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Hannover 96 Schwere Vorwürfe gegen 96-Nachwuchstrainer
Sportbuzzer Hannover 96 Schwere Vorwürfe gegen 96-Nachwuchstrainer
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00:17 26.02.2015
Von Gunnar Menkens
Das Nachwuchsleistungszentrum im Eilenriedestadion. Quelle: Rainer Surrey
Hannover

Irgendwann am Abend des 18. Januar 2013 verlassen fünf junge Spieler von Hannover 96 die Zimmer ihrer Jugendherberge. Ihr Ziel: Schlafräume vom FC Bayern München, hochkarätiger Gegner bei einem Hallenturnier. Fünf Kinder, um die zwölf Jahre alt, in grün-schwarzen Trainingsanzügen, auf die Rücken sind Sponsorennamen gedruckt, Jako und Tui, wie bei den Profis. Die Tür der Münchener steht offen, Licht scheint auf den Flur hinaus, gut fürs Bild. Die Jungen bücken sich und ziehen blank. Irgendjemand drückt den Auslöser, das digitale Gedächtnis einer Kamera speichert fünf nackte Kinderhintern. Der Trainer des Teams verschickt das Bild an Eltern, ins Textfeld seiner Nachricht schreibt er einen Zusatz, wie um der Verhöhnung einen Grund zu geben: „Bayern ist halt scheisse“.

Zwei Jahre später, Februar 2015. Die Staatsanwaltschaft Hannover bestätigt, dass eine Strafanzeige gegen den Nachwuchstrainer vorliegt. Nicht wegen des Bildes, nun steht der Verdacht der Verleumdung im Raum. Der Mann, im beruflichen Leben angestellt in einer Verwaltung, soll einen Spieler bezichtigt haben, einem Mannschaftskameraden Geld gestohlen zu haben. Eine Tat, die der Junge vor dem gesamten Team habe zugeben müssen. Eine Lüge, sagen die Eltern, ihr Kind sei kein Dieb, auch die Mutter des angeblich bestohlenen Jungen bestätige das. Sie wollen etliche Zeugen aufführen. Sie wollen diesem Trainer nicht durchgehen lassen, den Sohn gedemütigt und seine Eltern über den vorgeblichen Diebstahl nicht einmal informiert zu haben.

Ein Leben für den Fußball

Der Betreuer arbeitet seit einigen Jahren im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Hannover 96. Dort, auf den Plätzen am Eilenriedestadion, trainieren zehnjährige Jungs und auch die U- 23-Mannschaft, die Reserve der Bundesligaprofis. Bis zum Team der 14-Jährigen beschäftigt der Klub Amateure, für 450 Euro Aufwandsentschädigung im Monat, die älteren Jahrgänge absolvieren Einheiten und Spiele unter der Aufsicht ehemaliger Bundesligaspieler. Hannover 96 setzt bei den nahezu ehrenamtlichen Trainern großen Einsatz voraus. Mehrmals Training in der Woche, Fahrten zu oft weit entfernten Turnieren und Punktspielen, Organisation des Drumherums, Besprechungen, Gespräche mit den Eltern. Keine Frage ist, dass Teams dieses Trainers Erfolg haben. Er betreut Spieler, die es nach Ansicht von Fachleuten weit bringen können im Fußball und versteht es, Jungen auf sich einzuschwören.

Der Verein erwartet jedoch auch soziale Fähigkeiten, jedenfalls formuliert er diesen Anspruch. Im Selbstverständnis des Leistungszentrums heißt es, seine Trainer hätten „pädagogisches Gespür“ und „hohe soziale Kompetenz“ und sorgten für „gute Spiel- und Trainingsatmosphäre, in der sich die jungen Spieler entfalten können“. Ein Trainer vermittele Werte des Vereins, er „lebt sie vor“. Die Werte von Hannover 96 heißen unter anderem: Fairness und Respekt.

