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Hannover 96 „Wenn jemand so Fußball spielt ...“
Sportbuzzer Hannover 96 „Wenn jemand so Fußball spielt ...“
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12:50 14.11.2009
Von Heiko Rehberg
Torhüter Robert Enke (links) und Trainer Ewald Lienen
Ein Bild aus gemeinsamen Tagen: Torhüter Robert Enke (links) und Trainer Ewald Lienen. Quelle: Ulrich zur Nieden
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Ewald Lienen hat sich einen Tag Bedenkzeit ausgebeten, als wir ihn gefragt haben, ein wenig von Robert Enke zu erzählen. Lienen hat in den vergangenen Tagen zahlreiche Anfragen gehabt von Fernseh- und Radiosendern, Zeitungen, das volle Programm. Lienen ist der Trainer, der Enke im Sommer 2004 zu Hannover 96 geholt hat. Ohne ihn wäre Enke woanders gelandet als bei den „Roten“. Er hat davor und noch lange danach Kontakt zu dem Torwart gehabt. Aber Lienen hat fast alle Anfragen abgelehnt.

Er möchte nicht den Eindruck vermitteln, mit Enke-Geschichten von Sender zu Sender zu tingeln, so etwas liegt ihm fern, obwohl er jemand ist, der sehr klug formulieren kann und der mit Enke viele Gespräche weit über den Fußball hinaus geführt hat. Und natürlich geht Lienen der Tod seines ehemaligen Spielers immer noch sehr nahe, man spürt das sofort, wenn man ihm telefoniert. Lienen kann, auch wenn das der eine oder andere bis heute nicht glaubt, amüsant und lustig sein. Er erzählt dann mit kräftiger Stimme. Wenn man in diesen Tagen mit ihm spricht, dann ist seine Stimme leise.

Er möchte kein Interview machen, aber er mag erzählen, auch weil er selbst sich vom März 2004 bis November 2005 sehr wohl gefühlt hat in Hannover und mit den Menschen hier – genau wie Enke. Und er kann vielleicht ein wenig von dem transportieren, was Enkes Mitspieler derzeit aus sehr verständlichen Gründen nicht sagen können. Er kann ein Bild zeichnen von Enke bei 96 und in der Mannschaft, auch wenn er heute weiß, dass dieses Bild unvollständig ist.

Neuanfang in Hannover

Als Lienen am 9. März 2004 nach Hannover kam, um die Mannschaft nach der Trennung von Ralf Rangnick vor dem Abstieg zu retten, spielte Robert Enke bei CD Teneriffa. 2. Liga in Spanien. Das klingt wie ein Abstellgleis, aber für Enke war es ein paar Monate lang die Möglichkeit, nach den sportlichen Enttäuschungen vorher beim FC Barcelona und bei Fenerbahce Istanbul einen Neuanfang zu machen.

96 hatte damals mit Marc Ziegler und Gerhard Tremmel zwei ordentliche, aber keine überragenden Torhüter. Enke war ein spanischer Zweitligatorhüter, aber Lienen hat sich damals erkundigt; bei Jupp Heynckes, Enkes Trainer in Lissabon, und bei Uwe Kamps, dem früheren Torhüter von Borussia Mönchengladbach. Der 55-Jährige ließ sich nicht blenden von Enkes Zeiten in Barcelona und Istanbul. „Ich wusste“, sagt Lienen, „dass Robert als Torwart über den Dingen steht. Sonst hätte ihn ein Klub wie der FC Barcelona doch gar nicht erst verpflichtet. Und Teneriffa war doch nichts Ehrenrühriges.“

„Menschlich hervorragend“

2003 hätte ihn Lienen gerne nach Mönchengladbach geholt, wo er damals Trainer war. Man traf sich in Lienens Haus, und nach dem ersten Gespräch, bei dem auch Enkes Berater und Freund, Jörg Neblung, und der damalige Borussia-Manager Christian Hochstätter dabei waren, war Lienen begeistert. Er habe schnell gemerkt, „dass das menschlich ein ganz hervorragender Junge ist, zuvorkommend, intelligent“.

Warum es damals nicht geklappt hat mit Enke und Mönchengladbach, weiß Lienen nicht mehr genau. Als er ein Jahr später mit Hannover 96 erneut die Chance hatte, Enke zu holen, hatte Lienen Erfolg. Der Trainer machte im Sommer 2004 gerade Urlaub auf der Kanareninsel Teneriffa, dort, wo der Torhüter spielte. Man traf sich im Urlaubshotel von Lienen und seiner Frau Rosi, nach den Gesprächen hatte der Fußballlehrer „ein sehr gutes Gefühl, dass es diesmal klappt“.

