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Hannover 96 Wie geht es weiter mit dem Traditionsverein?
Sportbuzzer Hannover 96 Wie geht es weiter mit dem Traditionsverein?
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00:27 01.05.2015
Das 96-Logo am Vereinsheim. Quelle: Michael Thomas
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Darum geht es: Die Profis und der Verein

Das kommerzielle Hannover 96 besteht aus mehreren Gesellschaften, zwei sind von entscheidender Bedeutung. Die 96 GmbH  & Co. KGaA ist das Profiunternehmen, getragen wird es von der 96 Sales & Service GmbH & Co.KG (S&S). Zu ihr gehören nun 100 Prozent an dem Profibereich. Das Gesellschafterkapital der S&S beträgt rund 25 Millionen Euro. Den größten Teil hält Hörgeräteunternehmer  Martin Kind mit 27 Prozent, gefolgt von Modeunternehmer Detlef Meyer und dem Drogerieunternehmer Dirk Roßmann. Die Madsack Mediengruppe besitzt 2,77 Prozent der Anteile. Kind ist in beiden Kapitalgesellschaften der Geschäftsführer. 2017 will Kind diese Posten aufgeben und in den Aufsichtsrat der KGaA wechseln.

Mit mehr als 20 000 Mitgliedern ist Hannover 96 zahlenmäßig der mit Abstand größte Sportverein der Landeshauptstadt. Da aber heißt es, genauer hinzuschauen: In den Abteilungen sind derzeit 3167 Sporttreibende eingeschrieben, hinzu kommen 3866 sogenannte passive Mitglieder. Beim Rest handelt es sich um Fördermitgliedschaften – sie wurden in der Regel aus Verbundenheit zur Fußball-Bundesligamannschaft der „Roten“ eingegangen. Auch das ist eher ungewöhnlich: Die meisten Mitglieder haben nicht traditionelle Sparten wie Fußball (546) oder Triathlon (324, derzeit besteht ein Aufnahmestopp aufgrund fehlender Schwimmhallenzeiten), sondern die Sparte Fit & Kids (1566). Im Jahr 2004 zählte 96 rund 2000 Mitglieder – im Kern hat sich also nicht viel getan. Die Sparte Tradition eingerechnet, gibt es derzeit zwölf Abteilungen, die kleinste davon Dart mit 15 Mitgliedern.

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Sind der Traditionsverein und die Profisparte jetzt endgültig getrennt?

Es ist recht kompliziert, aber im Kern kann man sagen: Ja. Dem Hannover 96 e.V. gehörten zuletzt noch 15,66 Prozent der Anteile an der Hannover 96 GmbH & Co. KGaA, die den Profifußball betreibt. Diese Anteile sind nun im September 2014 für 3,5 Millionen Euro auch verkauft worden. Zwar haben einige Mitglieder auf der 96-Jahreshauptversammlung am Montag versucht, das Geschäft anzufechten; sie scheiterten aber an Formalien. Ganz raus ist der Stammverein trotz der Anteilsabgabe jedoch nicht: Er besitzt weiter 100 Prozent der Stimmanteile an der Hannover 96 Management GmbH, zu deren Aufgaben es gehört, die Geschäftsführung der Profigesellschaft zu berufen. Vor 2018 ändert sich daran nichts, dafür sorgt die sogenannte 50+1-Regel der Deutschen Fußball-Liga. Ihr zufolge ist es nicht ausschlaggebend, wer Kapitaleigner ist, sondern wer die Stimmenmehrheit besitzt. Eine von Martin Kind 2011 erwirkte Regelung besagt jedoch: „Privatgesellschaften dürfen einen Bundesligisten mehrheitlich übernehmen, sobald sie diesen 20 Jahre erheblich gefördert haben.“ Kind gehörte 1998 zu den Gesellschaftern, die Hannover 96 vor der Insolvenz gerettet haben. 2018 könnte die Profisparte also völlig unabhängig agieren – und Kind behielte auch ohne Vereinsamt die Zügel in der Hand.

Was bedeutet die wirtschaftliche Konstruktion konkret?

Für den Breitensport bei 96 ändert sich nichts. Die Abteilungen müssen ihre Aufwendungen selbst finanzieren. Sie profitieren jedoch davon, zu 96 zu gehören, da die Beiträge aller Förder- und Passivmitglieder in die Amateurabteilungen fließen. Nach Auskunft von Geschäftsführer Frank Feldmann sind das jährlich insgesamt 900 000 Euro. Die Profiaktivitäten sind in der 96 GmbH & Co. KGaA organisiert. Sie gehört nun wiederum allein der Sales & Service GmbH & Co. KG. Der Vorteil dieser Rechtsform besteht vor allem darin, dass die volle Haftung für die Verbindlichkeiten der Gesellschaft bei der GmbH liegt, für die nur ein Mindestkapital von 25 000 Euro vorgeschrieben ist. Die Anteilseigner von 96 bleiben als Kommanditisten im Fall einer Pleite dagegen weitgehend ungeschoren. Diese rechtliche Konstruktion findet sich bei etlichen Bundesligaclubs, aber auch bei privaten Unternehmen.

