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Überregional VW-Duelle stehen in der Fußball-Bundesliga an
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00:15 02.06.2015
Von Thorsten Fuchs
Das Volkswagen-Logo prangert auf den Trikots der Spieler des VfL Wolfsburg. Quelle: dpa
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Wolfsburg

Schon klar, dass Klaus Allofs jetzt lieber über andere Dinge reden würde. Über das neue Trikot des VfL zum Beispiel, das vor ihm liegt und das wohl nicht zufällig an das deutsche Nationaltrikot erinnert. Oder über das große Spiel an diesem Sonnabend, das Pokalfinale in Berlin, das ein Triumph für seinen Verein werden soll. Aber genau deshalb muss es auch noch um etwas anderes gehen. Um einen Verdacht.

Allofs, der Manager des VfL Wolfsburg, sitzt in einer VIP-Loge des Stadions, das natürlich Volkswagen-Arena heißt. Hinter ihm hängen vier überlebensgroße Fotos von Spielern, rechts von ihm sind durchs Fenster die vier mächtigen Schornsteine des VW-Werks zu sehen. Von dort kommt das Geld, das den Aufstieg des Klubs ermöglicht hat. Und mit dem Geld kommen die Häme, der Spott, die Sorgen, die den Klub begleiten.
Allofs, der gelassen-freundliche Manager, sagt: „Dass es da manche Unsachlichkeit gegeben hat, ist nachvollziehbar.“

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Unsachlichkeit. So kann man es natürlich auch nennen. Aber es ist dann doch stark untertrieben. Wolfsburg werde nicht einfach an Bayern München vorbeiziehen können, hatte der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, Hans-Joachim Watzke, vor einiger Zeit gesagt. „Gäb’ auch im Aufsichtsrat von Bayern München Proteste.“ Es war eine Anspielung darauf, dass VW nicht nur den VfL Wolfsburg besitzt, sondern VW-Chef Martin Winterkorn auch im Aufsichtsrat der Bayern sitzt. Eine launige Bemerkung – mit sehr ernstem Kern: Wenn ein Unternehmen gleich in mehreren konkurrierenden Vereinen mitbestimmt, wie frei kann der Fußball dann noch sein? Watzkes Spruch war auch ein Angriff auf das Herz des Fußballs.

Spiel erinnert an Konzernmeisterschaft

Beim Pokalfinale am Sonnabend in Berlin wird jedenfalls so sichtbar wie nie sein, wie präsent Volkswagen im deutschen Profifußball mittlerweile ist. Der eine Finalist, der VfL Wolfsburg, ist eine hundertprozentige Tochter des Konzerns. VW ist aber auch „offizieller Partner“ des Wettbewerbs, sponsert also sozusagen den Pokal, den seine Mannschaft gewinnen soll. Und weil VW somit umfangreiche Werberechte gekauft hat, tritt auch der Gegner heute Abend, Borussia Dortmund, mit einem VW-Logo auf dem Ärmel an. Ein wenig erinnert das Spiel an eine Konzernmeisterschaft. Der Gewinner bei den Frauen hieß übrigens auch VfL Wolfsburg.

Nicht nur im DFB-Pokal, sondern auch in der Bundesliga kommt es demnächst zu VW-Duellen. Gerade ist der FC Ingolstadt in die höchste deutsche Spielklasse aufgestiegen. „FC Audi“ nennen ihn gegnerische Fans schon mal, weil der VW-Konzernmarke knapp 20 Prozent der Anteile sowie das Stadion gehören. Bayern München ist der dritte Klub in der Bundesliga, an dem VW beteiligt ist: Audi hält hier gut 8 Prozent. Dazu kommen mehr als ein Dutzend weitere Klubs in der ersten und zweiten Liga, die VW als Sponsor unterstützt. Volkswagen ist eine Macht im Fußball. Eine Macht, die manchem Angst macht.

Was wäre denn zum Beispiel, wenn Ingolstadt in der nächsten Saison gegen Wolfsburg spielt und es für die einen um nichts mehr geht, während den anderen zwei Punkte zur Meisterschaft fehlen? Oder wenn der Bayern-Aufsichtsrat Martin Winterkorn einen Kauf von, sagen wir, Kevin de Bruyne billigen soll, den der VW-Chef Martin Winterkorn aber auch gern noch im Wolfsburger Trikot sähe?

