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Fußball-EM 2012 Der Fluch des Goldenen Schuhs
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20:32 20.06.2012
Von Heiko Rehberg
Sich von der Last der Erwartungen zu befreien, ist nicht einfach. Doch Thomas Müller lässt sich nicht davon aus der Fassung bringen, dass ihm derzeit nicht alles gelingt. Quelle: imago sportfotodienst
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Danzig

Vor zwei Jahren, bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika, waren Pressekonferenzen mit Thomas Müller mindestens so amüsant wie die Spiele der deutschen Nationalmannschaft. Müller kalauerte sich durch das Turnier, wenn es nach den Reportern gegangen wäre, dann hätte der Münchener jeden Tag kommen dürfen. Es gab immer viel zu lachen, die Blöcke waren voll mit lustigen Sprüchen, von denen keiner auswendig gelernt wirkte, sondern alles spontan. Und Tore schoss der junge Mann mit dem in dieser Hinsicht verpflichtenden Namen außerdem, fünf waren es am Ende des Turniers, was ihm den Goldenen Schuh für den besten WM-Torjäger einbrachte.

Bei der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine hat sich Müller bislang rar gemacht, in den Pressekonferenzen und im Strafraum. Gestern hatte er seinen ersten öffentlichen Auftritt, bis auf einen typischen Müller-Satz („Deutsche Frauen gehören ja auch zu Deutschland dazu“) gab es von ihm nichts Lustiges zu berichten. Im Gegenteil. Müller hatte ein ernstes Anliegen. Und er wollte seinem Ärger der vergangenen Tage Luft machen.

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„Mir kommt es so vor“, sagte der 22-Jährige, „dass wir uns, selbst wenn wir den EM-Titel holen, schämen müssen.“ Kurze Stille, wie eine Wolke schien der Satz durch das große Zelt zu schweben, aber Müller ist jemand, der solche Situationen auflösen kann. „Ich finde es komisch, dass bei uns sehr viel nach Fehlern gesucht wird, obwohl wir mit neun Punkten die Erwartungen übertroffen haben“, sagte er und beschrieb sein Gefühl, dass die Medien auf die „Euphoriebremse“ treten würden, sozusagen das Kontrastprogramm zu dem, was bei der Nationalmannschaft vom Stimmungsbild von den Fanmeilen ankomme: „Die Medien könnten ruhig ein bisschen positiver resümieren, ich hoffe in den kommenden Tagen auf mehr Euphorie.“ Der Fluch der Erwartung: Das ist das Thema, mit dem sich die deutsche Mannschaft vor dem morgigen EM-Viertelfinalspiel gegen Griechenland in Danzig (20.45Uhr, live im ZDF) herumschlagen muss. Tatsächlich erscheint es „komisch“, wie es Müller nennt, wenn 14 Pflichtspielsiege hintereinander, einige davon äußerst glanzvoll, dazu führen, dass hinter jeden EM-Sieg ein kleines, unschönes „Aber“ gehängt wird.

Die Erwartungshaltung und ihre Folgen ist ein Thema, das Müller mehr beschäftigt als andere, vielleicht ist er deshalb besonders empfindlich, denn es ist in gewisser Weise auch sein persönliches Thema. „Ich habe bei der WM aufgebaut: Der Müller, der schießt Tore. Daran werde ich jetzt gemessen“, erzählte er gestern. Dass er selbst Tore „als grundsätzlich für mich nicht so wichtig betrachtet“, macht die Angelegenheit nicht einfacher.

Fünfmal hat er bei der WM vor zwei Jahren getroffen - und war darüber selbst überrascht. „Fünf Tore hätte ich nie für möglich gehalten“, sagte er, „da muss schon einiges an Fügung zusammenkommen.“ Wenn dann wie jetzt gegen Portugal (1:0), Niederlande (2:1) und Dänemark (2:1) Müller-Tore ausbleiben, dann bringt ihn das nicht aus der Fassung. Die Öffentlichkeit aber denkt: Mensch, der Müller ist auch nicht mehr das, was er mal war.

Sich von dieser Last zu befreien, ist nicht einfach für einen, der gerade mal 22Jahre alt ist und in allen drei Spielen gute Aktionen hatte, aber eine riesige Chance wie gegen Dänemark versiebt hatte.

Müller widerspricht nicht, als jemand die Behauptung aufstellt, 2010 wäre der Ball drin gewesen. Eine kleine Einordnung liefert er trotzdem. „Ich erwarte selbst von mir, dass ich da ein Tor mache“, sagte Müller.

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