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Hannover 96 „Einzelschicksale spielen jetzt keine Rolle“
Sportbuzzer Hannover 96 „Einzelschicksale spielen jetzt keine Rolle“
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19:22 20.03.2015
„Wir dürfen jetzt nicht alles über den Haufen werfen“: 96-Torwart Ron-Robert Zieler hofft gegen Dortmund auf das von allen herbeigesehnte Erfolgserlebnis.  Quelle: Carmen Jaspersen
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Herr Zieler, vor dem Spiel gegen Mönchengladbach war zu hören, dass die Mannschaft gut trainiert habe, der Trainer sie gut eingestellt hat. Und dann kommt so eine erste Halbzeit heraus. Wie erklären Sie das?

Da sind wir ja gleich beim Thema. Ich hatte schon das Gefühl, dass die Mannschaft unbedingt etwas holen und dagegenhalten wollte. Unser defensiver ausgerichtetes System sollte ja nicht bedeuten, dass wir in den Zweikämpfen nicht aggressiv sind. Aber genau das haben wir in der ersten Halbzeit gemacht und waren viel zu passiv. Dann kommt so eine sehr schlechte Leistung zustande.

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Lässt sich das während des Spiels korrigieren, oder geht das erst in der Halbzeit?

Natürlich habe ich schnell gemerkt, dass wir keinen Zugriff haben. Aber es ist nicht einfach, den Schalter sofort umzulegen.

Was passiert nach so einer Vorstellung in der Halbzeit in der Kabine?

Es werden Dinge, die nicht funktioniert haben, knallhart und ehrlich angesprochen. Ich bin kein Freund davon, einfach herumzuschreien, nur damit etwas gesagt wird. Ich denke, dass es wichtig ist, die Probleme deutlich anzusprechen, dabei aber sachlich zu bleiben.

Spricht nur der Trainer, oder auch Spieler?

Bevor der Trainer gekommen ist, haben einige Spieler etwas zur Situation gesagt.

Ron-Robert Zieler gehörte seit der Saison 2010/11 zum Team von Hannover 96.

Ist die aktuelle Lage vergleichbar mit der vor einem Jahr?

Ich habe das Gefühl, dass die Mannschaft gefestigter ist als vergangenes Jahr, aber wir müssen es auch mal zeigen. Ich weigere mich, den Glauben an diese Mannschaft zu verlieren. Wir haben noch genügend Spiele, um den Bogen zu kriegen.

Bislang konnte 96-Clubchef Martin Kind niemand die Frage beantworten, warum die Mannschaft in der Rückrunde so erfolglos spielt. Haben Sie eine Antwort?

Schwierig. So eine Negativserie lässt niemanden unberührt. Wichtig ist jetzt, dass wir in dieser Situation nicht verkrampfen. Wir sind uns der Lage bewusst und wissen, dass wir auch mal wieder punkten müssen, denn die anderen Mannschaften hinter uns werden nicht immer verlieren. Wir müssen selbstkritisch sein, dabei aber ruhig und konzentriert weiterarbeiten. Schließlich sind wir ja nicht abgeschlagen Tabellenletzter.

Überrascht es Sie, dass 96 genau wie in der vergangenen Saison schon wieder in einer kritischen Situation ist?

Nach der Hinrunde war das nicht zu erwarten, da haben wir von anderen Dingen gesprochen. Ich denke, dass die ersten drei Spiele der Rückrunde der Knackpunkt waren. Da haben wir gut gespielt, haben aber die Punkte nicht geholt. Mit einem Erfolgserlebnis in dieser Phase hätten wir wahrscheinlich die Kurve schon bekommen. So sind wir in eine Negativspirale geraten, aus der es schwierig ist, wieder herauszukommen.

Ist die defensive Taktik, mit der 96 in den vergangenen Partien gespielt hat, die richtige für diese Mannschaft?

Wir dürfen jetzt nicht alles über den Haufen werfen. Wir haben gegen die Bayern gezeigt, dass das System hervorragend funktionieren kann. Auch Gladbach hat eine sehr spielstarke Mannschaft auf einem hohen Niveau. Warum hätten wir die Taktik ändern sollen? Wir hätten allerdings gegen Gladbach die Gegenspieler nicht nur begleiten dürfen. Unabhängig von der Grundordnung müssen wir den Fans gegen Dortmund zeigen, dass da eine Mannschaft auf dem Feld ist, die alles versucht. Da gehört natürlich auch Mut dazu. Dass es funktionieren kann, hat man in der vergangenen Saison gegen Hamburg gesehen, als wir in einer ähnlichen Situation waren. Da haben die Fans schon nach fünf Minuten gemerkt, dass da ein Team auf dem Platz ist, das alles gibt, das bereit ist, alles zu tun, um Erfolg zu haben.

Ron-Robert Zieler über ...

... die Stimmung im Stadion

Wie sehr beeinflusst Sie die schlechte Stimmung in der Arena?

