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Hannover 96 Bittere Pillen im Meisterjahr
Sportbuzzer Hannover 96 Bittere Pillen im Meisterjahr
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18:13 06.11.2013
Am Freitag steigt das Niedersachsenderby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig.
Am Freitag steigt das Niedersachsenderby zwischen Hannover 96 und Eintracht Braunschweig. Quelle: Archiv
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Braunschweig

Es war die Fußball-Bundesligasaison 1966/1967, in der ich als achtjähriger Steppke die ersten Heimspiele von Eintracht Braunschweig im Stadion verfolgte. Die Meistersaison. Wir Kinder saßen immer vor den Werbebanden in der Südkurve auf der Aschenbahn, unsere Väter standen auf der Gegengeraden. Eisverkäufer rollten ihre Truhen um das Spielfeld, und Männer in weißen Nylonkitteln boten gebrannte Mandeln, Nüsse oder Bonbons für eine Mark an. Nach den Spielen zum halben Preis.

Auch Hans Siemensmeyer ist mir seither ein Begriff. Im Niedersachsenderby am 29. April 1967 schoss der hannoversche Nationalspieler nach einer knappen Stunde das Tor, das den Sieg bedeutete. 1:0 hieß es nach 90 Minuten für Hannover. Ausgerechnet 96, der ein Jahr jüngere Niedersachsenrivale – Eintracht war bereits 1895 gegründet worden – gewann in dieser Saison beide Partien gegen Eintracht. Als einziger Bundesligist.

Die bange Frage, mit der die Eintracht-Anhänger unter den gut 29 000 Zuschauern damals enttäuscht, aber friedlich nach Hause gingen: Geht Lothar Ulsaß, Jürgen Moll, Klaus Gerwien, Erich Maaß und den anderen Spielern des Tabellenführers an den verbleibenden vier Spieltagen die Luft aus? Nein! Am 3. Juni 1967 nahm Kapitän Achim Bäse die Meisterschale in die Hand. Die Sensation war perfekt. Die mitunter von der Konkurrenz belächelte Eintracht, anders als die Mannschaft aus der Landeshauptstadt immerhin Gründungsmitglied der Bundesliga, hatte es geschafft. Die Stadt Braunschweig stand kopf. Eintracht hatte der zweitgrößten Stadt Niedersachsens, von der Spötter gerne sagten, sie liege jenseits der damaligen Zonengrenze im Osten Deutschlands, Glanz verliehen. Von den seither 28 Niedersachsen-Derbys in der Bundesliga, der 2. Liga, der Regionalliga und im DFB-Pokal sind den Braunschweigern vor allem zwei in Erinnerung – in schlechter wie in guter.

Der Autor

Thomas Fröhlich (55) ist Sportredakteur der "Braunschweiger Zeitung" und berichtet seit 1993 über Eintracht Braunschweig. Heute schreibt er ausnahmsweise auf HAZ.de über Freud und Leid eines Eintracht-Anhängers.

31 Jahre nachdem Braunschweig Meister geworden war, stürzte Hannover den Verein und seine Fans in tiefe Depression. Ich saß nicht mehr auf der Aschenbahn, sondern als Sportredakteur der Braunschweiger Zeitung auf der Pressetribüne. Am vorletzten Spieltag der Saison 1997/1998 kam es im Eintracht-Stadion zum Showdown in der Regionalliga Nord zwischen Tabellenführer 96 und der einen Punkt schlechteren Eintracht. Am Abend des 7. Mai schlüpfte Gerald Asamoah in die Siemensmeyer-Rolle. Sein Treffer bescherte den Hannoveranern den Sieg und zugleich den Zweitliga-Aufstieg.

Das letzte Niedersachsenderby fand vor zehn Jahren satt – Hannover war wieder in der Bundesliga, in der mit dem VfL Wolfsburg ein zweiter Verein aus Niedersachsen spielte. Eintracht war nur noch die Nummer 3 im Lande, konkurrierte eher mit dem VfL Osnabrück. Doch in der 2. Runde des DFB-Pokals schlug der Drittligist den favorisierten, aber pomadig auftretenden Erstligisten mit 2:0.

