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Fußball-EM 2012 Gomez schlägt nicht zurück
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17:15 11.06.2012
Von Heiko Rehberg
„Ich sehe das nicht als Attacke“: Mario Gomez ist der wahrscheinlich einzige Nationalspieler, der sich ständig rechtfertigen muss. Quelle: dpa
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Danzig

So wie ein guter Stürmer weiß, wann die Grätsche des Verteidigers kommt und es ratsam ist, hoch zu springen, so war Mario Gomez am Montag natürlich vorbereitet. Er wusste, welches Thema als Erstes auf den Tisch kommen würde und lächelte auf dem Podium im Pressezelt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft erwartungsfroh.

Mehmet Scholl, früherer Europameister, ARD-Fernsehexperte und interessanterweise wie Gomez Angestellter desFC Bayern München, hatte den Torschützen nach dem 1:0-EM-Auftaktsieg gegen Portugal ungewöhnlich hart kritisiert. Gomez war also klar, dass sich erst einmal alles um Scholls Einschätzung von Gomez’ Leistung („Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wund liegt und mal gewendet werden muss“) drehen würde.

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„Welche Überraschung“, sagte Gomez amüsiert, als der erste Fragesteller in die erwartete Richtung abgebogen war. „Mia san mia, die große Bayern-Familie“, fügte er leicht spöttisch an, für einen Augenblick konnte man denken, dass er jetzt zum Konter ausholt. Aber Gomez ist ein höflicher Mensch, und er erzählte lieber die kleine Geschichte, wie er und Scholl sich vor einiger Zeit beim Münchener Oktoberfest getroffen hätten.

Scholl habe ihn damals angesprochen, von dem großen Potenzial des Stürmers geschwärmt und dass er ihn als Experte nicht kritisieren wolle, so Gomez’ Darstellung, sondern dass es darum ginge, „dass ich das Letzte aus mir raushole“. In diese Reihe ordnete er auch Scholls Meinung am Sonnabendabend ein. „Ich sehe das nicht als Attacke“, sagte Gomez. Er könne noch was lernen, und das mache er gerne.

Der eine oder andere klagt über Gomez, dass er nicht elegant, nicht geschmeidig genug sei für den modernen Fußball. Wie der 26-Jährige am Montag mit dem delikaten Thema umging, das war von ausgesprochener Eleganz und großer Klugheit. Wie den Ball gegen Portugal mit dem Kopf hatte Gomez ein brisantes Thema einfach versenkt.

Vielleicht hat Gomez in diesem Fall sein großer Erfahrungsschatz im Umgang mit Kritikern und Kritiken geholfen. Ihm ist alles bekannt, weil es ständig aufkommt, wenn er mehr als zwei Spiele hintereinander mal nicht getroffen hat. „Mario lässt sich von so etwas nicht beeinflussen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw, „er ist schon öfter durch ein Tal der Schwierigkeiten gegangen und hat sich immer wieder rausmanövriert.“

Warum die fachliche Seite bei einem wie Gomez dabei immer etwas zu kurz kommt, ist durchaus interessant, weil andere, weit weniger erfolgreiche Spieler an schlechten Tagen selten derart schonungslos runtergeputzt werden. Vielleicht kommt er zu arrogant rüber, vielleicht kann er noch mehr, möglicherweise gibt sein fußballerisches Potenzial tatsächlich her, dass er sich auf dem Spielfeld gar nicht darauf beschränken muss, „am Ende der Kette“ zu stehen. Das erklärt aber nur unzureichend, warum Gomez der wahrscheinlich einzige Nationalspieler ist, der sich ständig rechtfertigen muss. Wie im Fall von Scholl sogar für etwas, das er gar nicht getan hatte.

Scholl hatte Gomez unterstellt, er habe sich zu wenig bewegt, und das war viel ärgerlicher als die Wortwahl. Denn der 26-Jährige hatte zwar bis zu seinem Siegtreffer einige unglückliche Aktionen, aber er war als Solist im Sturm viel in Bewegung, er half auch mal an der Mittellinie aus, beschäftigte wie vom Bundestrainer gewünscht den Portugiesen Pepe beim Aufbauspiel. Als er nach 70 Minuten den Konkurrenten Miroslav Klose am Spielfeldrand stehen sah, bereit zur Einwechslung, da ahnte Gomez, dass er gleich raus muss: „Ich wusste aber auch, dass ich noch eine Chance bekomme.“ Diese Chance war die abgefälschte Flanke von Sami Khedira, aus der er das Siegtor machte. „Das sollte so sein“, sagte Gomez.

Das Thema „Gomez oder Klose“ wird ihm trotzdem erhalten bleiben während des Turniers. „Es war noch nie so eng und für den Trainer so schwer“, sagte er, „wir wollen beide spielen, aber in unserem System gibt es nur Platz für einen.“ Und dann erzählte Gomez, wie Löw zu ihm gekommen sei, um zu begründen, warum er gegen Portugal den Vorzug bekomme: „Er hat gesagt, dass er sich so entschieden habe, weil ihm gefällt, wie ich mich in den vergangenen zwei Jahren entwickelt habe. Das hat mich gefreut.“

Gomez weiß, dass das keine Stammplatzgarantie ist, er weiß, dass Löw den acht Jahre älteren Klose schätzt. Auf die Frage, ob er daran zweifele, auch am Mittwoch gegen die Niederlande zu spielen, machte es Gomez aber trotzdem kurz: „Nein.“