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Hannover 96 Wie Slomka bei Hannover 96 ein Erfolgstrainer wurde
Sportbuzzer Hannover 96 Wie Slomka bei Hannover 96 ein Erfolgstrainer wurde
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13:15 08.03.2011
Von Heiko Rehberg
96-Trainer Mirko Slomka hat allen Grund zur Freude. Quelle: Ulrich zur Nieden

Beim Torjubel bleibt Mirko Slomka nie lange alleine. Der Trainer des Fußball-Bundesligisten Hannover 96 ist jemand, der Treffer seiner Mannschaft sehr emotional feiert, fast wie ein Spieler. Doch Slomka kommt meist nie weit bei seinem Jubellauf in dem Rechteck vor der Bank, das sein Arbeitsbereich ist, denn Norbert Düwel und Nestor el Maestro sind Sekunden später schon da. Seine Assistenten fangen ihn ein und bilden mit Slomka eine innige Jubeltraube. Es sind schöne Bilder, der Gegner ist stets ein anderer, das Trio aber findet bei 96-Toren immer auf die gleiche Weise zusammen.

Slomka genießt diese Momente. Wenn Jürgen Klopp nicht wäre, der Tabellenführer Borussia Dortmund zu einer atemberaubenden Mannschaft geformt hat, dann wäre Slomka der Trainer der Saison. Der 3:1-Sieg mit 96 gegen die Bayern war für ihn wie eine Meisterprüfung, was vielleicht etwas irritierend klingt für einen Trainer, der mit Schalke 04 im Jahr 2007 fast Meister geworden wäre und den Klub ein Jahr später ins Viertelfinale der Champions League geführt hatte. Aber Schalke zum damaligen Zeitpunkt war eine Mannschaft auf dem Leistungshöhepunkt. Man konnte als Trainer dort nicht viel falsch machen. Dass Slomka nach seiner Entlassung im April vor drei Jahren 21 Monate arbeitslos blieb, hatte auch mit der Schwierigkeit zu tun, seine Arbeit bei Schalke richtig einzuschätzen.

Auch 96 tat sich schwer, Slomkas Trainerqualität zu beurteilen, als die Mannschaft im Januar 2010 am Boden lag, auf die 2. Liga zusteuerte und ein Trainerwechsel die letzte Chance schien. Slomka war nicht der Wunschtrainer von 96, die „Roten“ wiederum waren trotz der Verbundenheit zu seiner Heimatstadt nicht Slomkas bevorzugte Adresse; der 43-Jährige hätte sich schon lieber bei einem Klub mit Ambitionen gesehen. 96 hatte damals keine Ambitionen, 96 wollte irgendwie drinbleiben in der 1. Liga.

15 Monate später hat Hannover die Gewissheit, damals das Richtige getan zu haben, denn Slomka hat Beachtliches geschafft. Mit Schalke Erfolg zu haben war möglicherweise ein überschaubares Kunststück, mit 96 den 3. Tabellenplatz zu erobern ist dagegen unstrittig ein kleines Meisterwerk, auch wenn es noch nicht fertig ist. Doch selbst wenn Slomka mit 96 in den restlichen neun Partien noch an der Europa League vorbeischrammen würde – wofür es angesichts der Konstanz der Mannschaft keine Anzeichen gibt –, wäre die Saison trotzdem ein Erfolg. Auch für ihn als Trainer.

Eine gewisse Skepsis in den Medien begleitet Slomka noch immer, was auch damit zu tun hat, dass der Trainer Reportern manchmal oberlehrerhaft begegnet. Den Beweis der Nachhaltigkeit seiner Arbeit muss er noch erbringen, aber was bislang zu erkennen ist, verdient ungeteilten Respekt. Slomka hat einer eher durchschnittlichen Elf ein taktisches Korsett verpasst, das die Stärken des 96-Kaders zum Funkeln bringt und die Schwächen kaschiert. Das ist eine große Leistung und verweist direkt auf Slomkas größte Stärke: Der Trainer ist ein erstklassiger Analytiker.

Die beste Analyse wäre nutzlos, ohne den Mut sie umzusetzen. Slomka hat diesen Mut, beispielhaft zu erkennen an der Beförderung von Torwart Ron-Robert Zieler zur Nummer 1. Mut gehört auch dazu, wenn es darum geht, über den eigenen Schatten zu springen wie bei Jan Schlaudraff. Der Mittelfeldspieler war auch bei ihm nicht mehr für eine tragende Rolle vorgesehen, bekam trotzdem eine neue Chance – und plötzlich scheint es zu passen mit 96 und Schlaudraff.