Es ist unbestritten, dass die Stimmung im Stadion sehr seltsam ist. Ich würde mir wünschen, dass wir alle in der schwierigen Situation an einem Strang ziehen. Das wäre für die Mannschaft sehr wichtig, die die Unterstützung der Fans braucht. Was das für positive Energie freisetzen und bewirken kann, hat man in Stuttgart und Bremen gesehen, die in der vergangenen Saison auch schwierige Phasen hatten und da gemeinsam wieder herausgekommen sind, weil Fans, Mannschaft und Verein an einem Strang gezogen haben.

Seit dem 13. Juli vergangenen Jahres sind Sie Weltmeister. Was hat sich seitdem geändert?

Eine Menge, ich werde auch anders wahrgenommen als früher. Das merke ich, wenn ich durch die Innenstadt laufe. Früher hieß es: „Da kommt der Zieler“, nach dem Turnier haben die Leute gesagt: „Schau mal, da ist der Weltmeister Zieler.“ Ich habe in den Wochen in Brasilien viele Erfahrungen gesammelt, bin gefestigter und habe einen Schritt nach vorne gemacht. Es war einfach rundum ein tolles Erlebnis. Weltmeister bin ich auch in 20 Jahren noch, dieser Titel bleibt für immer.

Jedes Kind, das Fußball spielt, möchte gerne später einmal den goldenen Weltpokal in den Händen halten. Sie hatten das Ding, wie fühlt er sich an?

Er ist gar nicht so schwer, wie man immer denkt. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, zum Glück gibt es viele Fotos von diesem unglaublichen Moment. Das gilt auch für die WM-Medaille, die für mich einen sehr emotionalen  Wert hat. Den Pokal gibt man ja wieder ab, aber die Medaille gebe ich nicht mehr her.

Muss man international spielen, um langfristig bei Joachim Löw in der Nationalelf dabei zu sein?

Vergangene Saison waren wir mit 96 in einer ähnlichen Situation wie jetzt, und ich war dennoch bei der WM dabei. Wir spielen in einer der besten Ligen Europas, in der ich mich Woche für Woche beweisen kann und muss. Natürlich darf man das Ziel, international zu spielen, nicht aus den Augen verlieren. Doch momentan ist nicht der richtige Zeitpunkt, um über das internationale Geschäft zu reden.

Ihr Vertrag bei 96 läuft bis Sommer 2017. Werden Sie auch nächste Saison in Hannover im Tor stehen?

Ich habe meinen Vertrag ja nicht mit der Forderung verlängert, dass wir nächstes Jahr international spielen müssen. Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist meine sportliche Zukunft überhaupt kein Thema. Es ist keine Phrase, dass jetzt Einzelschicksale keine Rolle spielen.

Wie empfinden Sie die Situation von Trainer Tayfun Korkut, der vor dem Spiel gegen Dortmund extrem unter Druck steht?

Der Trainer versucht, sachlich damit umzugehen. Er macht seine Arbeit so wie immer und lässt sich nicht von der Diskussion um seine Person beeinflussen.

Beeinflusst die Trainer-Diskussion die Mannschaft?

Mich nicht. Ich werde alles dafür tun, damit wir so schnell wie möglich wieder Punkte holen und die Kurve kriegen. Ich bin vom Trainer überzeugt und wünsche mir, dass der Trainer langfristig für diesen Verein arbeitet. Ich bin von seiner sachlichen, ehrlichen Art überzeugt. Und ich bin überzeugt, dass wir es gemeinsam schaffen.

Ron-Robert Zieler über ...

... das Torwartspiel

Wissen Sie, wie viele Meter Sie pro Spiel im Durchschnitt laufen?

Knapp sechs Kilometer, ich kenne meine Daten, die guten und auch die nicht so guten.

Stimmt, insgesamt sind es bislang 143 Kilometer, das macht 5,72 Kilometer pro Spiel.

Das ist schon ordentlich. Ich versuche, als Anspielstation zu agieren und bin so auch ziemlich stark in das Spiel eingebunden. Es ist definitiv nicht mehr so, dass ein Torwart 90 Minuten lang am Fünfmeterraum steht und die Hände auf den Knien hat.

Interessant ist auch dieser Wert: Sie haben bislang 1118 Pässe gespielt. Davon sind 785 angekommen, das ist eine Quote von 70 Prozent.

Das ist sehr ordentlich, weil auch viele lange Bälle dabei sind, bei denen die Chance, dass sie beim Gegner landen, relativ groß ist. Und ab und zu haue ich ja auch mal einen ins Aus.

Wird Statistik überbewertet?
Das Spiel oder eine Leistung nur anhand von Statistiken zu bewerten, halte ich für grenzwertig. Das Auge sieht mehr, als Daten zeigen können. Wenn ich das Gefühl habe, dass ich ein gutes Spiel gemacht habe, dann ist mir das mehr wert, als irgendwelche Zahlen und Werte.

Es ist nicht einfach zu beurteilen, ob der Torwart einen Fehler gemacht hat. Nehmen wir den Freistoß von Xabi Alonso zum Ausgleich der Bayern. Haltbar?

Wenn Xabi Alonso den Ball aus 17 Metern hauchdünn über die Mauer bringt und er dann unten reinfällt, dann ist da nichts zu machen. Das war ein gut geschossener Freistoß. Das muss man anerkennen, auch wenn es mir schwerfällt.

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