Was steht in der Grundsatzvereinbarung?

Der Stammverein und die beiden Kapitalgesellschaften KGaA und Sales & Service (S&S) haben im Zuge des Anteilsverkaufs des gemeinnützigen Vereins einen Grundlagenvertrag geschlossen, der 15 Seiten umfasst, laut Martin Kind „nicht kündbar“ ist und viele kleine Details regelt, aber auch drei wichtige Eckpunkte: Verein und Profisparte haben den gleichen Außenauftritt, der Verein kann alle Markenrechte von 96, die bei der S&S liegen, kostenlos nutzen. Sollte eine der Kapitalgesellschaften insolvent werden, würden die Markenrechte an den Verein fallen. Geregelt ist außerdem, dass das Geld aus den Fördermitgliedschaften an den Verein geht. Zudem erhält der Verein zwei Mandate im Aufsichtsrat der KGaA.

Wer hat eigentlich mit wem verhandelt?

96-Präsident Martin Kind. Quelle: dpa

Eigentlich hat Martin Kind mit Martin Kind darüber verhandelt, für wie viel Geld die Anteile verkauft wurden – einerseits als Vorstandsvorsitzender, andererseits als Haupteigner der kommerziellen Gesellschaft und deren Geschäftsführer. Faktisch, sagt Kind, sei das natürlich nicht so gewesen: „Ich habe an den Verhandlungen bewusst nicht teilgenommen.“ In die Verhandlungen waren demnach die anderen Vorstandsmitglieder des Stammvereins involviert. Dass Kind nicht nur Clubchef, sondern auch Geschäftsführer aller Gesellschaften im komplizierten 96-Konstrukt ist, liefert Kritikern immer wieder einen Grund, seine Rolle bei den „Roten“ zu hinterfragen. Der 71-Jährige beruft sich auf seinen Grundsatz: „Für mich ist Verantwortung nicht teilbar.“

Ist der Verein jetzt verschuldet?

Das vergangene Jahr hat Hannover 96 e.V. mit einem Überschuss von rund 2,6 Millionen Euro abgeschlossen. Dazu trug maßgeblich der Anteilsverkauf bei, der mit einem Verkaufspreis von 3,5 Millionen Euro zu Buche schlug. Der Buchwert habe 1,25 Millionen Euro betragen, hieß es auf der Jahreshauptversammlung. Vorstandsmitglied Ralf Waßmann sagte: „Diese Zahlen müssen jeden hier im Raum mit Stolz erfüllen.“ Teile der aktiven Fanszene sind der Meinung, die Anteile seien unter Wert veräußert worden. Der Verein profitiert jährlich zudem von einer Rückstellung in Höhe von 500 000 Euro, die ausschließlich aus Beiträgen resultiert, die fördernde Mitglieder zahlen – das sind immerhin mehr als 13 000.

Was hat die Jahreshauptversammlung beschlossen?

Sie hat Vorstand und Aufsichtsrat entlastet – und deren Beschlüsse damit abgesegnet. Allerdings gab es bei der Entlastung des Vorstands zahlreiche Gegenstimmen. Zudem gab es bemerkenswerte Anregungen. Dazu gehört der Vorschlag von Anwalt Andreas Hüttl, einen Fanbeirat zu gründen, um im Fußball den Anliegen der 96-Anhänger bei den Verantwortlichen im Leistungsbereich mehr Gehör zu verschaffen. Martin Kind wartete mit zwei überraschenden Ideen auf: So könne der Stammverein an einer künftigen Kapitalerhöhung teilhaben. Für den Fall, dass die Profigesellschaft Anteile wieder abgeben sollte, sei ein Vorkaufsrecht für den Stammverein eine Option.

Ist das neue Sportzentrum Stammestraße für alle offen?

