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Hannover 96 Wer macht hier jetzt Stimmung?
Sportbuzzer Hannover 96 Wer macht hier jetzt Stimmung?
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00:15 01.03.2015
Von Gunnar Menkens
Bunt, laut, friedlich – und ohne Rufe gegen den eigenen Clubchef: So wünschen sich die Spieler und die Verantwortlichen die Stimmung bei Heimspielen von Hannover 96. Gegen Stuttgart soll ein Neuanfang versucht werden. Quelle: imago Sportfotodienst
Hannover

Fans des Fußballclubs Hannover 96 leben derzeit im Glück. Sie haben ligaweit die kürzeste Anreise zu Auswärtsspielen, der Weg ins Stadion am Maschsee genügt. Vorm Anpfiff versuchen tapfere Verantwortliche noch, diesen Umstand zu übertünchen, sie spielen die Vereinshymne mit diesem trügerischen Text („Niemals allein ...stark wie eine Wand ...“), am Mikrofon rüstet der Stadionsprecher auf („Das ist unsere Stadt, unser Verein ...“), ganze Stadionblöcke strecken grün-weiße Schals in den Himmel, die Mannschaft läuft in Heimspieltrikots auf. Alles schöner Schein.

Fußballtennis, Gymnastik und unausgeschlafene Stürmer: Bilder vom aktuellen Training von Hannover 96.

Bis zum Anstoß. Dann sind sie da, lärmend, oben unter dem Dach in einem Abschnitt, der früher Gästeblock hieß. Puppenstädter aus Augsburg, Karnevalisten aus Mainz, Paderborner Jungs. Schon handelsübliche Verbalchoreografie genügt, um über lange Strecken einer Partie in der HDI-Arena Einheimische an Lautstärke weit zu übertrumpfen. Seit Monaten geht das so, Clubchef Martin Kind sagt: „Wir haben ein deutliches Problem mit der Stimmung.“ Es liegt nur zum Teil daran, dass fundamentalistische Ultras ihre Zeit lieber am Spielfeldrand unterer Ligen verbringen.

Neue Fangruppe „Pro Stimmung“

Dass auch weiteren 5000 Fans in der Nordkurve die Begeisterung vergangener Spielzeiten fehlt, hat mindestens zwei weitere Gründe. Viele haben dem Club nicht verziehen, das Auswärtsspiel gegen Eintracht Braunschweig verpasst zu haben, obwohl sie im Kartenstreit vor Gericht gewonnen hatten. Wenig hilfreich war nach Einschätzung von Szenekennern zudem die Entscheidung des Vereins, die ehemals freie Sitzplatzwahl in zwei Blöcken aufzuheben. Nun ist jeder Sitzschale ein Dauerkartenbesitzer zugeordnet, wie in anderen Bereichen üblich.

Stimmungsmacher: Christopher Garcia (l.)und Jörn Hesse-Stegmann. Foto: Surrey

An der fehlenden Stimmung stören sich auch Jörn Hesse-Stegmann, 30 Jahre alt, und der 25-jährige Christopher Garcia. Sie sind dabei, eine Fangruppe zu gründen, um der Mannschaft auf dem Platz zu helfen. „Pro Stimmung“ nennen sie sich, distanzieren sich von Pyrotechnik, Krawallen, Hass und den negativen „Kind muss weg“-Rufen. Hesse-Stegmann wünscht sich, „dass andere Fans mitziehen, wenn wir ein Lied ansingen“.
Das soll vielleicht schon am Sonnabend gegen Stuttgart, spätestens aber zum Dortmund-Spiel Ende März klappen. Vor der Heimpleite gegen Paderborn (1:2) verteilten sie bereits Flyer in der Nordkurve, ihr Logo zeigt ein Megafon vor hannoverscher Stadtkulisse.

Ohne Megafon kein Gehör im Stadion

Und da beginnt das Problem. Der offizielle Fanbeauftragte von Hannover 96, Johannes Seidel, hat der Gruppe den Wunsch abgeschlagen, sich mit einem Megafon in die Kurve zu stellen. „Megafone verstoßen gegen die Stadionordnung. Bei einer Sicherheitsbesprechung haben wir vor Beginn der Saison entschieden, keine Megafone zuzulassen“, sagt Seidel. Der Verein müsse wissen, wem er solche Verstärker anvertraue, müsse die Leute kennen, damit nicht plötzlich irgendwelche Parolen gerufen würden. Weil es keine Megafone gibt, kann auch keine Fangruppe versuchen, lautstark Stimmung anzuheizen, selbst wenn sie es wollte. Nur aus der Nordkurve heraus gelingt es meist, die Menge im Stadion mitzuziehen.

