Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Olympia 2012 Deutscher Achter gibt den Schlag vor
Sportbuzzer Themen Olympia 2012 Deutscher Achter gibt den Schlag vor
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 01.08.2012
Der Deutschland-Achter ist ins Finale eingezogen. Quelle: dpa
Anzeige
London

In Dorney, dem Dörfchen nahe Windsor, ist die englische Welt noch in Ordnung. Kleine Landhäuschen schmiegen sich artig aneinander, mit Heu beladene Traktoren tuckern übers Feld, und überall weiden Schafe. Sogar direkt am Dorney Lake, dem See des Eton College, das hier für satte 22 Millionen Euro eine Regattastrecke für seine Internatsruderer in die Landschaft gepflanzt hat. Doch die 300 Schafe dürften sich derzeit in ihrer Ruhe empfindlich gestört fühlen.

Am Dorney Lake ist die Hölle los. Knapp 20.000 enthusiastische Fans drängeln sich zum Auftakt der Ruderwettbewerbe auf den Stahlrohrtribünen, knapp 10 .000 stehen an der 2000-Meter-Strecke. Auf dem Schwarzmarkt werden Tickets für umgerechnet bis zu 500 Euro verkauft. Wohlgemerkt fürs Rudern. Für Vorläufe, morgens 9.30 Uhr. Mitten im Nirwana, etwa 90 Autominuten von Londons Innenstadt weg. „Das ist England, das Mutterland des Ruderns. Die saugen die Begeisterung dafür mit der Muttermilch auf. Bei der Henley-Regatta kommen sogar 100.000 Zuschauer“, sagt Oliver Palme. Der Sprecher des Deutschen Ruderverbandes (DRV) schwärmte mit Blick auf die Leinwände aber noch viel mehr von den sensationellen Bildern, die eine über der Strecke mitfliegende Kamera, die Fly-Camera, liefert: „Das ist eine Revolution, die größte Fly, die es je gegeben hat, Wahnsinn.“ Der Rudersport ist bei diesen Olympischen Spielen nach Hause zurückgekehrt.

Anzeige

Nur die Deutschen haben bislang nicht immer mitgespielt, am Wochenende brachten sie die britischen Fans sogar zum Schweigen. In dem Moment, als der Männer-Achter die Gastgeber mit einer dreiviertel Länge Vorsprung in den Hoffnungslauf schickte. „Das war das Rennen, auf das die Ruderwelt gewartet hat“, sagt Palme, „jetzt wird alles gut.“ Das seit 1446 Tagen unbesiegte DRV-Flaggschiff steuerte mit dem 35. Sieg im 35. Rennen direkt ins Finale am Mittwoch (13.30 Uhr).

Vergessen der Ärger um die willkürliche Setzliste, die die Deutschen auf den WM-Zweiten Großbritannien und Olympiasieger Kanada treffen ließ. Abgehakt das Gerücht, dass die Mächtigen des Ruder-Weltverbandes die Liste auf Geheiß der US-Sender so sortierten, dass die US-Amerikaner, die in diesem Jahr bisher kein Rennen bestritten haben, direkt ins Finale kommen. Für Ralf Holtmeyer, der den Achter 2008 nach dem Olympia-Desaster übernommen hat, bleibt die USA so die „große Unbekannte“. Doch der Bundestrainer wirkte gelöst. Er scherzte und lehnte sich – ganz untypisch – sogar aus dem Fenster: „Das war nah am Optimum. Jetzt wollen wir allem die Krone aufsetzen.“

Die deutschen Männer, die schon bei 1000 Metern mit einer halben Länge vorn lagen, aber offenbar nicht zufrieden waren, verordneten sich hingegen noch im Boot einen Maulkorb. Mit „Der-Bus-fährt“-Ausreden stapften sie an der kompletten Medienmeute vorbei. Siegen und schweigen. Holtmeyer, der davon selbst überrascht war, warb um Verständnis: „Sie wollen den Druck rausnehmen. Wir waren vorher der Favorit. Jetzt sind wir der Super-Super-Favorit.“

Der Achter wird dabei sicher weiter von der Begeisterung in Dorney getragen. Alle Wettkampftage sind ausverkauft. Nur die Schafe stört‘s.

Frauen-Achter nur Letzter:

Der deutsche Frauen-Achter hat zum Auftakt eine Enttäuschung erlebt. Das junge Team mit der Hannoveranerin Kathrin Thiem wurde im Vorlauf Letzter hinter den USA, Australien und Großbritannien. Morgen (11.30 Uhr) hat das Boot im Hoffnungslauf aber noch eine zweite Chance, das Finale zu erreichen.

Jens Kürbis

01.08.2012
Olympia 2012 Olympia: Schwimmen - Zünftig in die Hose
29.07.2012