Ich habe 1967 Hans Siemensmeyers Bild nicht aus meinem Bergmann-Bundesligasammelbuch herausgerissen. Schließlich gehören Niederlagen zum Sport wie Siege oder Unentschieden. Man muss nur richtig damit umgehen.

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Hier lesen Sie die Gastkolumne von HAZ-Sportchef Heiko Rehberg, die am Donnerstag in der "Braunschweiger Zeitung" erscheint.

Remis für den Familienfrieden

Vor zehn Jahren habe ich erfahren, was es für die Fußballfans von Hannover 96 bedeutet, ein Spiel gegen Eintracht Braunschweig zu verlieren. Ich war damals - am 29. Oktober 2003 - live im Stadion dabei, hatte einen Spielbericht und einen Kommentar von der überraschenden DFB-Pokalpleite der in der 1. Liga spielenden "Roten" beim  Drittligisten BTSV in die Redaktion gesendet und wollte noch das machen, was wir Journalisten "Stimmenfang" nennen. Doch zum Einholen von Reaktionen der 96-Spieler kam ich nicht.

Aufgebrachte hannoversche Fans belagerten nach dem 0:2 den abfahrbereiten Mannschaftsbus, 96-Trainer Ralf Rangnick, der den Verein erst 2002 zurück in die 1. Liga geführt hatte, versuchte mit einem Megaphon, die Anhänger zu beruhigen. Es war eine gespenstische Stimmung. Am nächsten Tag hatten 96-Fans auf dem Trainingsplatz ein "Schämt Euch"-Transparent aufgehängt, das von Ordnern schnell wieder entfernt wurde; als die Spieler kamen, sangen Fans "Wir sind Rote - und ihr nicht". Die Mannschaft hat sich dann später schriftlich bei ihren Fans entschuldigt.

Eine schriftliche Entschuldigung für eine Niederlage in einem Fußballspiel? Für mich war und ist so etwas schwer nachvollziehbar, der zweite Teil des Wortes verliert in solchen Momenten seine Bedeutung, und damit rollt der Fußball in eine Richtung, die verkehrt ist. Es ist halt immer noch nur ein Spiel, auch das Derby am Freitag. Gott sei Dank.

Ich würde mir für Freitag wünschen, dass ich nach dem Abpfiff über genau das schreiben darf und kann: beispielsweise über das 1:0 von Mirko Boland, den Ausgleich von Leon Andreasen, einen Pfostenschuss von Norman Theuerkauf oder einen Elfmeter von Szabolcs Huszti. Über Fußball. Über Taktik. Über Tore. Und nicht über Hassgesänge und Schmähungen und alles andere, was dieses Derby in den vergangenen Wochen begleitet hat. Ich bin ganz sicher: Auch in Hannover wollen 99 Prozent nur das: ein packendes Fußballspiel sehen, natürlich mit einem Sieg von 96! Krawalle wollen sie nicht.

Rivalität ist doch etwas Schönes. Ganz Hannover würde sich über einen Sieg gegen Braunschweig mehr freuen als über einen gegen die Bayern, auch wenn das komisch ist, weil die Münchener ja viel schwieriger zu schlagen sind als die Braunschweiger (Eintracht-Fans mögen mir diese Einschätzung verzeihen). Aber Fußball lebt von solchen Rivalitäten zwischen den Klubs. Sie machen den Reiz von Spielen wie Freitagabend aus, für alle Beteiligten. Aber zur Rivalität gehört auch der Respekt vor dem Gegner oder dem Fan, der eine andere Trikotfarbe bevorzugt. Frotzeleien über die "Verbotene Stadt", "Peine-Ost" und, und, und. Alles okay, weil es ein spielerischer Umgang mit Rivalität ist. Aber weiter darf es nicht gehen.

Für mich persönlich ist es ein besonderes Spiel. Meine Schwester arbeitet und lebt in Braunschweig, ist aber 96-Fan; ihr Mann glühender Eintracht-Anhänger mit gelb-blauer Bettwäsche. Für den Familienfrieden wäre ein Remis großartig. Ein Vorschlag, der in Hannover mit großer Sicherheit nicht mehrheitsfähig ist.

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