Auffällig ist, dass sich Slomka in den vergangenen Wochen zurückgenommen hat und den Spielern die Erfolgsbühne überlässt, was im Team gut ankommt. Slomka hat einen Lernprozess hinter sich, in Interviewfallen wie vergangenes Jahr, als er vor der 0:7-Pleite in München über seine Rück- und Vorhand beim Tennis erzählte, tappt er nicht mehr.

Dabei hat Slomka derzeit vieles, auf das er stolz sein darf, zum Beispiel seine Bilanz: Von 120 Bundesligaspielen als Trainer hat er 62 gewonnen. Eine ähnlich gute Statistik haben Ottmar Hitzfeld, Udo Lattek und Otto Rehhagel. In dieser Reihe genannt zu werden schmeichelt jedem Trainer.

Slomkas Erfolgsgeheimnisse

Platz 3, die Europa League in Sicht, und selbst die Champions League scheint plötzlich möglich. Hannover 96 überholt sich derzeit selbst und lässt die Konkurrenz staunen, was zwangsläufig zu der Frage führt: Wie hat Trainer Mirko Slomka das angestellt? Ein Blick auf seine Erfolgsgeheimnisse.

Das Training: Gemeinsam mit seinen Assistenten Norbert Düwel und Nestor el Maestro entwickelt Slomka jede Woche Übungen, die die Spieler aus dem Trott der Gewohnheit reißen. Für Profis ist nichts schlimmer als ein Training, bei dem sie wissen, an welchem Tag welche Übung auf dem Programm steht. Slomkas Training ist variabel und überraschend, manchmal auch unkonventionell wie zum Beispiel die Übung mit der sogenannten „Zehn-Sekunden-Regel“. Dabei geht es darum, zehn Sekunden nach der Balleroberung einen Angriff zu Ende zu bringen. Gegen Bayern war schön zu sehen, wie 96 diese Übung umsetzt, das schnelle Konterspiel der „Roten“ ist derzeit das beste in der Liga.

Der Maßanzug: Taktik ist für eine Fußballmannschaft wie ein Anzug, der exakt passen muss. Viele Trainer machen dabei den Fehler, einen noblen Anzug zu kaufen, der prächtig aussieht, von dem sie aber später feststellen müssen, dass er für ihre Elf zu groß ist. Slomkas Taktikanzug passt zu 96 wie maßgeschneidert. 96 hat Spieler, die individuell gegen viele Gegner keine Chance hätten. Aber richtig auf dem Rasen zusammengestellt sehen diese Spieler besser aus, als sie eigentlich sind. Dazu muss ein Trainer sehr genau über Stärken und Schwächen eines jeden Profis Bescheid wissen – der Analytiker Slomka ist in dieser Hinsicht bestens informiert.

Die Fitness: Vor allem die Spitzenvereine, die 2010 in Südafrika viele WM-Spieler abstellen mussten, hatten in der Hinrunde Startnachteile, weil diese Profis physisch und psychisch müde waren und erst spät ins Training einstiegen. 96 konnte optimal trainieren und in dieser Anfangsphase den Akku aufladen. Davon profitiert die Mannschaft noch heute, auch wenn die Konkurrenz in dieser Hinsicht mittlerweile aufgeholt hat. Woran man den Fitnessstand einer Mannschaft erkennt? Früher hing 96 in den Schlussminuten oft wie ein ausgelaugter Boxer in den Seilen. Heute startet die Mannschaft überfallartige Konter, als ob ein Spiel gerade angepfiffen wurde.

Der Teamgeist: Auch wenn dieser Punkt später noch einmal auf die Überprüfungsliste kommt, um zu schauen, ob der Teamgeist erfolgsunabhängig ist oder doch nur ein Begleiter in Sonnentagen: Momentan ist die 96-Mannschaft beseelt von einer harmonischen Stimmung. In der Mannschaft gibt es keine Eifersüchteleien und – anders als in der Vergangenheit – keine Grüppchenbildung. Slomka hat mit vielen Gesprächen für dieses Wohlfühlklima gesorgt.

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