"Wir wollen alle Spiele gewinnen"

Wer dieser Tage mit Verantwortlichen in der Wolfsburger Konzernzentrale über das Fußballengagement von VW sprechen möchte, hört viele gereizte Untertöne. Den kritischen Blick auf VW empfindet mancher als unfair. Gut 8 Prozent Anteile seien zum Beispiel viel zu wenig, um bei Bayern München wirklich mitzubestimmen. Dass das mächtige Interesse von VW vor allem auf die Fußballleidenschaft von Martin Winterkorn zurückgehe, halten sie für ein Klischee. „Da sind viele beteiligt“, versichern sie. VW erreiche über den Fußball fast alle Zielgruppen – und das weltweit, heißt es in einer schriftlichen Erklärung des Leiters der Sportkommunikation von VW, Christian Heubner.

„Fußball ist in den meisten Märkten Volkssport Nummer eins, dazu ist er hochemotional, nicht elitär und passt somit perfekt zur Marke.“ Dazu mache Spitzenfußball die VW-Standorte für die Mitarbeiter und ihre Familien interessanter. Wer je in Wolfsburg war, weiß, was Heubner meint. 95  Millionen Euro soll VW dazu jährlich an den VfL überweisen. Bestätigt hat der Konzern die Summe jedoch nicht.

Und die Angst vor Interessenkonflikten? Da verweist Heubner auf die strengen Compliance-Richtlinien des Konzerns: Fairer, sauberer Sport „steckt quasi in der Unternehmens-DNA“. Oder, wie Manager Allofs in der Stadionlounge über dem Wolfsburger Rasen sagt: „Bayern, Ingolstadt und wir wollen alle Spiele gewinnen.“ Bei Spielerverkäufen gebe es sogar „eine übergroße Angst“, unter Klubs mit VW-Beteiligung überhaupt darüber zu sprechen. „Die Sorgen“, sagt Allofs, „sind unangebracht.“

Antwort bleibt aus

Mit genau solchen Zusicherungen wollen sich Kritiker jedoch nicht zufriedengeben. Einer der engagiertesten von ihnen ist der Frankfurter Anwalt Thomas Dehesselles. „Ich unterstelle das keinem, insbesondere nicht den Spielern und dem Trainer in Wolfsburg“, betont der Experte für Sportrecht. „Aber allein der Gedanke, dass ein Unternehmen Einfluss auf den Ausgang von Spielen nimmt, ist schädlich. Es reicht der bloße Verdacht.“ Ingolstadt müsse ja lediglich in der nächsten Saison zweimal gegen Bayern oder Wolfsburg gewinnen: „Dann ist klar, was diskutiert wird.“ Dass sich ein Unternehmen an mehreren Klubs in einer Liga mit mehr als 10 Prozent beteiligen kann, hält er für falsch – und fordert deshalb strengere Regeln, wie sie zum Beispiel beim europäischen Verband Uefa gelten.

Die Uefa muss, formal betrachtet, auch noch prüfen, ob Wolfsburg und Bayern tatsächlich beide in der kommenden Saison in der Champions League spielen dürfen. Beobachter rechnen jedoch nicht damit, dass sich die Uefa an der doppelten VW-Beteiligung stört: Zu klein sei der Anteil bei den Bayern, heißt es. Tatsächlich gilt der VW-Einfluss auf den Fußball auch längst nicht als das Hauptproblem der europäischen Fußballwettbewerbshüter. Noch mehr beschäftigt sie, was Vertreter mancher großer europäischer Klubs am Rand von Fußballkongressen hinter vorgehaltener Hand skizzieren: dass sich die reichen Vereine günstige Zweitteams etwa in Osteuropa kaufen und über diese dann Spieler kaufen und verleihen, um dubiose Geschäfte zu verschleiern und die strengen Finanzrichtlinien der Uefa zu umgehen. „Darauf“, sagt ein Insider, „gibt es noch kaum eine Antwort.“

Dem Wolfsburg-Manager Allofs jedoch ist zum Schluss noch eines wichtig. Einige Fans haben Wolfsburg-T-Shirts entdeckt, auf denen bereits „Deutscher Pokalsieger 2015“ steht. Ja, die gebe es bereits, sagt er. Aber das sei keine übergroße Siegesgewissheit, sondern praktisch: „Man kann nicht erst nach dem Spiel damit beginnen, die T-Shirts zu bedrucken.“ Er bitte da um Verständnis. Einen bösen Anschein, das ist ihm wichtig, will er auf jeden Fall vermeiden.

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