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Olympia 2010 Kanada nach historischer Niederlage in Schockstarre
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17:54 22.02.2010
Entsetzt: Kanadas Puckjäger nach der Niederlage gegen Erzrivalen USA. Quelle: dpa
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Die Eishockey-Nation Kanada ist entsetzt, die olympischen Goldgräber sind vorerst entzaubert. „Jetzt spielt jeder ums Überleben. Wenn du verlierst, gehst du nach Hause“, sagte der ernüchterte Trainer Mike Babcock am Sonntag nach dem überraschenden 3:5 im „Nordamerika-Klassiker“.

Das schwer angeknockte „Team Canada“ konnte bei den Winterspielen von Vancouver die hohen Erwartungen eines gesamten Landes bislang nicht erfüllen. Nun droht die Gold-Mission zur Sackgasse zu werden: Bei einem Sieg gegen Deutschland steht schon im Viertelfinale der Giganten-Gipfel gegen Russland an. 2006 in Turin war gegen die Russen Schluss, Legende Wayne Gretzky vergoss danach Tränen.

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„Wir haben uns für den Umweg entschieden und werden uns gut darauf vorbereiten“, meinte Coach Babcock mit Blick auf die Zusatzschicht gegen die deutsche Mannschaft. Bundestrainer Uwe Krupp sprach von einer „großen Herausforderung“, Verteidiger Dennis Seidenberg meinte keck: „Wir haben nichts zu verlieren.“ Bei Olympia 1992 in Albertville hatte die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bunds (DEB) die Kanadier Viertelfinale schon am Rande einer Niederlage, doch im legendären Penaltyschießen blieb der Puck nach Peter Draisaitls Schuss auf der Torlinie liegen.

Die deutschen Medaillen-Gewinner von Vancouver

Der Pulsschlag im Eishockey-verrückten Kanada ist ohnehin längst erhöht, der Adrenalin-Ausstoß wird nach der Schlappe gegen die erstaunlich coolen US-Boys weiter steigen. Schon das letzte Vorrunden-Duell mit dem Nachbarn hatte einen ganzen Kontinent elektrisiert. Vor allem in den kanadischen Bars und Kneipen drängten sich die Fans zuhauf, die TV-Kanäle verzeichneten Höchstquoten.

In der Olympia-Stadt fieberten Tausende vor Riesen-Leinwänden beim Public Viewing mit. In den Straßen rund um das Canada Hockey Place gab es kaum ein Durchkommen mehr. Schwarzmarkt-Tickethändler hofften an der nahe gelegenen Bahnstation Chinatown auf das Geschäft ihres Lebens. Die Zuschauerränge im Eishockey-Tempel waren in ein Meer roter Kanada-Trikots getaucht, schon vor dem ersten Bully kochte die Halle.

Doch die „Go Canada go“-Rufe blieben den Fans bald im Halse stecken. Eiskalt schlugen die Amerikaner immer wieder zu, US-Keeper Ryan „Magic“ Miller wurde vor den Augen von Rekord-Olympiasieger Michael Phelps zum Alptraum für die „roten Riesen“. „Ryan war unglaublich, hat vier, fünf Mega-Paraden gehabt“, schwärmte Trainer Ron Wilson. „Das war eines der intensivsten Spiele meiner Karriere“, bekannte der Schlussmann, in Buffalo sonst Teamkollege von Jochen Hecht. „Die Kanadier in Kanada zu besiegen, ist etwas ganz Besonderes“, sagte Ryan Kesler. Er hatte mit einem akrobatischen Hechtsprung den Puck 45 Sekunden vor dem Ende zum entscheidenden 5:3 ins leere Tor gedrückt. „Sie haben unsere Fehler gnadenlos ausgenutzt“, klagte Kanadas Stürmer Rick Nash.

Wütend stapften die „Ahornblätter“ nach der Abfuhr in die Kabine, die meisten verweigerten frustriert einen Kommentar. Während die USA als Top-Team die Vorrunde beendeten und wie Titelverteidiger Schweden, Russland und Finnland das Direkt-Ticket fürs Viertelfinale buchte, müssen die Kanadier Überstunden gegen Deutschland machen. „Diesen Sieg muss man einfach von uns erwarten, und das macht auch jeder“, meinte Superstar Sidney Crosby. Auch Kapitän Scott Niedermeyer richtet sich auf einen beschwerlichen Weg ein: „Egal, wer jetzt kommt, es wird ein guter Gegner sein, und wir werden bereit sein müssen.“

dpa