Lienen weiß noch genau, was er und alle anderen damals gedacht haben, als Enke die ersten Wochen Training bei 96 hinter sich hatte: „Wir wussten, dass wir einen Sechser im Lotto gezogen hatten.“ Robert, sagt Lienen, war „nicht nur der beste Torwart, mit dem ich als Trainer jemals arbeiten durfte. Er war auch eine sympathische und starke Persönlichkeit, das hat man in jedem Training und in jedem Gespräch gespürt.“ Lienen beschreibt Enke als Führungsspieler, „der geführt hat durch Präsenz und Charakter“, obwohl er damals gar kein Kapitän war, denn die Mannschaftsführerbinde trug Altin Lala. Lienen ist keiner, der zu Schwärmerei neigt, aber über Enke sagt er: „Es war einfach nur toll, so einen Menschen täglich bei der Arbeit zu haben. Für Mannschaft und Verein war er eine riesige Bereicherung.“

Hannover 96 hat sich damals auf schäbige Art und Weise und ohne große (Abstiegs-)not von Lienen getrennt, viele der damals Beteiligten wissen heute, dass das ein Fehler war. „Mir hat die Trennung sehr weh getan. Wir hatten eine außergewöhnliche Gruppe und einen Riesenspaß. Und wir hatten in der Mannschaft mit Lala, Enke, Steve Cherundolo und Michael Tarnat eine Führungstruppe, auf die man als Trainer stolz sein kann“, sagt er. Diese Spieler, dazu Hanno Balitsch und noch einige mehr, haben danach den Kontakt zu ihrem ehemaligen Trainer nie abreißen lassen, auch Enke hat das in den vergangenen drei Jahren nicht getan. „Mal habe ich mich gemeldet, mal hat er sich gemeldet“, sagt Lienen, „wir haben nicht alle paar Tage telefoniert, aber regelmäßig.“

Unmenschliche Leistungen

Lienen macht sich Vorwürfe, dass ausgerechnet in den vergangenen Wochen der Kontakt weniger wurde. „Ich war bei 1860 München unter einem großen Druck, ich habe gar nicht richtig mitbekommen, dass Robert wegen einer Viruserkrankung ein paar Wochen nicht mehr auf dem Platz stand. Dieser Druck hat dazu geführt, dass ich unachtsam geworden bin, aber dazu darf er nicht führen.“

In einem 96-Trainingslager in Spanien hat sich Enke Lienen gegenüber geöffnet und ihm davon erzählt, dass er vor seiner Zeit in Hannover „psychisch angeschlagen und psychologisch betreut worden war. Aber ich hatte keine Vorstellung davon, welche Dimensionen das alles hatte und dass es Depressionen waren.“ Lienen erzählt davon, dass es für ihn nichts Neues gewesen sei, dass „Spieler mal down sind“. Aber damit, welche lebensbedrohliche Ausmaße das haben könne, damit habe er keine Erfahrung gehabt.

Fußball sei für Robert Enke ein Halt gewesen. „Er war in der Lage, sich auf den Punkt genau zu konzentrieren.“ Wenn man heute von Enkes Krankheit weiß, erscheinen seine Leistungen als Torwart fast unmenschlich. Gleichzeitig haben sie die Menschen in seinem Umfeld getäuscht; sie hatten keine richtige Chance, in die andere, dunkle Welt des Torhüters zu schauen. „Wir haben alle gedacht: Es kann ihm ja nur gut gehen, wenn jemand so Fußball spielt“, sagt Lienen.

Tabus aufbrechen

Der Trainer weiß, dass Depressionen genau wie Alkoholismus und Homosexualität Tabuthemen sind im deutschen Profifußball. „Man denkt immer: Wenn einer Fußball spielt, dann kann er keine Depressionen haben.“ Lienen hat keine fertigen Antworten parat, es sind eher Fragen und ein Wunsch: „Wir müssen die Tabus aufbrechen. Es kann doch nicht sein, dass der deutsche Außenminister und der Regierende Bürgermeister von Berlin ganz offen mit einem Thema wie Homosexualität umgehen können in der Gesellschaft, dass das im Fußball aber nicht klappt.“

Lienen hat wie so viele Menschen, die Robert Enke nahe standen, in den vergangenen Tagen darüber nachgedacht, ob und wie man den Torwart von seinem gewählten Weg hätte abbringen können. Das nicht gekonnt zu haben, macht ohnmächtig. „Wahrscheinlich hätte er sich mir nicht geöffnet“, sagt Lienen, „aber vielleicht wäre da irgendein Zeichen gewesen, irgendetwas, bei dem ich hellhörig geworden wäre.“

Ewald Lienen sagt: „Es hat am Ende unendlich weh getan, dass man nicht mitbekommt, wie ein Mensch in so eine Notlage kommt.“