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Hannover 96 „Die sind in London alle fußballverrückt“
Sportbuzzer Hannover 96 „Die sind in London alle fußballverrückt“
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09:49 26.12.2011
Per Mertesacker im Trikot von Arsenal London. Quelle: dpa
London/Hannover

Per Mertesacker hat Spaß. Und Zeit. Nach dem 2:1-Auswärtssieg des FC Arsenal am Mittwochabend bei Aston Villa hat der 27-Jährige am nächsten Tag frei, Regeneration auf dem Trainingsgelände im Londoner Vorort Shenley steht erst am Freitag auf dem Programm. „Bei den vielen Spielen geht das gar nicht anders“, sagt Mertesacker. Der Nationalspieler steht an diesem sonnigen Nachmittag zwei Tage vor Weihnachten auf der Westminster Bridge und posiert bereits seit einer Viertelstunde gut gelaunt für den Fotografen. Big Per vor Big Ben – es gibt Motive, um die kommt man einfach nicht herum. Der Fußballprofi lehnt sich über das Geländer, schaut auf die Houses of Parliament, dann langsam die Themse hinunter und sagt: „Ich bin wirklich sehr, sehr glücklich hier.“

Seit fast vier Monaten ist Mertesacker in London, mit seiner Lebensgefährtin Ulrike Stange und dem im April geborenen Sohn Paul lebt er in Hampstead, einem hübschen Künstlerviertel im Nordosten der Stadt. Bislang habe er jedoch kaum Zeit gehabt, um sich in der englischen Metropole umzuschauen. „Wir waren mit der Mannschaft ein paarmal in der Stadt essen, da habe ich ein bisschen vom Leben in London mitbekommen. Aber eine Sightseeing- oder Shoppingtour war bislang noch nicht drin“, sagt der ehemalige 96-Profi. Hannover, Bremen und jetzt London: „Das ist eine andere Welt, die Möglichkeiten sind hier unbegrenzt. Daran muss ich mich noch gewöhnen. Das war ein Riesenschritt für mich und meine Familie. Das dauert im privaten und auch im sportlichen Bereich einfach seine Zeit. Aber diese Zeit nehmen wir uns, damit wir hier richtig ankommen.“

Herr Mertesacker, vieles ist für Sie neu und ungewohnt. Wann haben Sie zuletzt versucht, auf der linken Seite ins Auto einzusteigen?
Das passiert mir so oft, das ist unglaublich. Links zu fahren ist kein Problem, nach einer Woche hat man das drin. Aber Abläufe, die absolut verinnerlicht sind wie das Einsteigen auf der linken Seite, die lassen sich nicht so schnell ändern. Das ist echt schräg. Am Anfang hatte ich hier noch einen Fahrer für den Weg vom Hotel zum Trainingsgelände. Der hat mich immer ausgelacht, wenn ich als Beifahrer rechts einsteigen wollte.

Mit der linken Hand zu schalten, das ist auch gewöhnungsbedürftig.
Ich habe gleich gesagt: Ich will Automatik.

Als Michael Ballack zum FC Chelsea gewechselt ist, musste er zum Einstand in der Kabine ein Lied singen. Gibt es beim FC Arsenal auch ein Ritual für die Neuen?
Ja.

Verraten Sie es auch?
Wir mussten auch singen.

Und was haben Sie zum Besten gegeben?
Ich wusste von einem jungen Arsenal-Spieler, dass so etwas auf mich zukommt. Da habe ich mir überlegt, dass ein deutsches Lied nicht das Richtige ist. Das zieht nicht, da hätten mich wahrscheinlich nur alle blöd angeschaut. Wenn, dann muss was kommen, bei dem alle mitgehen können.

Jetzt bin ich aber gespannt.
„Hey Baby“ von DJ Ötzi. Für den Fall, wenn da mal was kommen sollte, habe ich mir eine Strophe des Songs zurechtgelegt, der Refrain ist ja nicht so schwierig. Am Abend nach dem Champions-League-Spiel in Dortmund hieß es dann, dass alle neuen Spieler zum Einstand ein Lied singen müssen. Da kommt man natürlich ins Schwitzen. Dann gab es einen Stuhl, auf den musste ich mich draufstellen, ein paar Worte zur Mannschaft sagen – und dann eine Performance zeigen.

Und waren die Kollegen zufrieden?
Die Vorbereitung hat sich ausgezahlt. Alle waren begeistert und haben beim Refrain voll mitgesungen. Das war innerhalb der Mannschaft ein schöner Einstieg.

