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Hannover 96 Neuer Hoffnungsträger aus Hannover
Sportbuzzer Hannover 96 Neuer Hoffnungsträger aus Hannover
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21:27 09.11.2011
Von Heiko Rehberg
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Hannover

Bundestrainer Joachim Löw hat ihm versprochen, dass er mindestens 45 Minuten spielen darf, „vielleicht sogar 90 Minuten“, wie er am Mittwoch sagte. Für den 96-Torwart wird es die Premiere sein, sein erstes Länderspiel. Mit 22 Jahren. Oliver Kahn, Deutschlands letzter Weltklassetorhüter, von dem Zieler sagt, dass er früher dessen „Einstellung und Ehrgeiz bewundert“ habe, spielte mit 26 Jahren das erste Mal für Deutschland.

Bislang konnte Zieler in Hannover ungestört vom bunten Medienrummel der Bundesliga ein ruhiges Torwartleben verbringen. Geredet wurde im Torwartland Deutschland meist über andere Torhüter. Über Manuel Neuer, Deutschlands unumstrittene Nummer 1, der bei Bayern München nur selten ein Gegentor kassiert und mit langen Abwürfen und Paraden wie ein Handballtorwart einen hierzulande neuen, spektakulären Stil geprägt hat. Oder über den Bremer Tim Wiese, der rosa Trikots trägt und sich nach dem Spiel von einem Fan schon mal ein Megafon schnappt, um im Stadion lautstark über den Gegner herzuziehen.

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Zieler trägt bei Hannover 96 meist ein schwarzgraues Trikot, provozierende Sätze sind von ihm auch nach langem Stöbern im Archiv nicht zu finden. Und wenn er jetzt über die Nationalmannschaft redet, über seine Nominierung und das morgige Spiel, dann sagt er, „dass ich meine Sache ordentlich mache“, aber wisse, dass „ich ganz am Anfang stehe und meine Leistungen bestätigen muss“.

Wenn Zieler nach Spielen den Journalisten Rede und Antwort steht, dann wirkt er meist ein bisschen verlegen und sagt lieber ein Wort zu wenig als eines zu viel. In elf Monaten und mit gerade einmal 27 Bundesligaspielen ist er auf diese Weise, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, zum Nationaltorwart aufgestiegen. Und wenn seine Karriere in den nächsten Monaten nicht einen dramatischen Knick macht, dann wird Zieler im Sommer des nächsten Jahres Hannovers Mann bei der Europameisterschaft. Vielleicht als Nummer 2, vielleicht als Nummer 3. So wie bei der EM vor vier Jahren Robert Enke, der verstorbene 96-Kapitän, dessen Todestag sich am Donnerstag zum zweiten Mal jährt und den Zieler nie persönlich kennengelernt hat.

Mit seinem ersten Länderspiel wird sich die Wahrnehmung von Zieler ändern. Für die Fans in Bremen ist er von Donnerstag an der Mann, der Wiese den Platz hinter Neuer streitig machen will. Und auch die Anhänger in Mönchengladbach und Leverkusen werden nun genauer auf Zieler achten, die beiden Klubs haben mit Marc-André ter Stegen und Bernd Leno ebenfalls zwei junge Torhüter mit besten Perspektiven. Ihnen steht Zieler erst einmal im Weg.

Was es bedeutet, zum Kreis der Nationalmannschaft zu gehören, hat Zieler vor wenigen Wochen beim Heimspiel in der Europa League gegen den FC Kopenhagen erlebt. Die Partie endete 2:2, und das erste Mal, seit er im hannoverschen Tor steht, hatte Zieler bei einem Treffer einen Fehler gemacht und beim anderen unglücklich ausgesehen. Das passiert auch Weltklassetorhütern immer mal wieder, aber in Hannover kam plötzlich eine aberwitzige Diskussion auf: Hatte Zieler nicht schon vorher die eine oder andere Unsicherheit gezeigt? Oder ist das vielleicht sogar alles zu viel für ihn mit der Nationalmannschaft? Der junge Mann, von dem sein Klubchef Martin Kind sagt, dass er „ein hohes Stehvermögen hat und mit Druck umgehen kann“, hielt drei Tage später beim 2:1-Sieg gegen Bayern München famos – und besser als auf der anderen Seite Manuel Neuer.

Als Nationalspieler muss man plötzlich andere Fragen als bisher beantworten. Zum Beispiel die nach dem Vornamen. Doch Zieler meistert diese Aufgaben mit einer für einen 22-Jährigen beachtlichen Routine. „Meine Eltern konnten sich nicht einigen, ob sie mich Ron oder Robert nennen“, erzählt er, „also habe ich den Doppelnamen bekommen. Mein Rufname ist Ron.“

Die Torhüterkarriere des jungen Ron hat angefangen wie so viele: als Feldspieler. Bei seinem Heimatverein, dem SCB Victoria Köln, wurde er „damals umfunktioniert, weil wir keine Alternative zwischen den Pfosten hatten“. Zieler traf die Entscheidung, das Spieler- mit dem Torwarttrikot zu tauschen, „aus dem Bauch heraus. Ich sagte mir: ,Komm, du probierst das jetzt, und dann mal schauen, wohin dein Weg führt.‘“

Mit 16 Jahren traf Zieler die nächste große Entscheidung, verließ Köln und wechselte zu Manchester United. Wer mit 16 als Schüler mal für ein paar Wochen im Ausland war, der weiß, welchen Mut ein solcher Schritt weg von den Eltern und Freunden bedeutet. Und welche Bereicherung das sein kann. Zieler blieb fünf Jahre in England und sagt heute rückblickend, dass ihn die Zeit geprägt habe. „Ich bin dadurch selbstständiger geworden. Und ich fühle mich auch privat sicher.“

Als er das erste Mal ein Gespräch mit Manchesters Trainerlegende Sir Alex Ferguson hatte, konnte er noch nicht besonders gut Englisch. „Da habe ich einfach immer Yes gesagt“, hat Zieler einmal erzählt. Er habe in England eine „große Freundlichkeit“ erfahren. Und ihn habe die „Bescheidenheit“ der Menschen beeindruckt, die für diesen großen Klub arbeiten. Zieler hat sich in Manchester viel abgeschaut, nicht nur als Torhüter. Freundlich und bescheiden. Diese Wörter fallen immer, wenn man sich mit Mitspielern oder Verantwortlichen von 96 über Zieler unterhält.

„Er ist ein super Typ“, sagt Martin Kind, der der Schwärmerei unverdächtig ist: „Für sein Alter ist er unglaublich weit in seiner Entwicklung. Wenn man sich andere 22-Jährige anschaut, dann weiß man, wie weit …“ Und sein Mitspieler Christian Schulz sagt über Zieler: „Ich habe selten einen Profi erlebt, der so jung ist und doch so sehr in sich selbst ruht.“

Ansonsten macht Zieler, was andere in seinem Alter auch tun. „Ich treffe mich mit Freunden, gehe gerne Essen und auch mal ins Kino, um abzuschalten. Außerdem höre ich gerne Musik, die Charts rauf und runter.“ Lediglich eine Vorliebe unterscheidet ihn von den meisten 22-Jährigen. Und von vielen Hannoveranern. Ron-Robert Zieler mag Karnevalslieder.

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