Seidel bezweifelt außerdem, dass neue, noch kaum bekannte Gesichter von etablierten Fangruppen akzeptiert würden. Bei „Pro Stimmung“ will er abwarten, bis sich Anfang März der angekündigte Verein gründe. „Pro Stimmung“ ist laut Hesse-Stegmann übrigens nicht zu verwechseln mit den Gruppen „Pro Stimmung im Stadion“ und „Stimmung im Niedersachsenstadion“. Die Fanwelt ist nicht immer einfach zu durchblicken.

Am Sonnabend kommt es gegen den 
VfB Stuttgart zu einer Art Abstiegskampf im Stadion. Er wird einige Tausend Schwaben mitbringen. Stadionchef Thorsten Meier hofft auf neues Stehvermögen der Hannoveraner, Trommeln immerhin sind im weiten Rund vertreten: „Die Leute müssen beim Anfeuern durchhalten, nicht immer nur drei, vier Minuten Stimmung machen. Da entsteht immer eine Lücke.

Appell von Dufner: Bitte unterstützt uns

Zusammenhalt ist gefragt. Die Bedeutung des Spiels am Sonnabend ist riesengroß. Es ist zwar nicht die entscheidende Partie im Kampf um den Klassenerhalt, aber die Begegnung der „Roten“ gegen den VfB Stuttgart am Sonnabendachmittag in der HDI-Arena (Beginn ist um 15.30 Uhr) hat mehr als nur richtungweisenden Charakter. Der weitere Absturz von Hannover 96 in der Tabelle muss mit aller Macht gestoppt werden. „Das Spiel ist eminent wichtig“, sagt 96-Sportdirektor Dirk Dufner, „es ist ein Spiel, bei dem man schon einmal schwitzige Hände bekommen kann.“

Dufner und auch Trainer Tayfun Korkut wissen, welch große Rolle den Zuschauern auf dem Weg zum bitter nötigen „Dreier“ zukommt. 96 braucht ihre Hilfe und hofft auf ein Zusammenrücken von Mannschaft und Fans – etwas, das in Hannover jahrelang gang und gäbe, zuletzt aber bei Weitem nicht mehr der Fall war. „Es ist für die Mannschaft elementar wichtig, in solch einer eher schwierigen Situation die Unterstützung der eigenen Anhänger zu haben“, sagt der Sportdirektor. „Wir würden uns alle unglaublich freuen, wenn wir von der ersten Sekunde an totale Anfeuerung bekommen.“

Erst 36.500 Tickets verkauft

Das könne die Mannschaft beflügeln, sagt Dufner weiter. „In dieser Saison war die Interaktion zwischen Mannschaft und Publikum vielleicht nicht immer herausragend“, sagt der 48-Jährige. „Es würde der Mannschaft sicherlich einen unglaublichen Push geben, wenn sie spüren würde, dass das Publikum ihr sofort den Eindruck geben würde, dass es ihr unbedingt helfen will.“ Auch 96-Profi Leon Andreasen sagt: „Es ist wichtig für uns, den zwölften Mann im Rücken zu haben.“

Das bisher eher enttäuschende Interesse der Hannoveraner an dieser durchaus schicksalhaften Begegnung – bis am Donnerstagabend waren erst 36.500 Tickets verkauft – will Dufner nicht überbewertet sehen. „Wir hätten das sicherlich gerne anders, aber wir können es nicht ändern“, sagt er. „Wir freuen uns aber über die, die kommen. Wenn die mit aller Leidenschaft die Mannschaft unterstützen, dann soll uns das auch recht sein.“
Und wenn man dann mithilfe der Zuschauer ein richtig gutes Spiel abliefere, dann kämen beim nächsten Spiel mit Sicherheit mehr und beim übernächsten noch einmal mehr – was allerdings in den nächsten Heimspielen gegen die Publikumsmagneten Bayern München 
(7. März) und Borussia Dortmund 
(21. März) ohnehin kein Problem ist.

Was Dufner meint: 96 will die eigenen Anhänger auch gegen weniger attraktive Gegner dauerhaft zurück ins große hannoversche Fußballboot holen. „Daran wollen wir hart arbeiten“, sagt Dufner. „Schön wär’s, wenn wir bei dem, was die Mannschaft vorhat, alle Unterstützung bekämen.“

Jörg Grußendorf

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Norbert Fettback 28.02.2015