Und wie war der Empfang in Ihrem neuen Zuhause in Hampstead? Haben die Jungs schon an der Tür geklingelt und nach einem Autogramm gefragt?
Die sind da alle fußballverrückt, die meisten sind Fans von Arsenal oder Tottenham. Die Arsenal-Fans haben uns zum Einzug Kuchen vorbeigebracht, darüber haben wir uns sehr gefreut. Man fühlt sich zwar noch nicht wie zu Hause, aber auf jeden Fall herzlich willkommen. Und das ist ein schönes Gefühl.

Sie haben schon als Jugendlicher mit einem Arsenal-Trikot trainiert. War es immer ihr Ziel, einmal bei den „Gunners“ zu spielen?
Wenn ich Fotos sehe von damals, das ist schon Wahnsinn. Es war niemals mein Traum, Fußballprofi zu werden oder hier bei Arsenal zu spielen. Das war für mich viel zu weit weg. Auch weil ich realisiert habe, dass ich nicht so ein Talent habe, um hier mal Fuß zu fassen. Der Wunsch hat sich dann erst in den letzten Jahren herauskristallisiert.

*

Mehr als 200 Bundesligaspiele für Hannover 96 und Werder Bremen und 79 Länderspiele hat Per Mertesacker absolviert, bei zwei Welt- und einer Europameisterschaft war der Verteidiger für Deutschland bislang am Ball. Für einen, der nie Fußballprofi werden wollte, keine schlechte Bilanz. Der 27-Jährige gehört in Deutschland zu den bekanntesten Kickern, in London wird er jedoch kaum erkannt, niemand spricht ihn an. Fast niemand.

Auf dem Weg entlang der Themse vorbei am „London Eye“ zum Weihnachtsmarkt an der „South Bank“ kommt ein junges Paar mit Fotoapparat auf Mertesacker zu. Eine Situation, wie er sie in Bremen und in Hannover schon Hunderte Male erlebt hat. Doch in London ist vieles anders. Ob er so nett sei und ein Foto von ihm und seiner Freundin machen könne, fragt der Mann Mertesacker, der kurz stutzt, dann grinst und die beiden fotografiert: „Das ist auch ein Vorteil hier und sehr angenehm.“

*

Seit Sie beim FC Arsenal spielen, geht‘s wieder bergauf. Platz 5 in der Premier League, im Achtelfinale der Champions League wartet der AC Mailand. Zufrieden mit der Bilanz?
Mir war von Anfang an bewusst, dass nicht alles gleich glattgehen kann. Die Entwicklung ist aber okay, zumal ich auch zum ersten Mal im Achtelfinale der Champions League stehe. Das habe ich mit Bremen nie geschafft.

Wirkt sich diese positive Entwicklung auch auf die Akzeptanz der Fans aus?
Die Fans haben mich von Anfang an unterstützt, im ersten Spiel gegen Swansea wurde jede gelungene Aktion von mir beklatscht. Das war für mich ein ganz wichtiges Erlebnis.

Wie ist die Zusammenarbeit mit Trainer Arsène Wenger?
Er ist hier eine Ikone, im Verein nennen ihn alle nur Boss. Er will, dass wir mit unserem Passspiel dominant sind, darauf legt er besonderen Wert.

In den K.-o.-Runden der Champions League kann es auch Elfmeterschießen geben. Da haben Sie sich bislang noch nie vorgedrängelt. Das könnte sich doch als Deutscher in einer englischen Mannschaft ändern ...
Bei uns an der Tafel stehen immer drei Schützen, mein Name stand da noch nicht, ich bin eher neunter oder zehnter Schütze. Bei der deutschen Meisterschaft der A-Junioren mit 96 habe ich einmal einen Elfer verschossen. Seitdem halte ich mich eher zurück.

Auf dem Trainingsgelände von Arsenal hängen viele Bilder von großen Spielern und Spielen des Klubs. Ist es ein Traum von Ihnen, dass Sie eines Tages Ihrem Sohn da auch einmal ein Bild von Ihnen zeigen können?
(lacht) Ich suche jeden Tag ein Bild von mir, aber bislang hängt da noch keines, es ist ja von mir auch noch nicht allzu viel gekommen. Aber das kann sich ja noch ändern. Allein die Chance zu haben, ein Teil der Historie dieses großen Vereins zu werden, ist schon ziemlich krass.

Eine Entscheidung über neue Spieler und Vertragsverlängerungen bei Hannover 96 wird nicht vor Januar erwartet.

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