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Hannover 96 Der Wandel von 96-Spieler Jan Schlaudraff
Sportbuzzer Hannover 96 Der Wandel von 96-Spieler Jan Schlaudraff
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09:23 03.12.2010
Von Volker Wiedersheim
„Technik und Tempo mit Spielübersicht, das sind meine Stärken“, sagt Jan Schlaudraff. Quelle: Ulrich zur Nieden
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„Schwierig, sich selbst zu beschreiben“, meint er auf Nachfrage. „Ich würde sagen, ein technisch und läuferisch starker Spieler. Technik und Tempo mit Spielübersicht, das sind meine Stärken.“ Schwächen, räumt er ein, gebe es natürlich auch. Es hapere bei „Robustheit, Verletzungsanfälligkeit, Außendarstellung, Körpersprache“. Stimmt, Jan Schlaudraff hat einen besonderen Laufstil, besonders nach einem Sprint gut zu sehen, da legt er den Kopf in den Nacken und nickt im Takt der Schritte von rechts nach links – wie 10 000-Meter-Läufer im Schlussspurt. Das sieht unfit aus, obwohl es das gar nicht ist. „Ich weiß, dass das Missverständnisse provoziert“, sagt der 27-Jährige. „Aber meinen Laufstil werde ich nicht mehr ändern.“

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Das Publikum nimmt es hin. Jetzt, da sich etwas anderes geändert hat: Einstellung und Ergebnis. Nach dem höchst unterhaltsamen 3:0-Sieg gegen den SC Freiburg ist der Stürmer zum „Man of the Match“ gewählt worden. In dieser Anerkennung liegt viel Versöhnliches. Hatte doch Klubchef Martin Kind gerade noch davon gesprochen, dass 96 Konsequenz lernen müsse, und Schlaudraff sollte so eine Art Gesellenstück sein: „Er wird wohl nie mehr für uns spielen.“

Aber so ist Fußball, da hat selbst das Wörtchen „nie“ ein Verfallsdatum. Am 8. Spieltag in München ist es abgelaufen, als Trainer Mirko Slomka beim Stand 0:1 noch daran glaubte, dass 96 in dem Spiel etwas ausrichten kann – mit Schlaudraff. Erster Startelfeinsatz am 12. Spieltag in Mainz. Ein Sieg. Zweiter Startelfeinsatz am 13. Spieltag im Heimspiel gegen den Hamburger SV. Wieder ein Sieg, aber ein schwieriger. „Ich habe mir gegen den HSV einen guten Start gewünscht. Aber ich war nervös. Ich glaube nicht, dass alle im Publikum glücklich waren, dass ich wieder dabei war.“ Die ersten drei Bälle versprangen. Aber diesmal ließ der Stürmer nicht zu, was er früher in solchen Situationen tat. Keine hängenden Schultern, kein Hinnehmen: „Da habe ich dazugelernt. Ich habe mich in das Spiel reingearbeitet.“

Und dann Freiburg, Schlaudraffs Spiel. Ihm gelingt ein frühes Tor in einer anfangs zerfahrenen Partie. Später folgt die blitzgescheite Vorarbeit zum zweiten Treffer. Die findet er noch wichtiger als sein eigenes Tor. „Ich lief mit viel Tempo auf den Torwart zu und hätte auch allein durchkommen können. Aber ich habe gesehen, dass Didier Ya Konan frei und nicht im Abseits stand und den Ball quergelegt.“ Kein Egoismus, lieber den Beweis des Teamplayers: „Jeder sieht, ich gebe alles fürs Team.“

Wer darf nun eigentlich für sich in Anspruch nehmen, Schlaudraff – salopp gesagt – wieder hingekriegt zu haben? „Die sportliche Situation und die menschliche Komponente spielen mit rein, dass ich da wieder rausgekommen bin“, erklärt der Spieler und zählt auf: „Niemand allein, sondern auch Trainer, Team und Manager – und ich selbst.“ In den Wochen, als er nicht im Kader war, seien Freundschaften zu anderen Spielern und überhaupt der gute Teamgeist sehr wichtig gewesen. „In einem Team, in dem ich mich nicht wohlfühle, wäre das viel schwieriger gewesen.“ Ein Rückblick nach Aachen ist erlaubt: Im Kampf gegen den Wiederabstieg war der damalige Alemanne Schlaudraff schon einmal aus einem Team aussortiert worden. Im Gegensatz zu jener Zeit – „man hat meine Flapsigkeit falsch aufgenommen“ – gehe es aber nun in Hannover allein um eine sportliche Entscheidung. „Ich war draußen, aber es lief, es gab viele Punkte. Da war es klar, dass ich etwas länger auf meine Chance warten müssen würde.“

Er hat das Warten gemeistert. Er hat sich bis auf eine kurze Phase des Haderns im Training nicht mehr schwächere Tage erlaubt als andere. Und dass Trainer Slomka, dessen Credo lautet: „Ich versuche, jeden Spieler des Kaders in die Startelf zu bringen“, diesen Anspruch auch bei Jan Schlaudraff erfüllt hat, rechnet der Spieler dem Coach hoch an. Er dankt es ihm sogar mit einem dicken Lob: „Slomka macht ein wirklich gutes Training. Wir sind immer perfekt auf den Gegner eingestellt und haben immer Lösungen parat, die funktionieren, wenn wir uns daran halten. Da macht er einen richtig guten Job. Er ist absolut der Richtige hier.“

Bei Kälte und Schneetreiben bereitet sich das Team von Hannover 96 auf die Partie gegen Borussia Mönchengladbach am kommenden Wochenende vor.

Das klingt nach: Alles wird gut! Aber ist es auch so? „Das werden die nächsten Wochen zeigen.“ Schlaudraff, der gerade erlebt hat, wie schnell ein Comeback geht, weiß wohl, wie schnell man wieder weg vom Fenster sein kann. Dass die Einsatzzeiten, die er bei 96 derzeit bekommt, nur dazu dienen, ihn für andere Klubs „ins Schaufenster“ zu stellen, wo ihn ein anderer Klub entdeckt und im Winter oder spätestens im Sommer verpflichtet, denkt er nicht. Es wäre auch nicht nach seinem Wunsch, er will seinen bis zum Sommer 2012 gelten Vertrag bei Hannover 96 erfüllen: „Über einen Wechsel mache ich mir momentan überhaupt keine Gedanken.“

Damit könnte sich inzwischen, wenn die Leistung so bleibt, auch Klubchef Kind wieder anfreunden. Der „Nie wieder“-Wutausbruch ist vorbei, abgelöst von vorsichtigem Optimismus. Und die 96-Situation im Angriff hat sich ohnehin geändert. Der Abschied Mike Hankes im Winter steht so gut wie fest; die Nachverpflichtung eines Stürmers im Winter schließt Kind kategorisch aus, weil „die immer teuer sind und nie etwas bringen“. Bleiben also im Angriff der „Roten“ Didier Ya Konan, Mohammed Abdellaoue, Mikael Forssell und – Jan Schlaudraff. Weniger wäre nicht gut.

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