Neue Heimat: Der Entwurf für das Gebäude Stammestraße. Quelle: Jens Gehrcken

Das Zentrum soll von Mai 2017 an einem Großteil der Sparten bessere Trainings- und Wettkampfbedingungen bieten. Rund 450 Quadratmeter wird die Sporthalle umfassen, was besonders Badminton- und Tischtennisspielern nützt. Sie bekommen zusätzliche Trainingszeiten, da sie bisher gemietete Stunden in gemieteten Hallen behalten wollen. Leichtathleten trainieren weiterhin im Erika-Fisch-Stadion, können im neuen 96-Zentrum zusätzlich Kraft, Ausdauer und Athletik trainieren. Das gilt auch für die Triathleten, die auf ein Schwimmbecken aber verzichten müssen. Dart, Tischfußball und Schach ziehen an die Stammestraße. Die 18 Sportkegler bekommen nach derzeitiger Planung indes keine Kegelbahn. Die Abteilung Fit & Kids soll auch künftig stadtteilbezogen angeboten werden, um Eltern und Kindern weite Wege zu ersparen.

Wie reagieren die Sparten?

Viele sehen die Entwicklung positiv, weil das neue Zentrum an der Stammestraße mehr Möglichkeiten eröffnet. „Wir können künftig auch vormittags Trainingszeiten anbieten und müssen abends nicht um 22 Uhr aus städtischen Hallen raus“, sagt Hansi Teille, Leiter der Tischtennisabteilung. Auch Steffen Brand betont für die Badmintonsparte die Notwendigkeit zusätzlicher Hallen, man sei an der Kapazitätsgrenze. „Ohne den Verkauf der Vereinsanteile wäre ein Projekt wie an der Stammestraße wohl schwer möglich gewesen.“

Was wird aus der Clausewitzstraße?

Das alte Clubheim an der Clausewitzstraße erhält der Hockey-Club Hannover (HCH). Der Verein hätte mit seinem Gelände in der Eilenriede mitten in dem Bereich gelegen, in dem von Sommer an das neue 96-Nachwuchsleistungszentrum entstehen soll. Das führt nun praktisch zu einem Platztausch: Der rund 400 Mitglieder starke HCH räumt sein Gelände für die „Roten“, 96 tritt seinerseits einen Teil des alten Grundstücks an den HCH ab. Das 96-Profiunternehmen KGaA hat dem HCH für den Tausch „viel Geld“ (Zitat Martin Kind) gezahlt, zudem bekommt der HCH dem 96-Chef zufolge neben dem teilweise maroden alten Vereinsheim, das wohl abgerissen wird, die Tennisplätze von 96 und einen Rasenspielplatz. Der Pächter der alten Vereinsgaststätte wechselt mit 96 in die Stammestraße.

Wozu gehört künftig der 96-Nachwuchs?

Wird zum Nachwuchszentrum umgebaut: Das alte Eilenriedestadion. Quelle: Michael Thomas

Zum 96-Profiunternehmen KGaA gehörte bisher bereits das Nachwuchsleistungszentrum. Künftig sollen außer der Bundesligamannschaft und der U23 auch alle anderen Fußballjugendteams dort eingegliedert werden – mit Ausnahme der Frauenelf, der Ü40 und der Traditionsmannschaft. Das ist zumindest der Plan, der laut Martin Kind allerdings noch einer genauen finanzrechtlichen Überprüfung bedarf.

Gibt es Sparten, die schließen (müssen)?

Die Tennisabteilung könnte ein Opfer der neuen Organisation sein. An der Clausewitzstraße stehen sechs Sandplätze für rund 100 Mitglieder, von denen nur die Hälfte aktiv ist, bereit. Die meisten Spieler kommen aus Südstadt, List und Kleefeld, der Weg in die neue 96-Heimat nach Ricklingen wäre für die meisten nicht attraktiv, zumal sie in der Nähe unter mehreren neuen Clubs wählen könnten. Abteilungsleiter Daniel Fraatz sagte, etliche Mitglieder hätten einen Wechsel bereits angekündigt. Spätestens 2017, wenn der HCH das Gelände an der Clausewitzstraße übernimmt, hat die 96-Tennisabteilung keine Plätze mehr – wenn es nicht doch einen Wechsel an die Stammestraße gibt. „Aber die werden uns kaum Plätze bauen, wenn wir da mit zehn Mitgliedern ankommen“ glaubt Fraatz. „Uns droht leider die Auflösung.“ Man habe ohnehin das Gefühl gehabt, man werde im Club nur noch geduldet. Martin Kind sagt, dass es möglich sei, in der Stammestraße Tennisplätze zu bauen. Die Frage sei eben, ob es auch sinnvoll sei, angesichts nur noch weniger Aktiver. Er wolle das aber mit der Tennisabteilung „ergebnisoffen diskutieren“.

Von Norbert Fettback, Heiko Rehberg, Gunnar Menkens und Albrecht Scheuermann

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