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Hannover 96 „Das versteht kein Mensch mehr“
Sportbuzzer Hannover 96 „Das versteht kein Mensch mehr“
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00:15 25.09.2013
Von Norbert Fettback
Redebedarf: Die 96-Spieler um Kapitän Daniel Stindl (Mitte) beschweren sich beim Schiedsrichtergespann über den unverständlichen Elfmeterpfiff. Quelle: zur Nieden
Hannover

Es war nicht der vierte 96-Heimsieg im vierten Spiel, der dem Bundesligastandort Hannover am Wochenende bundesweit Beachtung einbrachte. 2:1 gegen Augsburg gewonnen, hört sich normal an, darum muss man eigentlich nicht viel Aufhebens machen. Doch die 90 Minuten in der HDI-Arena waren diesmal ein Spiel abseits der Normalität: Wann hat es zuletzt auf dem Platz und auf den Rängen solche Aufregung um verhängte und nicht verhängte Handelfmeter gegeben! Die Diskussionswelle erreichte gestern auch Bremen. „Das versteht ja kein Mensch mehr“, wetterte Werder-Trainer Robin Dutt. „Allen, die die Regel beeinflussen können, müsste man dieses Spiel zeigen.“

Die knapp 40 000 Zuschauer, die im Stadion waren, werden die brisanten Szenen noch gut in Erinnerung haben, bei denen der überfordert wirkende Schiedsrichter Christian Dingert eine Hauptrolle spielte. Dabei war dieses Spiel lange Zeit kein Aufreger, jedenfalls nicht in der 1. Halbzeit, sieht man einmal von der Einlage eines sogenannten Flitzers ab.

So richtig in Fahrt kam die Partie erst mit der 50. Minute. Da entschied Dingert auf Handstrafstoß für Augsburg, das vermeintliche Vergehen hatte ihm sein Assistent Martin Petersen signalisiert. Salif Sané soll einen Schuss von Sascha Mölders mit der Hand abgewehrt haben. Wer die Szene in Erinnerung hat oder sie sich später vor dem TV-Gerät anschaute, der gerät zumindest ins Grübeln: Sané dreht sich dabei um die eigene Achse, der von Mölders getretene Ball springt dem Innenverteidiger vom hinteren Oberschenkel an die ausgestreckte Hand. Eine Absicht ist nicht erkennbar. Kurz darauf schießt Paul Verhaegh die Augsburger vom Elfmeterpunkt in Führung (51.) – die 96-Fanseele kocht zum ersten Mal.

Im Wortlaut

In den Fußball-Regeln 2013/2014 des Deutschen Fußball-Bundes heißt es in der Regel 12:
„Ein Handspiel liegt vor, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt. Der Schiedsrichter achtet bei der Beurteilung der Situation auf die Bewegung der Hand zum Ball (nicht des Balls zur Hand), die Entfernung zwischen Gegner und Ball (unerwartetes Zuspiel), die Position der Hand (das Berühren des Balls an sich ist noch kein Vergehen), das Berühren des Balls durch einen Gegenstand in der Hand des Spielers (Kleidung, Schienbeinschoner usw.), was ein Vergehen darstellt, das Treffen des Balls durch einen geworfenen Gegenstand (Schuh, Schienbeinschoner usw.), was ein Vergehen darstellt.“
Unter „Direkter Freistoß“ heißt es hier außerdem, dieser werde unter anderem verursacht, wenn ein Spieler „den Ball absichtlich mit der Hand spielt (gilt nicht für den Torwart im eigenen Strafraum)“. Im Strafraum sei dieses Vergehen durch einen Strafstoß zu ahnden. r

Den Nachschlag gibt es schon zwei Minuten später: Da ist bei einem 96-Angriff erneut eine Hand im Strafraum im Spiel, diesmal die von Ragnar Klavan. Der Pfiff von Dingert, dem niemand den Blick versperrt, bleibt aus. Der Referee winkt gar noch ab, um zu signalisieren: Das war nichts! Wieder regt sich auf den Rängen heftiger Protest.

Und dann schließlich die 88. Minute: Da schlägt Szabolcs Huszti den Ball in den Sechzehner, Matthias Ostrzolek stoppt die Kugel erst mit der Brust, dann deutlich sichtbar mit dem linken Arm. Dingert zeigt sofort auf den Punkt, und Huszti macht alles klar. Jedenfalls mit Blick auf die Spielentscheidung.

Ansonsten regiert weiterhin die Ungewissheit. Zumindest mit Blick darauf, wann denn nun ein elfmeterwürdiges Handspiel vorliegt – derzeit ist das eine Grauzone, die viel Verwirrung stiftet. Strafbar nach Fußball-Maßstäben soll so etwas nur sein, „wenn entweder die Hand deutlich zum Ball geht oder eine unnatürliche Handhaltung vorliegt und diese zur Vergrößerung der Körperfläche beigetragen hat“. Das besagt eine Empfehlung, wie dieser Teil der Regel 12 anzuwenden ist.

96-Trainer Mirko Slomka, der am Spielfeldrand häufig recht emotional reagiert, regte sich diesmal hinterher mehr über Grundsätzliches auf. Es sei schlecht, sagte er, dass schon zu Beginn einer Bundesligasaison so häufig über das Thema Handspiel gesprochen werden müsse. „Das bedeutet ja im Grunde, dass da etwas mit der Regelauslegung nicht ganz korrekt funktioniert.“ Ähnlich hatte sich bereits Ende August sein durch Handelfmeter gebeutelter Mönchengladbacher Kollege Lucien Favre geäußert. „Diese Regel ist katastrophal“, sagte er. Mit Jan-Ingwer Callsen-Bracker schlug in Hannover auch einer der Verlierer in diese Kerbe: „Es wird Zeit, dass für die ganze Fußballwelt eine klare Linie eingeführt wird.“

Das dürfte dauern. Hellmut Krug, Schiedsrichter-Beauftragte der Deutschen Fußball-Liga, hat gestern in einem NDR-Gespräch dafür plädiert, es müsse weiterhin getrennt werden zwischen absichtlichem Handspiel und nicht. „Wenn wir es so fassen würden, dass jedes Handspiel strafbar ist, dann würde man versuchen festzustellen: War der Ball tatsächlich an der Hand oder nicht? Dann haben Sie die Diskussion auf anderer Ebene.“

Die Bremer Sicht der Dinge ist unkomplizierter. „Hand ist Hand“, sagte Werder-Coach Dutt. „Und wenn ich es schaffe, meinem Gegenspieler an die Hand zu schießen, habe ich einen Elfmeter herausgeholt. Fertig.“

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