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00:19 12.11.2015
Wolgang Niersbach hat nach einer Sitzung des Präsidiums seinen Rücktritt als DFB-Präsident verkündet. Quelle: dpa/Archiv
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Berlin

Er hat es doch getan – zu einem Zeitpunkt, als wohl die meisten nicht damit rechneten. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ist Montagabend mit sofortiger Wirkung von seinem Amt zurückgetreten und hat damit die Konsequenzen aus dem Skandal rund um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland gezogen. Für ihn sei der Punkt gekommen, sagte der 64-Jährige nach einer Präsidiumssitzung des Deutschen Fußball-Bundes, „die politische Verantwortung zu übernehmen“, aber nicht, „weil das Präsidium des DFB oder auch die Versammlung der Regional- und Landesverbände mir das Vertrauen entzogen hätten“.

Professor Dr. Ferdinand Hueppe wurde am 28. Januar 1900 in der Gaststätte „Zum Mariengarten“ in Leipzig von 36 Vertreter aus 86 Fußballvereinen zum ersten Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds gewählt. Insgesamt hatte der DFB seitdem 10 weitere Präsideten.

Niersbach dankt ab: Es ist der schnelle, tiefe Fall eines Fußballfunktionärs, der noch vor wenigen Wochen als potenzieller Kandidat für das Amt des Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa gehandelt worden war. Zu unklar ist weiterhin, was hinter dem dubiosen 6,7-Millionen-Euro-Deal des WM-Organisationskomitees und der Fifa steckt – und welche Rolle Niersbach darin spielte. Wie viel wusste er wann über die Ungereimtheiten, die seltsamen Hinterzimmerabmachungen, in die auch der ehemalige Präsident des WM-Organisationskomitees Franz Beckenbauer und der verstorbene ehemalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus als Geldgeber verwickelt gewesen sein sollen?

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Niersbach betonte Montag erneut, sich nicht verantwortlich für die umstrittenen Geschehnisse vor dem Sommermärchen zu fühlen. „Umso deprimierender und schmerzhafter ist es für mich, neun Jahre später mit Vorgängen konfrontiert zu werden, in die ich damals nicht einbezogen war und die auch für mich viele Fragen offen lassen.“ Deswegen: „Das Amt des DFB-Präsidenten darf damit nicht belastet werden.“

In Niersbachs letzten Tagen als Präsident des größten nationalen Sportverbands der Welt war der Druck auf ihn immer größer geworden. In der vergangenen Woche hatte er – wie Vorgänger Theo Zwanziger und Ex-DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt – plötzlich die Steuerfahndung im eigenen Haus. Der Vorwurf: Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall. Am Wochenende veröffentlichte der „Spiegel“ ein Dokument mit einer vermeintlich von Niersbach stammenden handschriftlichen Notiz, die beweisen würde, dass der Düsseldorfer, der mehr als 27 Jahre in Diensten des DFB stand, früher von dem als Zuschuss zum WM-Kulturprogramm getarnten Millionentransfer gewusst hat.

Vor allem die Übergangspräsidenten Koch und Rauball befeuerten am Abend die Spekulationen über weitere Enthüllungen rund um die 6,7 Millionen. Aufgrund neuer Erkenntnisse der externen Ermittler beim DFB werde von juristischen Schritten gegen den „Spiegel“ Abstand genommen. Auch die Geschichte, wie das Sommermärchen nach Deutschland kam, soll genau unter die Lupe genommen werden. „Wir müssen uns mit der Frage, unter welchen Umständen die WM 2006 vergeben worden ist, näher befassen“, sagte Koch.

Wurden doch Funktionäre für ihre Stimme pro Deutschland gekauft? Die „vollständige, lückenlose Aufklärung“ (Koch) gehe weiter – „ohne Ansehen von Personen und Verdiensten“ (Rauball).

