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Überregional Zieler: „Fußball kann manchmal grausam sein“
Sportbuzzer Fußball Überregional Zieler: „Fußball kann manchmal grausam sein“
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15:07 16.08.2012
Von Heiko Rehberg
Rote Karte nach der Notbremse: Ron-Robert Zieler verlässt den Platz. Quelle: dpa
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Frankfurt/Main

„Selbstverständlich ärgere ich mich über die Rote Karte. Das habe ich mir anders vorgestellt. Fußball kann manchmal grausam sein, es war ein bitterer Abend", sagte Zieler am Tag danach. Der Fußball-Nationaltorhüter rechnet nach seiner Roten Karte beim 1:3 gegen Argentinien nicht mit negativen Folgen für seine weitere Karriere im DFB-Team. „Von den Kollegen gab es eher Zuspruch. So etwas kann passieren“, sagte der Keeper vom Hannover 96 am Donnerstag nach dem Training des Bundesligisten. „Ich weiß, es geht weiter“, meinte Zieler, der „nicht gut geschlafen“ habe.

Ron-Robert Zieler ahnte am Mittwochabend, was passieren würde. Gerade hatte er im Strafraum den Argentinier José Sosa von den Beinen geholt, dass es Elfmeter geben würde, war klar und berechtigt, der 23-Jährige beschwerte sich auch nicht oder tat so, als hätte er nichts gemacht. Doch Zieler wusste, dass er mit dem Elfmeter noch nicht genug bestraft war, denn das Regelwerk sieht in solchen Fällen einen Platzverweis vor.

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Schiedsrichter Jonas Eriksson drückte auch in einem Freundschaftsspiel nicht beide Augen zu und tat, was er tun musste: Er holte die Rote Karte aus der Tasche und zeigte sie dem Torwart von Hannover 96. Enttäuscht schlich Zieler vom Platz, ein kurzer Trost von Bundestrainer Joachim Löw – sein zweites Länderspiel wurde ein noch größerer Albtraum als das erste, bei dem er in der Ukraine (3:3) drei Gegentore kassiert hatte. Diesmal war nach 30 Minuten Schluss.

Dass der eingewechselte Marc-André ter Stegen den anschließenden, von Lionel Messi lausig getretenen Elfmeter hielt, war gut für die deutsche Mannschaft. Für Zieler war auch das in gewisser Weise bitter. Er wollte gegen Argentinien Pluspunkte sammeln im Kampf um die Nummer 2 im deutschen Tor. Genau das tat dann sein Konkurrent ter Stegen – zumindest in dieser Szene.

Ein Abend zum Vergessen

Was schief gehen konnte, ging am Mittwochabend schief. Das erste Spiel nach der Europameisterschaft endete für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Argentinien mit einer 1:3-Niederlage. Nicht nur, dass Torwart Ron-Robert Zieler nach 30 Minuten vom Platz flog, das 1:0 der Argentinier war ein Eigentor von Sami Khedria. Es war ein Abend zum Vergessen.

30 Minuten lang hatten sich die 48.808 Fans im Frankfurter Stadion viel Mühe gegeben, die deutsche Mannschaft zu unterstützen. Für die wenigen aufregenden Szenen gab es Beifall, das Publikum war gewillt, den EM-Kater mit Beifall zu kurieren. Doch nach 30 Minuten gab es den Stimmungsknick.

Nach der Roten Karte für Torwart Ron-Robert Zieler – der Schlussmann von Hannover 96 hatte im Strafraum Jose Sosa zu Fall gebracht – war es ein merkwürdiges Spiel. Der Elfmeter von Lionel Messi ging zwar nicht rein (Marc-Andre ter Stegen hielt ihn ohne Mühe), in der 44. Minute geriet die deutsche Mannschaft aber trotzdem in Rückstand, passend zum Abend durch ein Eigentor. Sami Khedira konnte nicht viel dafür, ter Stegen nichts mehr retten – Argentinien führte mit 1:0.

Bei den Südamerikanern hielt sich Messi zwar in der 1. Halbzeit weitgehend zurück, für eine bemerkenswerte Szene hatte der Weltfußballer aber bereits vor dem ersten Ballkontakt gesorgt. Applaus für einen gegnerischen Spieler bei der Nationalhymne? Hat es das überhaupt schon einmal gegeben? Als Messi auf dem Videowürfel unter dem Stadiondach eingeblendet wurde, gab es Beifall für den argentinischen Kapitän und Star des FC Barcelona, der nach der Pause die Sache mit dem Elfmeter wieder geraderückte: Sein trockener Schuss in der 52. Minute zum 2:0 stellte früh die Weichen an diesem Abend, weitere Kabinettstückchen Messis (Lupfer und Solo mit Pfostenschuss) folgten später.

Und die deutsche Mannschaft? Sie versuchte es, aber anderthalb Wochen vor dem Bundesligastart fehlte es verständlicherweise an Spielfluss (was durch die vielen Wechsel Mitte der 2. Halbzeit nicht besser wurde) und den meisten Spielern auch noch an Dynamik. 60 Minuten in Unterzahl sind in einer solchen Situation kein Geschenk.

Vor dem zweiten argentinischen Tor hätten die Deutschen noch einmal Kräfte mobilisieren können durch ein Erfolgserlebnis. Doch Marco Reus traf mit einem abgesfälschten Ball nur den Pfosten (50. Minute). Und ein Treffer von Mesut Özil wurde wenig später wegen einer Abseitsstellung nicht gegeben.

