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Hannover 96 Hannover 96 macht die Rolle rückwärts
Sportbuzzer Hannover 96 Hannover 96 macht die Rolle rückwärts
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00:17 31.05.2015
Der alte Schulterschluss: Martin Kind (rechts) hat jetzt beschlossen, dass Sportdirektor Dirk Dufner seinen Vertrag bis 2016 erfüllen darf.  Quelle: Ulrich zur Nieden
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Hannover

Es war ein turbulenter Tag bei Hannover 96. Sage keiner, bei den „Roten“ tue sich jetzt, da die Saison beendet ist, nicht mehr viel. Am späten Nachmittag informierte der Verein über zwei wichtige Personalentscheidungen. In einem Fall überraschte die Nachricht weniger, im anderen mehr: Michael Frontzeck ist demnach weiterhin Trainer, der 51-Jährige, der die Mannschaft in fünf Spielen zum Klasenerhalt führte, bekommt einen Zweijahresvertrag. Auch Dirk Dufner bleibt, der Sportdirektor soll seinen bis Mitte 2016 gültigen Vertrag erfüllen. Mit dem ausdrücklichen Auftrag, die Mannschaftsplanung für die Saison 2015/2016 vorzunehmen. Und das ist die eigentlich überraschende Nachricht des Tages.

Zuvor war lange auch im Gesellschafterkreis klar gewesen: Der 47-Jährige muss vorzeitig seine Sachen packen. Angekreidet wurden ihm in erster Linie Fehler bei Spielerverpflichtungen. Dufner, der seit 2013 für 96 tätig ist, holte allein in der vergangenen Saison für rund 11 Millionen Euro Spieler nach Hannover - Vereinsrekord.

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Kommentar

Die Ängste des Martin Kind

Die Transferoffensive scheiterte jedoch kläglich: Wie schon im Jahr zuvor stand bei den „Roten“ der Abstiegskampf im Vordergrund, mit dem erhofften Aufwärtstrend war es nach der Hinrunde vorbei. Clubchef Martin Kind sprach, nachdem gegen den SC Freiburg die Rettung mit Ach und Krach geschafft war, von einem „Jahr der Stagnation. Wir können alle nicht zufrieden sein.“

Dass 96 jetzt weiter auf dasselbe Duo als sportliche Speerspitze setzt, hat offenbar mit einer anderen Entscheidung zu tun, auf die der Club nur indirekt Einfluss hatte. Andreas Rettig, früherer Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga, den Kind gern als Sportdirektor bei den „Roten“ gesehen hätte, machte einen Rückzieher. Von 96 gab es zu dieser Personalie keine offizielle Bestätigung. Wenige Stunden später teilte 96 dann aber mit, dass außer Frontzeck, der einen neuen Vertrag erhält, auch Dufner in Hannover eine Zukunft hat.

Michael Frontzeck hat erfolgreiche Arbeit geleistet“, sagte Kind. „Deswegen wollen wir die Zusammenarbeit mit ihm fortführen. Er hat die Mannschaft hervorragend eingestellt und motiviert, er verkörpert Begeisterung und Ehrgeiz.“ Mit anderen Kandidaten hat sich Kind auch getroffen, zum Beispiel mit Thorsten Fink. „Es war mehr ein Erfahrungsaustausch“, sagte der ehemalige Hamburger Trainer, der zu Austria Wien wechselt, „Herr Kind hat mir keine Hoffnungen auf den Job in Hannover gemacht."

Zu der Entscheidung, mit Dufner weiterzuarbeiten, die wie eine Rolle rückwärts wirkt, wollte sich der Clubchef nicht äußern. Sie entsprach wohl auch nicht dem Ergebnis einer Gesellschafterversammlung der „Roten“ am Mittwoch. Das Gremium soll sich dem Vernehmen nach gegen Dufner ausgesprochen haben. Donnerstagnachmittag dann war alles wieder anders.

