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Überregional Werder gerät zwischen die Stühle
Sportbuzzer Fußball Überregional Werder gerät zwischen die Stühle
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06:15 04.04.2012
Auf der Tribüne wurde schon gespottet, man könne froh sein, dass diese Elf schon 40 Punkte habe: Die Fans von Werder Bremen müssen derzeit Leidensfähigkeit beweisen. Quelle: dpa
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Bremen

Klaus Allofs kann manches. Er kann sprechen wie ein Trainer oder ein Ökotrophologe, der sich Sorgen um die Ernährung und Trinkgewohnheiten seiner Spieler macht. Er kann auch reden wie ein Politiker. Nach dem 0:3 gegen Mainz 05 etwa sagte der Klubchef von Werder Bremen: „Europa war noch nie sicher.“ Tatsächlich ist das künftige Mitwirken seiner Bremer am internationalen Geschäft inzwischen kaum sicherer als die Rettung Griechenlands durch den Euro-Schutzschirm. Zwar hat der Mainzer Trainer Thomas Tuchel den Erfolg seines diesmal von ihm ungewohnt defensiv eingestellten Teams auf den „großen Respekt vor dem kreativen Potenzial von Werder“ zurückgeführt. Doch am Schluss musste man den Bremern ganz andere Fragen stellen: Reicht die kreative Qualität überhaupt, um wieder am europäischen Fußballbauwerk mitzuarbeiten?

Allofs hätte diese Frage gern an die Spieler weitergereicht, die „verwunderlich“ die zuvor recht gute Ausgangslage „leichtfertig verspielt haben“, wie er sagte. Doch als Vorstandsvorsitzender muss er sich auch selbst Gedanken darüber machen, was schon wieder schiefgelaufen ist mit der Neukonstruktion der Werder-Mannschaft, die nach der Hinrunde noch auf Rang 5 logiert hatte, nach elf Spielen mit nur zwei Siegen nach dem Winter aber nur auf Platz 13 der Rückrundentabelle liegt. Auf der Tribüne wurde schon gespottet, man könne froh sein, dass diese Elf schon 40 Punkte habe. Das ist jene Zahl, die gemeinhin als ausreichend gilt, um den Abstieg zu vermeiden.

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Man könnte aufführen, dass die Mannschaft verunsichert ist durch 13 ungeklärte Vertragslagen (darunter mit Claudio Pizarro, Tim Wiese, Naldo und Sokratis die Besten), was der Geschäftsführer aber zurückwies. Das sei etwas Normales im Fußballgeschäft, und keiner müsse ja befürchten, im Sommer arbeitslos zu sein. Man könnte Allofs vorwerfen, der ausgeliehene Grieche Sokratis sei die letzte Verpflichtung seit Langem gewesen, die das Niveau des alten, um Titel mitspielenden Teams erreiche. Und Trainer Thomas Schaaf kann man vorhalten, dass sich unter seiner Leitung in den vergangenen zwei Jahren kaum ein Spieler so entwickelt hat, wie er es sich das in kühnen Träumen ausgemalt hatte. Beispiele: Marko Marin, Marko Arnautovic, Philipp Bargfrede.

Bei den Mainzern, die deutlich weniger Geld zur Verfügung haben als die finanziell schon abgespeckten Bremer, gab es dagegen Lichtblicke, die den baldigen Abschied aus dem Abstiegskampf erwarten lassen. Der wiederhergestellte Stürmer Adam Szalai, der von Tuchel den Auftrag bekam, „die Bälle vorn zu halten und gut zu verarbeiten, indem ich sie auf den Zehner oder nach außen spiele“, ist so ein Lichtblick. Und er hatte in der 19. Minute eine noch bessere Idee, als Bälle zu halten. Nach einem genialen Pass von Andreas Ivanschitz tanzte er den völlig überforderten Werder-Innenverteidiger Francois Affolter aus und schoss und die Kugel mit links an Wiese vorbei ins Tor.

Eric Maxim Choupo-Moting, erst in der 46. Minute für den angeschlagenen Szalai eingewechselt, setzte das Werk des Kollegen fort. In der 48. Minute schüttelte er Florian Hartherz ab, indem er ihn wenig zimperlich wegstieß, und markierte das 2:0 für Mainz. Und in der 74. Minute profitierte er von dem verunsicherten Duo Clemens Fritz/Wiese, das sich nicht einig war, wer den Ball denn nun wegschlagen solle, und schob ihn ins Netz. „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“, entfuhr es ihm später. Wichtiger aber war für den gebürtigen Hamburger, „dass wir es doch noch können“.Zuvor hatten die Mainzer in acht Spielen auswärts nichts mehr gewonnen.

Ob er nach seinen Treffern 9 und 10 in dieser Saison nun wieder zur ersten Elf zählt? „Nein, bei diesem Trainer kann man sich nie sicher sein - auch nicht, wenn man einen Fünferpack macht“, sagte Choupo-Moting. Tatsächlich ist Tuchel wohl der Mann unter den Bundesliga-Übungsleitern, der jede Woche die meisten Überraschungen in seinen Aufstellungen hat.

Diesmal traf es negativ Mohamed Zidan, den Torjäger, der den Mainzern in den vergangenen Wochen mit etlichen Treffern manchen Punkt beschert hatte. Zidan hätte seinem alten Arbeitgeber, dem er es nach eigener Angabe zu verdanken hat, überhaupt in der Bundesliga zu spielen, gern gezeigt, wie gut er drauf ist. Doch Tuchel, der knallharte Pädagoge, hält nichts von solchen Geschichten.

01.04.2012
01.04.2012