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Überregional Vereine fordern endlich Videobeweis
Sportbuzzer Fußball Überregional Vereine fordern endlich Videobeweis
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08:47 03.11.2015
Von Manuel Becker
Die krasseste Fehlentscheidung: Hannovers Leon Andreasen erzielt das Tor gegen den 1. FC Köln klar per Hand.
Die krasseste Fehlentscheidung: Hannovers Leon Andreasen erzielt das Tor gegen den 1. FC Köln klar per Hand. Quelle: imago
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Eine Nacht bietet ja oft Zeit, um das Geschehene zu verarbeiten, die Gemüter runterzukühlen und am nächsten Tag eine etwas andere Sicht auf die Dinge zu haben. Bei Jörg Schmadtke war das diesmal nicht der Fall. Einen Tag nach dem 0:0 gegen Hoffenheim (Schmadtke: „Die Schiedsrichter in Deutschland werden immer schlechter!“) legte er noch einmal nach: „Es passieren häufiger solche Fehler, und sie werden massiver!“

Schmadtkte steht mit seiner harschen Kritik nicht alleine da. Zahlreiche Klubs machten am vergangenen Spieltag ihrem Unmut öffentlich Luft. Mainz-Manager Christian Heidel etwa fragte süffisant: „Ich verstehe nicht ganz, was die Schiedsrichter mit ihren Headsets machen. Läuft da die Hitparade?“

47 grobe Fehlentscheidungen hat es bis zum 11. Spieltag schon gegeben - so viele wie seit fünf Jahren nicht mehr. Immer lauter werden daher - mal wieder - die Rufe nach dem Videobeweis oder dem Videoschiedsrichter. „Es sind Kampfspiele, da entscheiden Kleinigkeiten“, sagt Wolfsburgs Geschäftsführer Klaus Allofs. „Wenn uns am Ende ein Punkt zur Champions-League-Teilnahme fehlt, kostet uns das 15 bis 20 Millionen Euro“, sagt Leverkusens Geschäftsführer Michael Schade. Er fordert daher, dass „alle technischen Möglichkeiten eingesetzt werden, die anwendbar sind“.

Wer ist noch für den Videobeweis?

Alle aktiven Schiedsrichter! Sie sehnen sich nach Entlastung und verschließen sich ganz und gar nicht. Manuel Gräfe, der in Wolfsburg ein klares Abseitstor gegeben hatte: „In der Situation hätte es geholfen.“ Auch ein Großteil der Vereine plädiert für technische Hilfsmittel, wie eine Sky-Umfrage unter den 36 Klubs der 1. und 2. Liga belegt. 24 Vereine sprachen sich für den Video-Schiedsrichter aus, nur acht dagegen. Trainer Felix Magath fordert: „Die Liga braucht einen Fernseh-Schiri - sofort!“ Ex-Schiedsrichter Markus Merk ist sich zwar bewusst, „dass es eine Revolution im Fußball sein wird“, betont aber: „In keinem Fall eine Verschlechterung.“ Die technischen Hilfsmittel stehen übrigens längst bereit: Die Firmen Hawk Ey und Goalcontrol haben den Videobeweis bereits vergangenes Jahr angeboten.

Was spricht überhaupt dagegen?

Fußball-Romantik! Darmstadts Trainer Dirk Schuster: „Wir sollten nicht allzu viel am Fußball rumdoktern.“ Das sieht auch Hannovers Trainer Michael Frontzeck so: „Es ist ein wunderbares Spiel, das auch ein Stück weit vom Drama sowie von den Fehlern der Schiedsrichter, Trainer und Spieler lebt. Letztendlich ist das Teil des Spiels, und von daher bin ich gegen den Videobeweis.“ Auch DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist ein Gegner des Videobeweises. Schon vor einem Jahr hatte er hinsichtlich weiterer technischer Hilfsmittel betont: „Die absolute Grenze ist erreicht.“

Was waren die jüngsten Änderungen im Fußball?

Vor dieser Saison ist die Torlinientechnik eingeführt worden, die direkt am ersten Spieltag zum ersten Mal zum Einsatz kam - und in einer Szene entschied: kein Tor! Schiedsrichter Felix Brych: „Der Job ist schwer genug, den wir machen. Wir freuen uns sehr über diese Hilfe.“ Im Jahr 2014 wurde das Freistoßspray eingeführt, mit dem die Schiedsrichter den Abstand zwischen Spielern und Mauer festlegen können. Die letzte große Revolution im Fußball gab es 1992: Seit der Saison 1992/93 darf der Torhüter den Ball nach Pässen seiner Mitspieler nicht mehr in die Hand nehmen. Dadurch veränderte sich das Spiel grundlegend.

Was müssen Schiedsrichter leisten?

Mehr als 200 Entscheidungen treffen sie pro Spiel. Regelmäßig müssen sich die 22 Schiedsrichter der Bundesliga Leistungstests unterziehen. Pro Bundesliga-Einsatz erhalten sie 3800 Euro Spesen. Zusätzlich gibt es ein jährliches Grundgehalt, das je nach Erfahrung und Leistung variiert. Fifa-Schiedsrichter wie Gräfe oder Brych erhalten rund 60 000 Euro im Jahr.

Wie funktioniert der Videobeweis?

Der Niederländische Fußballverband hat in einem Pilotprojekt bereits einen fünften Offiziellen getestet, der in einem Übertragungswagen alle Kamerabilder betrachtet. In einem weiteren Schritt könnte der Videoschiedsrichter immer dann, wenn es eine zweifelhafte Situation gab, nach Ansicht der TV-Bilder Hilfestellungen geben.

Wer entscheidet über die Einführung des Videobeweises?

„Ohne die Zustimmung der Fifa sind alle Überlegungen umsonst“, sagt Herbert Fandel, Mitglied der Schiedsrichterkommission der Uefa. Die Fifa beschäftigt sich bereits mit dem Videobeweis. In der brasilianischen Profi-Liga drängen die Klubs auf eine Einführung des Videoschiedsrichters - möglichst zum Saisonstart 2016 im Mai. Am 26. November tagen dazu die Regelhüter der Fifa. Doch selbst wenn diese grünes Licht geben, wird noch einmal auf der Jahreshauptversammlung am 5. März 2016 darüber entschieden. Ein langer Weg ...

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