicht möglich, heißt es aus Sicherheitskreisen.

Werden die Stadien am Wochenende leerer sein?

Die Fanorganisationen halten das für möglich. „Es gibt sicher den ein oder anderen, der am Wochenende lieber zu Hause bleibt“, mutmaßt Jochen Grotepaß vom Fanverband „Unsere Kurve“. Für bereits gekaufte Tickets gibt es keinen Anspruch auf Rückerstattung. Erst bei einer konkreten Gefahr gibt es das Geld zurück – wie im Fall des abgesagten Länderspiels.

Wie bereitet sich der HSV auf das Freitagabendspiel gegen Dortmund vor?

Es ist ein Start ins Bundesliga-Wochenende unter besonderen Vorzeichen. HSV-Trainer Bruno Labbadia: „Man muss Angst auch mal ausblenden. Wir haben beschlossen, die Sache in der Mannschaft nicht extra zu thematisieren. Das Thema ist ohnehin präsent, wir sehen es deshalb nicht als notwendig an, die Sache in der Mannschaft noch größer zu machen.“ Was er nicht erwähnt: dass auch beim HSV bereits der Beschluss gefallen ist, die Anzahl der Ordner zu erhöhen – auch sollen sie vorab sensibilisiert werden, besonders gründlich bei den Eingangskontrollen zu sein.

Gab es solch eine kurzfristige Länderspielabsage schon einmal?

So knapp vor Anpfiff wurde ein deutsches Länderspiel noch nie abgesagt. Ein Wiedervereinigungsspiel am 21. November 1990 zwischen der DDR und der Bundesrepublik scheiterte an einer Hooligan-Randale in Leipzig 18 Tage zuvor. Ein Länderspiel gegen England wurde 1994 abgesagt, weil es auf den 105. Geburtstag Adolf Hitlers gelegt worden war (und 10 000 Rechtsradikale erwartet worden waren). Nachdem sich Nationaltorwart Robert Enke am 10. November 2009 das Leben genommen hatte, entfiel das Spiel gegen Chile vier Tage später.

Wie reagiert das Ausland?

In anderen Ländern spielt die Angst vor Anschlägen schon etwas länger mit. Die baskische Untergrundorganisation Eta hatte zum Beispiel 2002 beim Halbfinalspiel der Champions League zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona eine Bombe gezündet. Am kommenden Wochenende steht in Spanien das Duell zwischen Real und Barca erneut an. An eine Absage des „Clasico“ denkt aber in Spanien niemand ernsthaft. „Derzeit liegen keine Beweggründe vor, die eine Absage rechtfertigen würden“, sagt Innenminister Jorge Fernández Díaz. Dennoch werden die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt. Die Madrider Präfektin Concepción Dancausa kündigt an: „Man wird sogar die Brötchen kontrollieren müssen, die die Zuschauer mit ins Stadion nehmen.“

Die Angst spielt im Fußball mit.

Von Sebastian HarfstStefan Döring, Andreas Hardt und Udo Muras

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