Jetzt, da das Foto in der Welt ist, muss sich Hannover 96 fragen lassen, wie es um Theorie und Praxis bestellt ist. Zwei Jahre alt ist das Bild, aber von einer Art, wie es Lehrer und Kita-Erzieher den Job kosten würde. Das Foto liegt dieser Zeitung vor, im Verein war es bis in diese Tage angeblich fast unbekannt. Martin Kind, Präsident von Hannover 96, sagte im Gespräch mit der HAZ, er habe es nicht gesehen. Auch Jens Rehhagel, Verwaltungschefs des Nachwuchszentrums, erklärte, er wisse nichts davon. Der sportliche Leiter indes soll von der Existenz gewusst haben. Passiert ist offensichtlich nichts. Der Trainer wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

„Das geht natürlich gar nicht“

Jede Kommunikation zu dem Vorfall läuft seither über Kind, den Präsidenten. Er war es auch, der das Resultat einer Befragung des Nachwuchstrainers mitteilte. Ja, der Trainer habe zugegeben, das Bild versendet zu haben. Aber, nein, er hat es nicht selbst gemacht. Wie es auf sein Handy komme? Jemand leitete es ihm weiter. Wer? Daran erinnere er sich nicht. Ein besseres Gedächtnis als der Trainer hat offenbar einer der fünf fotografierten Jungen. Er offenbarte sich seinen Eltern und berichtete, der Coach habe sie während des Turniers zu der Aktion animiert. Und dann das Bild gemacht.

Martin Kind lässt keinen Zweifel daran, was er von dem Foto hält. „Unappetitlich, so etwas mag für gewisse Kreise interessant sein, aber das geht natürlich gar nicht.“ Er will mit diesem Trainer noch einmal darüber reden. Unter rechtlichen Aspekten sei abzuwarten, ob ein Verfahren eröffnet werde. Foto und Strafanzeige stehen indes nicht für sich, denn scharfe Konfrontationen zwischen Trainer und Eltern beschäftigten den Vereinschef schon bis in den Sommer vergangenen Jahres.

Es waren quälende Auseinandersetzungen mit gravierenden Vorwürfen. Mehr als ein halbes Dutzend Eltern warfen dem Betreuer vor, ihre Kinder zu mobben, zu denunzieren und gegeneinander auszuspielen. Das Strickmuster: „Hatten Eltern den Trainer kritisiert, mussten unsere Kinder das ausbaden“, sagte eine Mutter. Mindestens sechs Spieler dieses Jahrgangs verließen Hannover 96. Sie hörten auf mit Fußball oder wechselten den Klub. Drei Kinder wurden psychologisch betreut, nach Auskunft ihrer Eltern litten sie unter Schlafstörungen und Leistungsabfall in der Schule.

Die Lust am Fußball verloren

Das Verhalten des Trainers war weit vom Selbstbild des Klubs entfernt. Eltern berichteten, dass sie ihre Söhne oft Hunderte Kilometer weit zu Turnieren fuhren, ihr Kind dann aber nur ein paar Minuten zum Einsatz kam. In einem Alter, indem es laut Selbstverständnis des NLZ darum geht, allen Spielern gleichmäßige Einsatzzeiten zu geben. Der Trainer habe Lieblinge spielen lassen und die anderen bei Fehlern lautstark kritisiert. „Mein Sohn war wirklich fußballbekloppt“, erzählt ein Vater, „aber nach einem Training hat er gesagt, es reicht, zu diesem Trainer geht er nicht mehr.“

Es soll vorgekommen sein, dass er Kinder nicht mehr mit Namen anredete und seinen Spielern, zwölf, dreizehn Jahre alt, auftrug, mit Aussortierten nicht mehr zu reden. Manche folgten diesen Anweisungen, um später den Freunden zu gestehen, er habe sie aufgefordert, sich so zu verhalten. Trainer haben Macht, Kinder wollen im Team bleiben und stolz dieses Trikot tragen. Es galt die Maxime, dass nichts aus der Kabine zu den Eltern dringen dürfe. Ein Foto zeigt, wie der Trainer einen Jungen am Spielfeldrand anbrüllt. Eingeschüchtert steht das Kind vor ihm, leichte Beute für den mühsam beherrschten Mann vor ihm.

Eltern schrieben Briefe, manche saßen im Büro von Martin Kind in Großburgwedel und forderten, diesen Mann nicht mehr mit Kindern arbeiten zu lassen. „Die Vorwürfe waren teilweise berechtigt“, sagt Kind heute. Nicht alle Anschuldigungen allerdings blieben seiner Einschätzung nach eindeutig und berechtigt. „Rede und Gegenrede“, sagt Kind. Auch die Geschichte mit dem Diebstahlsvorwurf falle in diese Kategorie. Der Trainer bestreite, den Jungen vor dem Team bloßgestellt zu haben.

