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Olympia 2012 Die Silber-Jungs
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08:52 08.08.2012
Fabian Hambüchen freut sich über sein Silber am Reck. Erst ist am Dienstag nicht der einzige deutsche Silber-Junge. Quelle: dpa
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London

Nguyen („Lassen Sie einfach das ,g’ weg“, empfiehlt der Namensträger) hat im größten Kuppelbau der Welt die Turnwelt ein bisschen auf den Kopf gestellt. Im Londoner Millenium Dome, der von außen wirkt wie ein riesiger mit Zahnstochern garnierter umgestülpter Vanillepudding, hatte er am vergangenen Mittwoch im Mehrkampf eine Sensation vollbracht. Mit derselben Unbekümmertheit holte sich der zweifache Barren-Europameister gestern auch an seinem Spezialgerät eine Medaille ab. „Ich bin hierhergekommen, um eine Medaille mitzunehmen, irgendwie. Nun ist es zweimal Silber geworden, unglaublich“, sagt der perfekt frisierte junge Mann nach seiner mit 15,800 Punkten bewerteten Übung. Nur der Chinese Feng Zhe (15,966) fand mehr Gefallen bei der Jury.

Gut, dass Hedy Nguyen ihren Vierjährigen 1992 mit zum Mutter-Kind-Turnen nahm. Wer weiß, wo dieser sonst gelandet wäre. Aus Unterhaching kommen ja auch Bobpiloten und Eisstockschützen. Seinem vietnamesischen Vater, sagt Bundestrainer Andreas Hirsch, verdanke Marcel den „drahtigen Körperbau in asiatischer Leichtbauweise“. Diese Konstitution bewirkt, dass der Porsche-Fahrer am Barren Vollgas geben kann. „Marcels Übung hat keine Pause, er turnt viel dynamischer als seine Konkurrenten“, erläutert sein Trainer Valeri Belenki, mit dem Sowjetunion-Nachfolger GUS 1992 in Barcelona Mannschaftsolympiasieger.

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Belenki hat mit seinem Schützling lange an dessen Übung gefeilt. Er nahm Teile ins Programm und verwarf sie wieder, er puzzelte, bis der Schwierigkeitsgrad passte. „Die Übung hätte noch etwas schwerer sein können, doch wir sind lieber auf Nummer sicher gegangen“, verriet Belenki. Bis auf einen kleinen Wackler beim Abgang ging diese Sicherheitspolitik auf.

Fabian Hambüchen hatte sich im Mehrkampf als Wackelkandidat präsentiert. Nach drei verpatzten Übungen und einem Abgang am Reck war der Wetzlarer auf Platz 15 abgestürzt. „Das ist nicht das Ende“, kündigte er vor dem Reckfinale an, für das er ein „brutal hohes Niveau“ voraussah. Der 24-Jährige, Fünfter von elf Finalisten, rotiert glänzend um die Stange, leistet sich beim Abgang nur einen „kleinen Hopser“ und ballt die Faust. Die Halle, in der deutsche Fans in der Mehrheit zu sein scheinen, tobt.

Der Chinese Zou Kai führt zu diesem Zeitpunkt mit 16,366 Punkten. Hambüchen wartet angespannt auf die Wertung: 16,400, das ist im Moment Gold. Anschließend macht sich Epke Zonderland bereit, und was dann folgt, stellt alles in den Schatten. Der Vizeweltmeister von 2010 und Europameister von 2011 wird zum fliegenden Holländer, er besitzt mit seiner spektakulären Übung eindeutig die Lufthoheit über der Stange.

Die Richter rechnen, Hambüchen hofft und ist kurz darauf der erste Gratulant. Zonderland wird für seine Flugshow mit 16,533 Punkten belohnt, jetzt ist er der umjubelte Star im Millenium Dome. „Diese Nummer macht ihm auf der ganzen Welt keiner nach“, meint Hambüchen anerkennend und ist mit Silber „voll zufrieden“.

Auch er hatte wie Nguyen am Vortag entschieden, die Höchstschwierigkeiten zu minimieren. „Es ist ein besseres Gefühl, die Übung zu turnen, die im Training immer klappt“, sagt Hambüchen, der, wie Bundestrainer Hirsch, erzählt, „im Mehrkampf ein richtiges Brett bekommen hat, an dem er zu knabbern hatte“. Gestern biss Hambüchen in eine Silbermedaille. Seine Welt ist wieder in Ordnung.

... und auch im Velodrom glänzt es silbern

Glänzender Olympia-abschluss der deutschen Bahnradsportler im von den Briten beherrschten Velodrom: Maximilian Levy hat mit Silber im Keirin den starken Auftritt der deutschen Bahnfahrer am Finaltag abgerundet. Der dreimalige Weltmeister aus Cottbus musste gestern im Finale nur Chris Hoy aus Großbritannien an sich vorbeilassen. Zum Auftakt am vergangenen Donnerstag hatte sich Levy Bronze im Teamsprint geholt. Kurz davor waren Miriam Welte und Kristina Vogel, die gestern im Sprint Vierte wurde, zu Gold im Teamsprint gerast. Damit haben die deutschen Bahnfahrer ihr mageres Ergebnis von Peking deutlich verbessert. 2008 gab es je einmal Silber und Bronze.

Die Gastgeber konnten da allerdings mit einer ganz anderen Statistik aufwarten – ihre Medaillenschmiede arbeitet im Bahnradsport seit vier Jahren auf Hochtouren. In London wiederholten die Briten mit siebenmal Gold ihr grandioses Ergebnis von Peking. Der herausragende Athlet der Gastgeber war auch in London der viel umjubelte Hoy, der sich als Keirin-Sieger seinen insgesamt sechsten Olympiasieg sicherte.

Damit ist der Schotte, der vor drei Jahren von der Queen zum Ritter geschlagen wurde, vor dem Ruderer Steve Redgrave der erfolgreichste britische Olympionike – Grund genug, dass das mit 6000 Zuschauern ausverkaufte Velodrom einen Jubelsturm ohnegleichen erlebte. Unter den Gästen der Radsportparty waren auch Straßen-Weltmeister Mark Cavendish und Bürgermeister Boris Johnson.

Der 25-jährige Levy war ein starkes Rennen gefahren und hatte den übermächtigen Hoy vor der letzten Kurve in arge Bedrängnis gebracht. Dann setzte sich der Topfavorit, der in England Popstar-Status genießt, aber unter dem frenetischen Geschrei der Zuschauer noch klar durch. Bronze teilten sich der Niederländer Teun Mulder und der Neuseeländer Simon van Velthooven. „Das war grandios. Schade, dass es für Maximilian nicht zu Gold gereicht hat. Er war der Einzige, der Hoy angegriffen hat. Alle andere waren nur im Windschatten“, sagte Bundestrainer Detlef Uibel.

Für das zweite Gold der Briten hatte am Dienstag im Omnium der Frauen mit nur einem Punkt Vorsprung Laura Trott gesorgt. Deutsche Fahrerinnen waren bei der Olympiapremiere des Sechskampfes nicht am Start.
Kristina Vogel zog im kleinen Sprint-finale zweimal gegen die Chinesin Shuang Guo den Kürzeren. „Am Ende haben ein bisschen die Körner gefehlt. Jetzt fällt der ganze Druck ab von mir. Dann ist man doch den Tränen nahe. Dass der 4. Platz auch so verdammt undankbar sein muss – aber die Zukunft gehört mir“, sagte Vogel nach dem Rennen.

Gerhard Müller und dpa

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