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Olympia 2012 Fechterin Heidemann holt Silber
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09:11 31.07.2012
Banges Warten auf die Entscheidung: Erst nach einer Jury-Entscheidung zog Britta Heidemann ins Finale ein. Quelle: dpa
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London

War der Bundespräsident Britta Heidemanns Glücksbringer? Joachim Gauck wird sich am Montagabend gefreut haben – über die erste deutsche Medaille in London und die denkwürdige Tatsache, dass sie von der ihm seit Sonnabend persönlich bekannten Degenfechterin in der längsten Sekunde der Sportgeschichte errungen wurde.

In der Fechthalle ist es dunkel wie in einer Disco. Zwischen den Kämpfen ist auch die Musik passend. Rockige Klänge. Der Einmarsch der Athletinnen erinnert an die Zeremonie beim Boxen, nur Bademäntel tragen die Damen nicht. Der Hallensprecher will offenbar dem ebenfalls von Boxkämpfen bekannten Michael Buffer Konkurrenz machen. Die zweite Silbe von Heidemann zieht er röhrend in die Länge.

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Zurück zum Bundespräsidenten. Den die Olympiasiegerin von 2008 am Sonnabend im Deutschen Haus getroffen. Auf ihrer Facebookseite kann man sie mit Herrn Gauck bewundern. „Er hat mir für Montag die Daumen gedrückt“, steht neben dem Foto. So viel und nicht weniger Beistand kann die Leverkusenerin im Halbfinale gut brauchen. Gegen Shin A-Lam steht es 5:5, noch eine Sekunde bleibt der Deutschen, um die Niederlage abzuwenden, denn ein Remis, so will es die Auslosung, würde der Südkoreanerin das Gefecht um Gold bescheren.

Britta Heidemann gelingt tatsächlich der wichtige Treffer. Zumindest entscheidet die österreichische Obfrau Barbara Csar so. Es ist 18.51 Uhr Ortszeit, als die 29-Jährige die Arme hoch reißt. Doch dann geschieht etwas, von dem selbst Kenner des Fechtsports behaupten, das hätten sie noch nicht erlebt. Der südkoreanische Trainer protestiert, die Sekunde soll abgelaufen gewesen sein, der Treffer mithin zu spät erfolgt. Die Offiziellen beginnen zu diskutieren. Zeitlupen werden studiert, Lams Coach zetert lautstark, die Fechterinnen stehen auf der Planche, Lam A Shin kann ihre Tränen nicht zurückhalten. 26 Minuten später ist genug geredet. Britta Heidemann wird zur Siegerin erklärt. Es ist 19:17 Uhr, als sie die Halle jubeln verlässt. Auf der Planche sitzt ihre Gegnerin, in sich versunken, den Kopf gesenkt. Würde sie die Bahn verlassen, hätte sie das Urteil anerkannt. Ein wahrlich außergewöhnlicher olympischer Moment.

Britta Heidemann hat ein Buch geschrieben. Titel: „Erfolg ist eine Frage der Haltung“. Darin heißt es: „Wenn wir uns um unsere eigene innere Haltung bemühen, statt uns die ganze Zeit mit unserem Gegenüber zu beschäftigen, gelangen wir am besten ans Ziel. Es geht vor allem um unsere mentale Stärke. Klären wir also, wer der Gegner ist – unser Gegenüber oder wir selbst?

Sie konnte nicht ahnen, dass diese Auffassung am Abend des 30. Juli 2012 außer Kraft gesetzt werden würde. Sie ist zwar in den Katakomben verschwunden, der Protest geht jedoch in die Verlängerung. Die Südkoreaner sind hartnäckig. Wieder ist Heidemanns größter Gegner die Jury, mentale Stärke ist plötzlich nicht mehr gefragt. Um 19.58 Uhr folgt das nun endgültige Urteil. Es bleibt dabei, die Deutsche darf ins Finale. Die Südkoreanerin erleidet einen Weinkrampf und muss von zwei Funktionären von der Planche geleitet werden. Das Publikum hat ein gutes Gespür für diese unerträgliche Situation. Beifall und Buhrufe begleiten Lam A-Shin, und als eine Viertelstunde das Gefecht um Bronze beginnt, wird jeder ihrer Teffer gegen die Chinesin Sun Yujie frenetisch bejubelt. Doch es reicht nicht, die Chinesin triumphiert 15:11. Ein Unglück kommt selten allein.

Auch bei Britta Heidemann hat die Sekunde, die mehr als eine Stunde währte, womöglich Spuren hinterlassen. Sie liegt im Finale 3:5 und 4:6 zurück, egalisiert zum 8:8 und verliert schließlich gegen die Ukrainerin Yana Schemyakina im „Sudden Death“ mit 8:9. Aber sie hat Silber gewonnen. Herr Bundespräsident, gratulieren Sie bitte.

Gerhard Müller

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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