In der Folge dieser Konflikte wurden Elternräte und Sprechtage eingeführt, der Trainer werde von den Verantwortlichen im Leistungszentrum nach all diesen Vorfällen „enger geführt“, sagt Kind. „Seitdem habe ich nichts mehr auf den Tisch bekommen, was relevant wäre.“ Relevanz ist natürlich eine Frage der Bewertung. Auch NLZ-Leiter Jens Rehhagel sieht auf dem Foto einen Trainer, der einen Jungen so anbrüllt, dass Umstehende erstaunt hinübersehen zu der Szene. „Aber das ist nur ein einziger Moment und der Spielsituation geschuldet.“ Grund der verbalen Attacke soll mangelnde Motivation des Jungen gegangen sein. Und Nachlässigkeiten, das ist die Logik ehrgeiziger Trainer, gefährden auch den eigenen Erfolg, die einzige Währung im Sport.

Ein Café in der Innenstadt. Ein langjähriger Kenner des NLZ bestellt einen Milchkaffee, er wird ihn nicht anrühren in der nächsten Stunde. Er redet ruhig, aber eigentlich regt er sich auf. „Es die wahre Kunst im Leistungszentrum, Dinge schön zu reden“. Immer machen angeblich Eltern Probleme, aber keiner würde fragen, warum das so ist. Im NLZ herrsche ein System von Leuten, die sich gegenseitig stützten. Rehhagel, der Trainer, Zuträger aus ihrem Umfeld. Es ist das, was die Mütter und Väter erzählten aus dieser Zeit: bei niemandem durchzudringen mit Klagen darüber, wie im Zentrum mit ihren Jungen umgegangen werde, auch bei Martin Kind nicht. Dann sagt dieser Insider noch, wie einem Jungen mitgeteilt wurde, seine Leistungen würden nicht genügen, er müsse den Verein verlassen: „Das war vorgeschoben. Man wollte die Eltern loswerden und benutzte das Kind.“ Jens Rehhagel sagt, man könne für jedes Kind korrekte sportliche Beurteilungen vorlegen.

„Das hat bei Kindern keine Berechtigung“

Nachgefragt bei Burkhart Neuhaus, Chefarzt Kinder- und Jugendpsychiatrie Auf der Bult

Herr Neuhaus, in Sportvereinen vertrauen Eltern ihre Kinder regelmäßig Trainern an. Welche Rolle spielen Betreuer außerhalb der Familie?
Ich glaube, dass Sportlehrer besonders für Jungen eine große Chance sind, alternative Rollenbilder zu erleben. Immer mehr Jungen wachsen bei allein erziehenden Müttern auf und suchen Rollenvorbilder.

Der Trainer als Ersatzvater?
Nein, das geht zu weit. Aber es ist ideal, wenn Kinder nicht nur ein Rollenmodell erleben.

Wie sollte das Verhältnis zwischen Betreuern und Eltern aussehen?
Am besten wäre natürlich eine offene und ganz normale zwischenmenschliche Beziehung. Jeder Betreuer muss in der Lage sein, sein Verhalten transparent zu erklären, dem muss er sich gewachsen fühlen. Eltern haben das Recht, zum Beispiel Trainer offen anzusprechen. Aber dabei kommt es auch auf Fingerspitzengefühl an. Nicht jedes Verhalten, das einem seltsam vorkommt, hat einen problematischen Hintergrund. Wenn jemand seine Freizeit opfert, um Kinder zu trainieren, verdient es zunächst Respekt und Achtung.

Wann sollten Eltern dennoch aufmerksam werden?
Das kommt auf den Einzelfall an. Kinder dürfen ihren Eltern natürlich erzählen, was im Verein passiert. Wenn es einen Verdacht gibt, sollten die Eltern sie einfühlsam fragen, ob sie zum Beispiel angefasst oder seltsam fotografiert werden. Wie Kinder antworten, ist eine andere Frage. Was sich mir überhaupt nicht erschließt ist, wenn Betreuer auf völliger Geheimhaltungspflicht bestehen und Kinder verpflichten, gar nichts zu erzählen. Das hat im Profisport seine Berechtigung, nicht bei Kindern.

Interview: Gunnar Menkens

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