Der Rücktritt Niersbachs provozierte am Abend unterschiedlichste Reaktionen. Er sei „ein Anfang, ersetzt aber keine Aufklärung“, erklärte Katrin Göring-Eckardt, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, bei Twitter. Bundestrainer Joachim Löw, der immer zu Niersbach gestanden hatte: „Unabhängig von allen juristischen Fakten, die es gibt, denke ich einfach, dass der Wolfgang ein fantastischer Mensch war und ein fantastischer Präsident für uns.“

Von Sebastian Harfst

Die Chronologie der WM-Affäre

16. Oktober: Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) räumt in einer Pressemitteilung Ungereimtheiten rund um eine Zahlung in Höhe von 6,7 Millionen Euro an den Weltverband FIFA ein. -

16. Oktober: Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" berichtet, dass für den Zuschlag der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 Geld aus einer schwarzen Kasse des Bewerbungskomitees geflossen sei, um damit vier entscheidende Stimmen im FIFA-Exekutivkomitee zu kaufen. Das Geld soll vom ehemaligen Adidas-Boss Robert Louis-Dreyfus gekommen sein. Der DFB weist den "Spiegel"-Bericht als haltlos zurück.

17. Oktober: Erstmals äußert sich DFB-Präsident Niersbach: "Ich kann versichern, dass es im Zusammenhang mit der Bewerbung und Vergabe der WM 2006 definitiv keine schwarzen Kassen beim DFB, dem Bewerbungskomitee noch dem späteren Organisationskomitee gegeben hat."

18. Oktober: Franz Beckenbauer meldet sich zu Wort und dementiert den "Spiegel"-Bericht: "Ich habe niemandem Geld zukommen lassen, um Stimmen für die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2006 nach Deutschland zu akquirieren. Und ich bin sicher, dass dies auch kein anderes Mitglied des Bewerbungskomitees getan hat."

19. Oktober: Die Staatsanwaltschaft prüft einen Anfangsverdacht für ein Ermittlungsverfahren. Als mögliche Tatbestände nennt eine Sprecherin Betrug, Untreue oder Korruption.

19. Oktober: Niersbach weist die Korruptionsvorwürfe erneut zurück, räumt aber erstmals "den einen offenen Punkt" ein: "Dass man die Frage stellen muss, (...) wofür diese Überweisungen der 6,7 Millionen verwendet wurden."

19. Oktober: Ex-DFB-Boss Theo Zwanziger äußert Zweifel an der internen Aufarbeitung des DFB.

21. Oktober: Die DFB-Landesverbände fordern von Niersbach eine schnelle Aufklärung der Korruptionsvorwürfe.

22. Oktober: Niersbach tritt in Frankfurt sichtlich erschöpft vor die Presse und bringt nur wenig Licht ins Dunkel um die WM 2006.

23. Oktober: Das DFB-Präsidium stärkt Niersbach den Rücken, hält aber "strikt daran fest [...], dass lückenlos aufgeklärt wird."

23. Oktober: Zwanziger bezichtigt Niersbach der Lüge und berichtet im "Spiegel" von der vermeintlichen Existenz einer schwarzen Kasse "in der deutschen WM-Bewerbung". Es sei "ebenso klar, dass der heutige Präsident des DFB davon nicht erst seit ein paar Wochen weiß, wie er behauptet, sondern schon seit mindestens 2005".

26. Oktober: Beckenbauer räumt in der Affäre erstmals einen "Fehler" ein. Das Organisationskomitee hätte nicht auf einen Vorschlag der FIFA-Finanzkommission eingehen dürfen, um einen Finanzzuschuss zu bekommen, teilte der damalige OK-Präsident mit.

27. Oktober: Die vom DFB beauftragte Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer erklärt, mit Ergebnissen in der Affäre sei nicht schnell zu rechnen.

28. Oktober: Zwanziger sagt vor den externen Ermittlern der Anwaltskanzlei aus.

3. November: Die Staatsanwaltschaft führt beim DFB in Frankfurt/Main eine Steuer-Razzia durch. Zudem durchsucht sie die Wohnungen von Niersbach, Zwanziger und dem ehemaligen DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt. Die Beamten ermitteln im Zusammenhang mit 6,7-Millionen-Euro-Zahlung wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in einem besonders schweren Fall.

6. November: Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" veröffentlicht angeblich von Niersbach stammende handschriftliche Notizen auf einem Schreiben des WM-OK an die FIFA aus dem Jahr 2004. Diese sollen belegen, dass er nicht erst 2015 von den Vorgängen Kenntnis hatte.

9. November: Am Nachmittag trifft sich das DFB-Präsidium zu einer außerordentlichen Sitzung mit Niersbach. Der 64-Jährige erklärt seinen Rücktritt: ""Ich habe für mich erkannt, dass der Zeitpunkt gekommen ist, die politische Verantwortung zu übernehmen."

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