Kind drängt seine Sportliche Führung jetzt zur Eile. „Die anstehenden Entscheidungen für die Zusammenstellung der Mannschaft besitzen nun oberste Priorität“, sagte er. Und da herrscht im 96-Umfeld eher Skepsis. „Dirk Dufner hat sehr viele Fehler gemacht. Michael Frontzeck und er müssen sich schnell zusammenfinden“, sagte etwa der Altinternationale Hans Siemensmeyer. „Der aktuelle Kader schafft es nicht, dann haben wir wieder dieselben Probleme wie dieses Jahr.“

Komplett ist die Führungsspitze des Clubs damit aber noch nicht. Gesucht wird nicht irgendeine, sondern eine ganz wichtige Person: ein Geschäftsführer, der Kind in der Profifußballgesellschaft der „Roten“ nicht nur entlastet, sondern gleichberechtigt zur Seite gestellt wird. Diese Entscheidung wird wohl die schwerste für den Club: Dieser Schuss sollte richtig gut sitzen. Der neue Geschäftsführer muss nicht nur mit Chef-Partner (und bald auch 96-Eigner) Kind auskommen, was schwierig genug ist, sondern auch einen guten Draht zu Frontzeck und Dufner haben.

Rettig, der zuletzt auch für diese Position genannt wurde, hat dafür nie zur Debatte gestanden. Hannover 96 wollte ihn immer als Sportdirektor. Offenbar sucht der Club jetzt nach einem echten Manager aus der Wirtschaft. Für die Zukunft.

Michael Frontzeck ist jetzt seit fünfeinhalb Wochen in Hannover. Es waren fünfeinhalb ereignisreiche Wochen, die jetzt mit einem Happy End für den 96-Trainer endeten.

20. April: Michael Frontzeck übernimmt das Himmelfahrtskommando bei den „Roten“. Er ist der erste „Fünf-Spiele-Trainer“ der Bundesliga, der das auch in seinem Vertrag dokumentiert bekommt. Einzige Ausnahme: eine eventuelle Relegation. Zeit zur Eingewöhnung hat er nicht: Er muss sofort funktionieren.

25.  April: Teil 1 der Mission geht daneben – 1:2 im Heimspiel gegen 1899 Hoffenheim. Die 2. Liga rückt immer näher. Aber Frontzeck hat es geschafft: Es ging ein deutlicher Ruck durch das Team. Und was mindestens genauso wichtig ist: Mannschaft und Fans sind endlich wieder eine Einheit.

2. Mai: Teil 2 wäre auch fast danebengegangen. Nach einer fürchterlichen 1. Halbzeit und einem 0:2-Rückstand in Wolfsburg rüttelt Frontzeck sein Team wach. Durch geschickte Einwechslungen und Umstellungen gelingt es dem Coach, 96 zu reanimieren. Am Ende (2:2) gibt es nicht den erhofften Befreiungsschlag, aber die Leistung ist ein Mutmacher – dieses neu gewonnene Selbstvertrauen bildete die Basis für den letztlich hart erkämpften Klassenerhalt.

9. Mai: Wieder nichts mit einem „Dreier“, 1:1 gegen Werder Bremen. Die Enttäuschung ist groß, die Abstiegsangst ebenso. Frontzeck strahlt weiterhin große Ruhe aus.

16. Mai: Ein Coup in Augsburg (2:1) macht alles erträglicher. 96 verlässt den Abstiegsplatz. Frontzeck bleibt ruhig, mahnt aber. Er zieht die Mannschaft vor dem Finale ein zweites Mal zu einem Trainingslager in Marienfeld zusammen.

23. Mai: Es ist das Datum der „Roten“. 2:1 gegen Freiburg. Klassenerhalt. Die Fans feiern die Mannschaft und besonders den Trainer.

24.–28. Mai: Täglich wird mit der Vertragsverlängerung für Frontzeck gerechnet. Clubchef Martin Kind spricht mit anderen Kandidaten; Frontzeck bleibt gelassen. Am Donnerstag wird er endlich mit einem Zweijahresvertrag belohnt. 

Von Norbert Fettback 
und Jörg Grußendorf

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