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Hannover 96 Tschüss, Jan!
Sportbuzzer Hannover 96 Tschüss, Jan!
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00:17 07.06.2015
Von Heiko Rehberg
Jan Schlaudraff erzielte in 171 Spielen 25 Tore für 96. Die wichtigsten: Seine beiden Treffer gegen Sevilla. Quelle: dpa
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Hannover

Jan Schlaudraff hatte mit keiner anderen Nachricht gerechnet, als ihm sein Berater vom Anruf von Dirk Dufner berichtete. Schlaudraff macht Urlaub in Amerika, und weil er dort nicht zu erreichen war, hat der Sportdirektor des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 eben seinem Berater mitgeteilt, dass die Zeit von Schlaudraff vorbei ist. Sein ausgelaufener Vertrag wird nicht verlängert, nur bei der offiziellen Eröffnung der kommenden Saison wird der 31-Jährige noch mal dabei sein – zum Abholen der Abschiedsblumen.

Schlaudraff war in der vergangenen Saison, in der sich die „Roten“ erst am letzten Spieltag gerettet haben, nur noch insgesamt 62 Minuten, verteilt auf fünf Einsätze, dabei. Es ist deshalb vielleicht ein großer Satz, der widersprüchlich daherkommt, wenn man jetzt schreibt: Hannover 96 verliert seinen besten Fußballer. Aber wer einmal beim Training zugeschaut hat, der wird schwer widersprechen können. Fußballerisch hat Schlaudraff bis zuletzt alle in der Mannschaft in die Tasche gesteckt. Und trotzdem wurde zuletzt nicht er eingewechselt, sondern beispielsweise ein Kenan Karaman, der nicht ansatzweise Schlaudraffs Klasse besitzt, aber schneller und robuster ist und – dieser Trainersatz gehört eigentlich auf den Index – „auch nach hinten arbeitet“.

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Jan Schlaudraff kam 2008 zu Hannover 96. Der Stürmer wurde nach und nach zum unverzichtbaren Spieler des Kaders. Im Sommer 2015 wurde bekannt, dass sein auslaufender Vertrag nicht verlängert werden soll. Er trug die Rückennummer 13.

Tayfun Korkut wusste mit einem Feinfuß wie ihm nichts anzufangen und setzte ihn auch mal auf die Tribüne, bei dessen Nachfolger Michael Frontzeck hatte Schlaudraff immerhin einen festen Platz auf der Bank.
Auch das hannoversche Publikum hat den Sohn eines Pfarrers und einer Lehrerin zunächst mit großer Skepsis begleitet, als er 2008 für 2 Millionen Euro von Bayern München als Nationalspieler zu 96 kam. Aber Schlaudraff ging es wie Michael Ballack und allen Spielertypen, die mit ihrem Laufstil und ihrer Körpersprache immer irgendwie den Eindruck vermitteln, dass sie nicht alles geben. So einer gerät, in Kombination mit einem stattlichen Gehalt und einem Ferrari, mit dem er zum Training fährt, schnell unter Generalverdacht, kein Kämpfer zu sein.

Schlaudraff sagt, dass „meine Karriere eine Achterbahnfahrt war“ – das gilt auch für die sieben Jahre in Hannover. Vor der Saison 2010/2011 legte ihm der damalige Trainer Mirko Slomka nahe, den Verein zu verlassen. Clubchef Martin Kind ließ verlauten, Schlaudraff würde kein Spiel mehr für 96 machen. Es kam zum Glück anders.

Im August 2011 waren in Hannover plötzlich alle Schlaudraff-Fans – und blieben es. Zwei Spiele trennten die „Roten“ noch von der Gruppenphase in der Europa League, aber mit dem FC Sevilla hatten sie ausgerechnet den stärksten Gegner erwischt. Das Hinspiel in Hannover machte Schlaudraff zu seiner ganz persönlichen Show mit beiden Treffern beim 2:1-Sieg, dem eine Woche später in Spanien ein 1:1 folgte. Eine Stadt war im Europapokalfieber.

Die Europa League wurde Schlaudraffs Bühne. Ein paar Monate später, im Zwischenrundenspiel gegen den 
FC Brügge, schoss er das frechste Elfmetertor in der hannoverschen Vereinsgeschichte. Beim Stand von 1:1 zehn Minuten vor Schluss entschied sich Schlaudraff für einen frechen Lupfer, wie ihn der Tscheche Antonin Panenka 1976 im Europameisterschaftsfinale gegen Deutschland uraufgeführt hatte. Beim Stand von 5:1 gibt es viele Profis, die diese Risikovariante lupfend in die Mitte wählen. In einem wichtigen Europacupspiel kurz vor Schluss trauen sich das nur wenige ...

Von Trainer Slomka musste sich Schlaudraff nach dem Spiel die Frage gefallen lassen, ob er noch ganz dicht sei. Er hat sie mit einem Lächeln beantwortet.
Mit Schlaudraff verliert 96 seinen letzten Fußballkünstler.

Danke, Jan!     

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