So hielten sich die Erkenntnisse von Bundestrainer Joachim Löw in Grenzen. Spätestens nach dem 3:0 für Argentinien durch einen wuchtigen Distanzschuss von Angel di Maria, dem ter Stegen tatenlos zusah, steckte seine Mannschaft auf. Argentinien hätte noch auf 4:0 oder 5:0 erhöhen können, aber das wäre dann doch zu viel gewesen an diesem misslungenen deutschen Fußballabend, den das schöne Kopfballtor von Bendedikt Höwedes nicht mehr retten konnte.

Ernst wird es erst am 7. September in Hannover. Dann beginnt die WM-Qualifikation mit dem Spiel gegen die Färöer. Die Bundesliga hat dann zwei Spieltage absolviert, vieles wird dann harmonischer und schwungvoller laufen. Wetten, dass...?

Joachim Löw im Interview: „Der Spielverlauf war einfach gegen uns“

Fragen an Bundestrainer Joachim Löw nach dem 1:3 der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen Argentinien am Mittwoch in Frankfurt zum Start in die neue Länderspiel-Saison. 

Wie bewerten Sie das erste Spiel nach der EM?

Es ist schwer, es auf den Punkt zu bringen, was alles passiert ist in diesem Spiel. Der Spielverlauf war einfach gegen uns. Ich war sehr zufrieden mit den ersten 25 Minuten. Wir hatten viele Ballgewinne, viele Möglichkeiten. Die Chancenverwertung gilt es zu verbessern. Nach der Roten Karte und dem Eigentor war es in Unterzahl nicht einfach, einen Zugriff auf das Spiel zu bekommen. Aber die Mannschaft hat nichts unversucht gelassen. Selbst nach dem 0:3 hat das Publikum die Mannschaft weiter unterstützt. Es ist einiges gegen uns gelaufen.

Was können Sie aus dem Spiel für die anstehende WM-Qualifikation mitnehmen?

Für mich war es eine gewisse Orientierung, einzelne Spieler zu sehen, zum Beispiel Lars Bender. Mit den Färöer Inseln werden wir auf einen ganz anderen Gegner treffen, es wird ein ganz anderes Spiel zustandekommen. Ich habe die zwei Tage genutzt, um mit der Mannschaft kurz über die EM zu sprechen. Die Qualifikation ist ein anderer Wettbewerb. Und wir haben eine andere Situation, weil die Spieler dann schon zwei, drei Pflichtspiele gemacht haben. In Unterzahl hat man gesehen, dass die Kraft bei einigen Spielern nachließ.»

Das Spiel war aufregend, ging auf und ab. Konnten Sie das auch etwas genießen?

Insgesamt war es ein unterhaltsames Spiel. Aber nach dem 0:2 konnte ich es nicht mehr so genießen. Da weiß man, dass es schier unmöglich wird, das Spiel gegen Argentinien zu drehen. Was wir in der Vergangenheit nicht so geschafft haben, den Gegner früh anzugreifen, ist in einigen Situationen gelungen. Wir hatten einige gute Aktionen.

Wie beurteilen Sie die Schlüsselszene des Spiels mit dem Platzverweis für Ron-Robert Zieler und Elfmeter?

Ob Ron sich zu spät von der Linie bewegt hat, weiß ich nicht genau. Das gibt es häufig, dass ein Torhüter einen Tick zu spät kommt. Eins ist klar: Wer diese Regel erfunden hat, möchte ich gar nicht wissen. Das ist einfach unsinnig. Natürlich war Ron ziemlich betrübt. Das muss er gar nicht sein. Es war einfach eine unglückliche Situation.

Marc-André ter Stegen hat jetzt acht Tore in zwei Spielen kassiert. Wie bauen Sie ihn wieder auf?

Marc muss man gar nicht so aufbauen, er hat einen Elfmeter gegen Messi gehalten. Das war ein gutes Gefühl für ihn. Dann hat er auch noch ein paar andere Bälle gut gehalten. Er konnte nichts tun bei den Toren.

Wie sehen Sie die Rolle von Marco Reus?

Marco Reus kann im Nationalteam in den nächsten Monaten noch einige große Schritte machen. Vor der EM war er noch nicht so häufig bei uns. Er hat große Fähigkeiten, das hat man gegen Argentinien gesehen. Doch da ist nicht nur Marco Reus, auch Mario Götze, wenn er in den Rhythmus kommt. Da sieht man hervorragende Anlagen. Ich denke, dass einige junge Spieler eine gute Rolle einnehmen werden. Als Miroslav Klose runter ging, war Sami Khedira mit 25 Jahren unser ältester Spieler auf dem Platz.

Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn hat die deutsche Abwehr hart kritisiert. Gehen Sie da mit?

Ich teile seine Meinung bedingt. Es war natürlich im Zentrum sehr schwer. Das war klar, wenn es größere Räume gibt. Aber in einigen Situationen hätten wir es besser lösen können. Wir haben zu früh das Zentrum aufgemacht. Das war in Unterzahl gar nicht nötig. Das müssen wir besser machen, keine Frage.

Kahn sprach auch von zehn Prozent fehlendem Willen?

Das habe ich nicht gesehen. Zehn, zwölf oder acht Prozent - wer will so etwas einschätzen? Ich kann taktische Dinge herausziehen, Spieler einschätzen, ob sie Fehler gemacht haben. Aber ich kann keinem Spieler einen Vorwurf machen, dass er nicht alles gegeben hat.

Interview: dpa

Dieser Artikel wurde erneut aktualisiert.

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